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Angehörige der "Freien Syrischen Armee" beim Selfie in Afrin: Die Rebellen sind zusammen mit dem türkischen Militär in die kurdische Stadt im Norden Syriens eingerückt, ohne auf Gegenwehr der Kurdenmiliz zu stoßen.

Syrien

Türkische Armee erobert Afrin

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Die türkische Armee rückt ins menschenleere Zentrum von Afrin ein: Zehntausende haben die kurdische Stadt im Norden Syriens verlassen. Die kurdische Miliz kündigt einen Guerillakrieg an.

Die türkische Armee hat am Sonntagmorgen die nordsyrische Kurdenstadt Afrin eingenommen. Bilder des türkischen Fernsehens zeigten, wie das Militär und seine überwiegend islamistischen Verbündeten der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) in das menschenleere Zentrum einrückten und türkische Fahnen am Rathaus hissten. Auf Gegenwehr seien die Kämpfer nicht getroffen, teilte ein FSA-Sprecher mit. Die Kurdenmiliz YPG habe sich zurückgezogen. „Die meisten Terroristen sind mit eingeklemmten Schwänzen geflohen“, sagte der türkische Staatspräsident Erdogan bei einer Rede zum Gedenken an die „Märtyrer“ der Schlacht von Canakkale (Gallipoli) im Ersten Weltkrieg. Er verglich das Ereignis mit dem Sieg des Osmanischen Reiches in dem historischen Kampf und nannte das türkische Militär „die letzte Armee des Islams“. Nun werde das Gebiet von Minen und Sprengsätzen gesäubert. Kurdische Medien berichteten unterdessen von Massakern durch die türkische Armee und Plünderungen durch die FSA.

Wider Erwarten war die Schlacht um Afrin vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte. Politische Beobachter und Analysten hatten lange und blutige Gefechte prognostiziert, da die Verteidiger der Kurdenmetropole, in der zuletzt noch bis zu 400.000 Menschen ausgeharrt haben sollen, einen Kampf bis zum Tod geschworen hatten. Die kurdischen Selbstverteidigungskräfte (YPG) verfügten in Afrin über bis zu 10.000 gut trainierte und kampferprobte Milizionäre, dazu 30.000 Zivilisten mit einer militärischen Grundausbildung, die durch mehrere tausend zusätzliche Kämpfer aus iranischen Milizen, Hizbollah und arabischen Verbündeten verstärkt worden waren. Doch der im europäischen Exil lebende syrische Kurdenführer Salih Muslim bestätigte am Sonntagmittag die Räumung der Stadt auf Twitter. Er schrieb aber auch, dass „der Rückzug aus einer Schlacht nicht bedeutet, den Krieg zu verlieren und den Kampf aufzugeben“.

Die kurdischen Kantonsregierung von Afrin erläuterte in einer Presseerklärung, man habe sich entschieden, Zivilisten aus der Stadt zu evakuieren, um eine „furchtbare humanitäre Katastrophe zu verhindern“. Ab sofort werde die Kampftaktik „von direkter Konfrontation zu Guerillakrieg geändert, um die Tötung von noch mehr Zivilisten abzuwenden“. Mehrere YPG-Kommandeure schrieben auf Twitter, dass ihre Kämpfer weiterhin Widerstand leisteten. „Wir haben uns nicht aus Afrin zurückgezogen“, erklärte YPG-Sprecher Brusk Hasaka. „Die YPG ist in allen Teilen Afrins weiter präsent und wird den Kampf fortsetzen.“ Dem Vernehmen nach sollten die Flüchtlinge in Gebiete gebracht unter Kontrolle der Kurden oder des Assad-Regimes gebracht werden, doch gab es widersprüchliche Angaben, ob die Flüchtenden diese auch erreichen konnten. Cemila Heme von der Hilfsorganisation „Kurdischer Roter Halbmond“ berichtet als Augenzeugin im deutschen Fernsehsender ZDF, dass bis zu 900.000 Menschen aus Afrin auf der Flucht seien, die das Assad-Regime aber nicht passieren lasse.

Afrin gilt als besonders YPG-treues Gebiet

Afrin gilt als besonders YPG-treues Gebiet, in dem auch zahlreiche kampferprobte ehemalige PKK-Kämpfer leben. Ankara bekämpft die YPG, weil sie sie als Teil der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK betrachtet - was die Kurden bestreiten. Dagegen sind die USA mit der YPG als wichtigster militärischer Bodentruppe gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verbündet, doch fühlt sich Washington nicht für Afrin zuständig.

Obwohl Erdogan den in Orwellscher Diktion als „Operation Olivenzweig“ bezeichneten Feldzug als Blitzkrieg angekündigt hatte, brauchten die türkischen Angreifer seit Beginn des Feldzugs am 20. Januar bis Afrin-Stadt fast zwei Monate, weil die YPG zunächst zähen Widerstand leistete. Afrin ist kurdisches Kernland seit Jahrhunderten, vor dem Beginn der türkischen Invasion waren rund 90 Prozent der Einwohner Kurden. Viele Beobachter waren deshalb erstaunt, dass die kampfstarke YPG zuletzt den Rückzug antrat und den Türken leergeräumte Ortschaften überließ. Doch die Verteidiger hatten der strategischen Überlegenheit der Türkei wegen deren Lufthoheit letztlich nichts entgegenzusetzen, da Russland, das den Luftraum Nordsyriens kontrolliert, Ankara gewähren ließ. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London mitteilte, wurden seit Beginn der Intervention mehr als 1.500 kurdische Kämpfer, etwa 400 der protürkischen Truppen und über 280 Zivilisten getötet.

YPG-Vertreter beschuldigten die Türkei unterdessen, die Demographie Afrins ändern, das Gebiet „kurdenfrei“ machen und annektieren zu wollen - einen Vorwurf, den Ankara strikt zurückweist. Doch bereits zu Beginn der Invasion hatte Erdogan wahrheitswidrig erklärt, dass in der Enklave nur 35 Prozent Kurden lebten, und seine Frau Emine hatte kürzlich angekündigt, dass 500.000 syrische Flüchtlinge aus der Türkei in Afrin angesiedelt werden sollten – mutmaßlich Turkmenen und Araber. Am Donnerstag hatte ein Erdogan-Sprecher sogar angekündigt, dass die Türkei nach der Eroberung Afrins nicht plane, das Gebiet an das Regime in Damaskus zurückzugeben, sondern es selbst beherrschen wolle. Vor einigen Tagen sagte der Präsident: „Wir können nicht ewig 3,5 Millionen Flüchtlinge beherbergen. Wir werden die Lage in Afrin lösen, … und wir wollen, dass unsere geflüchteten Brüder und Schwestern in ihr eigenes Land zurückkehren.“

Die Kantonsregierung von Afrin appellierte in ihrer Presseerklärung an die Vereinten Nationen und den UN-Sicherheitsrat, „den kulturellen und politischen Genozid gegen unsere Gesellschaft zu beenden und die Rückkehr unserer Menschen an ihre Heimatorte unter internationaler Überwachung zu gewährleisten“. Sie bezog sich damit auf eine zunächst unbestätigte Meldung kurdischer Medien, dass ein Konvoi von rund 300 Kurden, die in der Nacht zum Sonntag in ihre Häuser in der Stadt Dschindires zurückkehren wollten, von türkischen Kampfjets bombardiert worden seien. Fast alle Teilnehmer seien dabei umgekommen. In Afrin-Stadt sollen derweil noch rund 200.000 Einwohner ausharren.

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