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„Türkei begeht Völkerrechtsbruch“: Westen schweigt zu Menschenrechtsverletzungen in Afrin

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Syrische Kurden feiern das kurdische Neujahrsfest «Newroz» in der Stadt Afrin.
Syrische Kurden feiern das kurdische Neujahrsfest Newroz in der Stadt Afrin. © Anas Alkharboutli/dpa

Nach der Besatzung von Afrin wurden viele Kurden aus der Stadt vertrieben. Experten sprechen von „ethnischen Säuberungen“ und der Westen schweigt.

Afrin - Die Türkei hält Teile in Nordsyrien unter ihrer Kontrolle. Eines davon ist die Stadt Afrin, die 2018 von türkischen Soldaten und mit ihnen verbündeten syrischen Dschihadisten erobert wurde. Damals war die Stadt fast vollständig kurdisch geprägt. Nach Angaben von Kamal Sido, Nahostreferent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), bestand Afrin vor dem türkischen Einmarsch zu 96 Prozent aus Kurden.

Nur noch 20 bis 30 Prozent Kurden in Afrin

„Heute leben in Afrin nur noch 20 bis 30 Prozent Kurden“, so Sido, dessen Familie selbst aus der Stadt kommt. Heute würden dort durch die Besatzer arabische Familien angesiedelt werden. Viele vertriebene Kurden leben heute in der von den den Demokratischen Kräften Syriens kontrollierten Gebieten im Norden des Landes. „Das, was dort das türkische Militär und die mit ihn verbündeten dschihadistischen Milizen machen, ist eine ethnische Säuberung“, so Sido im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

Dr. Kamal Sido, Nahostreferent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker
Dr. Kamal Sido, Nahostreferent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker © GvbV/Kamal Sido

„Türkei begeht Völkerrechtsbruch“

Auch der Vorsitzende der kurdischen Gemeinde in Deutschland, Ali Ertan Toprak, kritisiert das türkische Vorgehen gegenüber unserer Redaktion. „Die Türkei hat im Nordwesten Syriens aus der kurdische Region Afrin Hunderttausende Kurden und andere ethnische und religiöse Minderheiten vertrieben“, so Toprak. „In den Schulen gelten türkische Lehrpläne. Auf öffentlichen Gebäuden prangen türkische Aufschriften und die türkische Fahne. In jesidischen und alevitischen Dörfern wurden Moscheen gebaut“, kritisiert der Vorsitzende der kurdischen Gemeinde. Toprak sieht in der Besatzung der Region einen Völkerrechtsbruch, der von der internationalen Staatengemeinschaft nicht geahndet wird.

Ali Ertan Toprak, Bundesvorsitzender Kurdische Gemeinde Deutschland, zum Thema Besuche deutscher Politiker in Ditib-Moscheen.
Ali Ertan Toprak, Bundesvorsitzender Kurdische Gemeinde Deutschland ©  Sedat Mehder

Westen schweigt zu ethnischen Säuberungen in Afrin

Kritik an den ethnischen Säuberungen in Afrin kommt auch von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). „Das, was dort geschieht ist eine ethnische Säuberung. Und der Westen schweigt dazu,“ kritisiert der Vorstandssprecher der IGFM, Martin Lesenthin, im Gespräch mit uns. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan drohe dem Westen mit Millionen Flüchtlingen im eigenen Land, die nach Europa wollten. Zudem könne Erdogan mit seinem Veto für einen Nato-Beitritt Schwedens und Finnlands auch Zugeständnisse erzwingen, so auch das Schweigen für Menschenrechtsverbrechen in Afrin.

Martin Lesenthin, Vorstandssprecher der IGFM, kritisiert Vorgehen der Türkei in Afrin.
Martin Lesenthin, Vorstandssprecher der IGFM © U. Grenzer/Martin Lesenthin

Derzeit besteht die Gefahr, dass die Türkei eine neue „Militäroperation“ in Nordsyrien beginnt und erneut Teile in der Region besetzt. Erdogan hatte zuletzt angekündigt „in Teilen Nordsyriens“ eine 30 km breite Sicherheitszone einzurichten. (Erkan Pehlivan)

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