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Vor allem die deutsche Kritik am Islamverband Ditib, dessen Zentralmoschee Erdogan jüngst in Köln eröffnete, stößt in der Türkei auf Wut.

Erdogan in Köln

Türken im Anklagemodus

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Die Kritik am Islamverband Ditib wird nach der umstrittenen Eröffnung der Zentralmoschee mit Erdogan in Köln lauter. Regierungstreue türkische Zeitungen prangern die Weigerung Deutschlands an, "Terroristen" auszuliefern.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan fordert nach seinem Staatsbesuch in Deutschland die Auslieferung von 136 Menschen. Erdogan bezeichnete die Gesuchten als Terroristen. Man habe der deutschen Regierung eine entsprechende Namensliste übergeben, sagte Erdogan laut der Zeitung „Hürriyet“. Vergangene Woche war noch von 69 Menschen die Rede. Erdogan war Samstagabend nach Ankara zurückgeflogen. Die Interviews aus dem Flugzeug waren erst für Montag freigegeben worden. 

Die Kritik am Islamverband Ditib wird nach der umstrittenen Eröffnung der Ditib-Zentralmoschee mit Erdogan in Köln lauter. Politiker aus Koalition und Opposition verlangten am Montag einen Kurswechsel. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), forderte die Ditib auf, sich von der türkischen Regierung zu lösen. Der langjährige Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck forderte die Verantwortlichen auf, klare Kante zu zeigen. Die Ditib habe sich „in den letzten Jahren nicht in Richtung einer muslimischen Religionsgemeinschaft in Deutschland, sondern eher zu einem identitären Diasporaverein entwickelt“.

„In unserem Land würden wir uns nicht so benehmen“ 

Dem Resümee ihres Staatspräsidenten - „ein guter und erfolgreicher Besuch“ – stimmt die zu rund 95 Prozent gleichgeschaltete türkische Presse mit wenigen Einschränkungen zu. Die regierungsnahen Blätter schreiben, dass der Besuch „ein neues Kapitel in den bilateralen Beziehungen eröffnet“ habe und sowohl Merkel wie Erdogan Signale der Kooperation ausgesendet hätten („Sabah“). Die erst kürzlich auf Regierungskurs gebrachte „Hürriyet“ zitiert Erdogan mit den Worten, dass die „Periode der Misstöne“ nun enden werde – kommentiert dann aber eben solche Misstöne beim Staatsbankett, als Bundespräsident Steinmeier die Menschenrechtsfrage in der Türkei erneut ansprach, mit Erdogans Worten: „In unserem Land würden wir uns nicht so benehmen, wenn wir Leute zum Essen einladen.“ 

Im Boulevard- und Verschwörungsblatt „Star“ betont der Kolumnist Nuh Albayrak, dass Erdogan seinen starken Willen zur Normalisierung der Beziehungen bekundet habe, indem ihn sein erster Staatsbesuch nach der Wiederwahl zum Staatspräsidenten nach Deutschland führte. „Aber für Deutschland trifft das nicht zu“, knurrt der Kommentator und verfällt in den altgewohnten Anklagemodus. „Deutschland gewährt den Terroristen von Fetö (Gülen-Bewegung) und PKK (Kurden-Guerilla) weiterhin Unterschlupf und forscht gleichzeitig die türkisch-islamische Union Ditib aus. Statt Ditib zu beobachten, sollte Deutschland sich darauf konzentrieren, Priester auszubilden, die keine Kinderschänder sind.“

Massenblatt schert aus

Auch andere Erdogan-treue Zeitungen prangern mit ähnlichen Schlagzeilen die Weigerung Deutschlands an, „Terroristen“ auszuliefern: „Obwohl wir ihnen alle Beweise vorlegen, sagen sie, es sei nicht genug, um die Fetö-Mitglieder auszuliefern“ („Türkiye“). Aus der Phalanx gleichlautender Kommentare schert das rechtskemalistische Massenblatt „Sözcü“ aus. Zwar habe sich Erdogan bemüht, die Beziehungen mit Deutschland zu reparieren, doch hätten die Gespräche gezeigt, dass es nötig sei, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte zu respektieren, um die Wirtschaftskrise und die Blockade der türkischen Außenpolitik zu überwinden, schreibt die Kolumnistin Zeynep Gürcanli. Darauf habe besonders der deutsche Bundespräsident Steinmeier hingewiesen.

„Offenbar hat Erdogan den Ernst der Lage erkannt, denn er machte zwei Versprechen: Die Türkei werde alle Kriterien für den Visa-freien Reiseverkehr und den EU-Beitritt erfüllen.“ Das aber beinhalte die Harmonisierung der türkischen Antiterrorgesetze mit den EU-Standards, die Wiederherstellung der Gewaltenteilung und der Unabhängigkeit der Justiz. Wie realistisch dies ist, ließ die Kommentatorin ebenso offen wie Ertugrul Özkök, einer der letzten verbliebenen liberalen Hürriyet-Kolumnisten.

Mit seinem Deutschlandbesuch habe Erdogan die taumelnde Landeswährung Lira gestärkt, konstatiert Özkök. „Noch mehr würde die Lira gestärkt, wenn die Türkei zu den Kopenhagen-Kriterien (der EU) zurückfände und Journalisten und Intellektuelle wie Osman Kavala und Nazli ilicak freiließe.“ (mit dpa/afp/kna)

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