+
Über der Hauptstadt Ankara lässt Erdogan die neuen russischen Raketen testen.

Türkei

Erdogan pokert weiter

  • schließen

Die Türkei beginnt mit dem Test russischer Luftabwehrsysteme vom Typ S-400. Die USA drohen mit weiteren Sanktionen

Die nächste Runde im Raketenstreit der Türkei mit den USA ist eingeläutet: Das türkische Militär hat diese Woche mit der Aktivierung der umstrittenen russischen Luftabwehrraketen begonnen. Staatschef Recep Tayyip Erdogan riskiert damit massive Sanktionen der Vereinigten Staaten.

Die Bewohner der türkischen Hauptstadt Ankara wurden Anfang dieser Woche immer wieder durch Kampfflugzeuge aufgeschreckt, die dicht über die Dächer ihrer Häuser donnerten. Die F-16-Jets kamen von der nahegelegenen Luftwaffenbasis Mürted. Die Tiefflüge waren nicht nur für die Anwohner unüberhörbar, sie werden auch ein politisches Echo im fast 9000 Kilometer entfernten Washington auslösen. Denn mit dem Manöver bereiteten sich die türkischen Streitkräfte auf den Einsatz ihrer neuen Luftabwehrsysteme des russischen Typs S-400 vor. Konkret wurde bei den Überflügen getestet, wie schnell und zuverlässig die Radaranlagen der russischen Raketen die anfliegenden Kampfjets erkennen und fixieren können. Damit unterstreicht die Türkei ihre Entschlossenheit, die S-400 in Betrieb zu nehmen – ungeachtet aller Bedenken seitens der Nato und scharfer Kritik aus den USA.

Seit die Türkei Ende 2017 die Luftabwehrsysteme in Moskau bestellte, hat sich der Streit immer weiter zugespitzt. Die USA sehen in den russischen Raketen eine Gefahr für ihren Tarnkappenjet F-35, von dem die Türkei 100 Exemplare bestellt hat. Die Amerikaner fürchten, mit den in der Türkei stationierten S-400 könnte Russland die Stärken und Schwächen der Tarnkappenflugzeuge ausspionieren.

Als die ersten Raketen in diesem Sommer geliefert wurden, stoppte Washington deshalb die Auslieferung der F-35 an die Türken und beendete die Teilnahme türkischer Firmen am Entwicklungs- und Produktionsprogramm. Das bedeutet Milliardeneinbußen und einen schweren technologischen Rückschlag für die aufstrebende türkische Rüstungsindustrie.

Vor zwei Wochen hatte der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan bei seinem Besuch im Weißen Haus erklärt, er werde keinesfalls auf die S-400 verzichten. Mit den jetzt aufgenommen Tests macht die Türkei den ersten Schritt zur Aktivierung der Waffensysteme. In den vergangenen Monaten wurde als mögliche Kompromissformel diskutiert, die Türkei könnte die russischen Waffensysteme zwar aufstellen, aber auf ihre Inbetriebnahme verzichten, die Raketen also einmotten. Diese Lösung ist nun wohl vom Tisch. Erdogan erhöht damit den Einsatz beträchtlich. Erst vergangene Woche warnte der US-Senator Lindsey Graham, ein enger Verbündeter von Präsident Donald Trump, eine Aktivierung der Raketen bedeute den „Anfang vom Ende der Beziehungen zwischen uns und Erdogans Türkei“.

Graham unterstützt zudem Strafmaßnahmen gegen die Türkei. Dazu gibt es zwei Gesetzentwürfe im Senat. Das Repräsentantenhaus beschloss bereits vergangenen Monat mit 403 gegen 16 Stimmen Sanktionen gegen Ankara. Sie reichen von der Beschlagnahme türkischer Vermögenswerte in den USA über Visa-Beschränkungen, ein Waffenembargo und Strafmaßnahmen gegen türkische Finanzinstitutionen bis hin zu einem Verbot für US-Bürger und Banken, in türkische Staatsanleihen zu investieren. Präsident Trump, dessen gutes persönliches Verhältnis zu Erdogan sich auch bei dem jüngsten Besuch des türkischen Staatschefs zeigte, könnte die Sanktionen zwar verzögern. Trump steht aber auch in der eigenen Partei unter wachsendem Druck, einen härteren Kurs gegenüber der Türkei zu fahren.

Erdogan scheint das alles nicht zu beeindrucken. Er will die Rüstungskooperation mit Moskau sogar vertiefen. Der russische Rüstungskonzern Rosoboronexport teilte mit, man verhandele mit Ankara bereits über die Lieferung weiterer S-400. Der Vertrag soll in der ersten Jahreshälfte 2020 unterzeichnet werden. Erdogan hatte erst Anfang November angekündigt, wenn es bei dem Lieferstopp für die F-35 bleibe, werde die Türkei die Beschaffung russischer Kampfjets prüfen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion