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Inflationschaos in der Türkei: Land „hat sich für Armut entschieden“

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Das Unabhängige Wirtschaftsinstitut beziffert die Inflation auf 160 Prozent. Die Regierung sagt 73 Prozent. Die Opposition spricht von Manipulation.

Ankara - Die Türkei kommt nicht aus der Inflationsfalle raus. Derzeit liegt die Inflation nach Angaben des staatlichen Statistikbüros „TÜIK“ bei 73 Prozent. Vergangenen Monat lag die Inflation bei rund 70 Prozent. Finanzminister Nureddin Nebati gab über Twitter bekannt, dass auch in Zukunft der Kampf gegen die Inflation oberste Priorität haben wird. „Man wird nicht erlauben, dass die Bürger von Inflation erdrückt werden,“ so Nebati.

Inflation in der Türkei steigt laut „Enagrup“ auf 160%
Wirtschaftskrise in der Türkei © Tolga Ildun/dpa

Türkei: Maßnahmen befeuern Inflation

Doch die Maßnahmen der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan haben bislang die Inflation befeuert, statt sie zu bekämpfen. Wirtschaftsexper:tinnen mahnen zu einer Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank „TCMB“ (Türkiye Cumhuriyet Merkez Bankasi). Erdogan hatte immer wieder in der Vergangenheit Druck auf die Zentralbank gemacht, damit die Zinsen weiterhin niedrig sind. „In westlichen Ländern sind Zentralbanken unabhängig und entscheiden alleine über eine Steigung oder Senkung des Leitzinses. In der Türkei ist sie das aber nicht“, sagt der Wirtschaftsexperte und ehemalige Diplomat Ömer Güler im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

Ömer Güler, Wirtschaftsexperte und ehemaliger türkischer Diplomat glaubt den offiziellen Inflationszahlen nicht.
Ömer Güler, Wirtschaftsexperte und ehemaliger türkischer Diplomat © Ömer Güler/privat

Güler sieht eine Anhebung der Leitzinsen aber für unerlässlich: „Die Türkei steht vor der Wahl, entweder durch eine Zinserhöhung eine Steigung der Arbeitslosigkeit zu befördern oder durch eine höhere Inflation Armut zu riskieren. Die Türkei hat sich für Armut entschieden“, sagt Güler. Derzeit liegt die Arbeitslosigkeit in dem Land bei 11,5 Prozent. Sollte der Leitzins ansteigen, würde die Zahl der Arbeitslosen höher ausfallen, da höhere Zinsen weniger Investitionen bedeuteten.

Türkei: Wirtschaftsinstitut sieht Inflation bei 160 Prozent

Finanzminister Nureddin Nebati bleibt optimistisch. Bis Ende des Jahres will er die Inflation in der Türkei auf unter 50 Prozent drücken, bis Ende Dezember sogar auf 19,9 Prozent, sagte er auf einem Parteitreffen der Regierungspartei AKP in Kızılcahamam. Eine Anhebung des Leitzinses schließt Nebati dennoch aus.

Auch die Inflationszahlen dürften nicht stimmen. Das unabhängige Wirtschaftsinstitut „Enagrup“ hatte die Inflationszahlen auf 160,76 Prozent berechnet. Die Opposition spricht daher von Manipulation. „Würde das Statistikamt die richtigen Inflationszahlen veröffentlichen, würden die Beamte und Renter mehr Geld bekommen“, kritisiert der stellvertretende Vorsitzende der Oppositionspartei CHP, Veli Agbaba. Die Anhebung des Mindestlohns, der Renten, und Gehälter richtet sich in der Türkei nach den Inflationszahlen. Wegen dieser „Lüge“ würde den Menschen der Lohn gestohlen, so Agbaba. (Erkan Pehlivan)

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