+
Warten auf Unterstützung aus der Türkei: Kämpfer der international anerkannten Regierung in Tripolis.

Libyen

Die Türkei schickt ihre Milizen nach Libyen

  • schließen

Ein Appell des UN-Generalsekretärs zur Zurückhaltung wird in Ankara einfach ignoriert.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan verliert keine Zeit. Wenige Tage, nachdem er sich vom Parlament in Ankara die Ermächtigung für einen Militäreinsatz in Libyen geholt hat, setzte er bereits die ersten Soldaten in Marsch. Die Truppen seien „nach und nach schon unterwegs“, sagte der Präsident am späten Sonntagabend in einem Interview mit dem Sender CNN Türk. Damit macht Erdogan Ernst mit dem angekündigten Einsatz in dem chaotischen nordafrikanischen Bürgerkriegsland – gegen den Widerstand der türkischen Opposition, trotz internationaler Kritik und ungeachtet der Appelle des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres, der vor ausländischer Einmischung in den Konflikt warnte. Am Montag telefonierte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Erdogan. Dies teilte dessen Präsidialamt mit. Bei dem Gespräch ging es wohl um die Entwicklung in Iran und Irak, aber auch um Libyen. Einzelheiten wurden nicht bekannt. Deutschland plant in Kürze eine Konferenz aller wichtigen Akteure im Libyenkonflikt in Berlin, um Möglichkeiten einer Friedenslösung auszuloten.

Das türkische Parlament hatte am Donnerstag mit den Stimmen der Erdogan-Partei AKP und der mit ihr verbündeten ultranationalistischen MHP den Präsidenten zu einem Truppeneinsatz in Libyen ermächtigt, zunächst für ein Jahr. Unklar war aber zunächst, wie viele Soldaten die Türkei entsendet und was genau ihre Aufgabe sein wird. Es handelt sich zumindest in dieser Phase nicht um Kampftruppen, wie Erdogan in dem Interview mit CNN Türk sagte, sondern um Militärberater, die Libyens international anerkannte Regierung unter Ministerpräsident Fadschis al-Sarradsch „unterstützen und eine humanitäre Tragödie verhindern sollen“, wie Erdogan sagte.

„Die Aufgabe unserer Soldaten ist die Koordination, sie werden dort ein Operationszentrum aufbauen“, sagte Erdogan. Die Kampfeinsätze will der türkische Staatschef anderen überlassen. Er sprach im Fernsehen von „anderen Teams“, die dort kämpfen sollen. Nach Berichten von Beobachtern hat die Türkei bereits in den vergangenen Tagen Hunderte Söldner aus Syrien, wo sie zuvor im Auftrag Ankaras gegen kurdische Milizen kämpften, nach Libyen verlegt. Diesen Berichten zufolge werden rund 1000 weitere syrische Kämpfer derzeit in der Türkei auf ihren Einsatz in Libyen vorbereitet.

In dem Land herrschen seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi 2011 chaotische Zustände. Libyen ist praktisch geteilt. Die von den UN anerkannte Regierung al-Sarradsch kontrolliert nur die Hauptstadt Tripolis und Teile ihrer Umgebung. Gegenspieler der Regierung ist der mächtige General Khalifa Haftar, dessen selbst ernannte „Libysche Nationalarmee“ den ölreichen Osten des Landes beherrscht und seit Monaten Tripolis belagert, ohne die Stadt allerdings einnehmen zu können.

Haftar will Tripolis stürmen

Wie bereits in Syrien und Jemen entwickelt sich der Konflikt in Libyen immer mehr zu einem Stellvertreterkrieg: Auf der Seite der Regierung Al-Sarradsch stehen Katar, die Türkei und die ehemalige Kolonialmacht Italien, die aus Libyen viel Öl bezieht und in Zusammenarbeit mit Tripolis die Migrantenströme im Mittelmeer kontrollieren möchte. General Haftar hat die Unterstützung von Russland, Ägypten, Saudi-Arabien, den Emiraten, Frankreich und Israel.

Ende November hatte Erdogan in Istanbul mit Al-Sarradsch Abkommen über militärische Zusammenarbeit und eine Abgrenzung der beiderseitigen Wirtschaftszonen im Mittelmeer unterzeichnet. Damit beanspruchen Libyen und die Türkei Teile der Wirtschaftszonen Griechenlands und Zyperns für sich. In der Region werden Erdgasvorkommen vermutet.

Mit dem Eingreifen der türkischen Streitkräfte in den libyschen Bürgerkrieg droht nach Einschätzung von Beobachtern eine Eskalation. Haftar verkündete wenige Stunden nach dem Beschluss des türkischen Parlaments die „Generalmobilmachung“ seiner Truppen zum Sturm auf Tripolis. UN-Generalsekretär Guterres forderte einen „sofortigen Waffenstillstand“ und warnte die Türkei vor einem Militäreinsatz: Das werde den Konflikt „nur verschärfen und die Bemühungen um eine friedliche Lösung erschweren“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion