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Operation „Kralle-Schwert“: Erdogan erwägt weitere Bodenoffensive in Syrien

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Von: Erkan Pehlivan

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Die türkische Luftwaffe bombardiert seit zwei Tagen kurdische Ziele in Nordostsyrien und im Irak. Präsident Erdogan droht jetzt auch, Bodentruppen einzusetzen.

Update vom 22. November, 2022: Nach Beginn der türkischen Luftangriffe geht Ankara weiter militärisch im Norden Syriens vor - Präsident Recep Tayyip Erdogan erwägt sogar eine Bodenoffensive. Es werde weiter „abgerechnet“, twitterte das türkische Verteidigungsministerium am Montag, während kurdische Aktivisten von starkem Beschuss in ländlichen Region im Osten Aleppos und in der Region Kobane berichteten. In der südosttürkischen Provinz Gaziantep starben der Türkei zufolge drei Menschen nach Beschuss aus Syrien. Erdogan zog eine Bodenoffensive in Betracht: Es stehe außer Frage, dass man sich nicht auf Lufteinsätze beschränke, sagte er.

Erstmeldung vom 21. November 2022: Ankara – Die Luftwaffe der Türkei greift weiterhin kurdische Stellungen in Nordsyrien und dem Irak an. „Die Unterkünfte, Verstecke, Höhlen, Tunnel, Munitionsdepots und sogenannte Stützpunkte sowie Ausbildungslager der Terroristen, die unser Land, Volk und Grenzen bedrohen, wurden zerstört“, ließ das türkische Verteidigungsministerium auf Twitter mitteilen. Die Operation „Kralle-Schwert“ (Türkisch: Pençe-Kılıç) diene der Selbstverteidigung der Türkei.

Vorsitzende des Verteidigungsauschusses nennt Angriffe „unmenschlich“

Die türkischen Angriffe in den Nachbarländern führen in Deutschland teilweise zu heftiger Kritik. „Das ist unmenschlich und nicht akzeptabel. Wir können uns nicht von einem Nato-Partner so vorführen lassen“, lässt die Abgeordnete und Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), über Twitter mitteilen.

Türkei greift vor allem zivile Ziele in Nordostsyrien an

Nicht nur aus der Politik kommen kritische Stimmen an den türkischen Attacken auf Kurden in Nordsyrien. „Bei den letzten Angriffen in Nordsyrien wurden vor allem zivile Ziele angegriffen“, sagt Kamal Sido, Nahost-Referent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. „Erdogan will Kurden vertreiben und die Region kurdenfrei machen“, fürchtet der Nahostexperte.

Kurdische Gruppen weisen Verantwortung von Terroranschlag von sich

Nach eigenen Angaben reagiert die türkische Regierung damit auf den Bombenanschlag in Istanbul, für den sie die PKK und die syrische Kurden-Miliz YPG verantwortlich macht. Dabei wurden am 13. November sechs Menschen getötet und Dutzende verletzt. Sowohl PKK als auch YPG erklärten, nichts mit dem Terroranschlag zu tun zu haben. Die Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien distanziert sich ebenfalls von dem Anschlag und fordert ein Ende der türkischen Angriffe. Mehrere Minister der AKP-Regierung hatten nach dem Anschlag auch die USA, Frankreich und Deutschland beschuldigt.

Ein türkischer Panzer fährt auf einer Straße während eines Großangriffs durch Oppositionsaktivisten auf syrische Regierungstruppen.
 (Archivbild)
Ein türkischer Panzer fährt auf einer Straße während eines Großangriffs durch Oppositionsaktivisten auf syrische Regierungstruppen. (Archivbild) © Anas Alkharboutli/dpa

Mindestens 12 Zivilisten bei Angriffen in Nordostsyrien getötet

„Die Türkei bombardiert hier Städte wie Kobane und nicht die YPG. Auch Krankenhäuser, Elektrizitäts- und Wasserwerke wurden bislang von türkischen Kampfjets bombardiert“, sagte Khaled Davrisch von der Vertretung der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien in Deutschland unserer Redaktion gegenüber. Dabei seien mindestens zwölf Zivilisten getötet worden, darunter laut Davrisch auch der Journalist Issam Abdullah von der kurdischen Presseagentur Hawar. Mit den türkischen Angriffen werde nur die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien sowie die Syrisch Demokratischen Kräfte (SDF) geschwächt und dadurch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ gestärkt, so Davrisch.

Erdogan will auch Bodentruppen in Nordostsyrien einsetzen

Inzwischen zieht der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan neben den Luftangriffen auf kurdische Ziele in Syrien auch Bodenoffensiven in Betracht. Im Irak sind türkische Bodentruppen bereits seit Monaten im Einsatz. Es stehe außer Frage, dass man sich nicht auf Lufteinsätze beschränke. „Es muss entschieden werden, wie viele Kräfte sich von den Bodentruppen beteiligen müssen, und dann werden Schritte unternommen“, sagte Erdogan laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu am Montag.

Zivilverwaltung fürchtet bei Bodenoffensive Flüchtlingswelle

Erdogan hatte in der Vergangenheit wiederholt über eine weitere Invasion in syrisches Gebiet gesprochen. Dem seit 2018 von türkischen Soldaten und mit ihnen verbündete Dschihadisten besetzte Afrin könnte jetzt Manbidsch und Kobane folgen. Hunderttausende Menschen, vor allem Kurden, waren nach der Besetzung aus Afrin geflohen. Bei einer erneuten Invasion durch türkische Truppen drohen viele Tote und weitere Fluchtbewegungen, wie die Zivilverwaltung in Nordostsyrien fürchtet.

Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte geht davon aus, dass bei den Angriffen im Irak und Nordostsyrien bislang mindestens 35 Menschen getötet worden seien. Kurdische Milizen hatten Vergeltung angekündigt. Türkischen Berichten zufolge sind bei einem Raketenangriff auf die türkische Gemeinde Karkamış in der Grenzstadt Gaziantep drei Personen getötet worden. Die Raketen sollen von kurdischen Milizen in Nordostsyrien abgefeuert worden sein. (Erkan Pehlivan)

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