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Das Flugabwehrsystem S-400, hier auf dem Roten Platz in Moskau, sorgt für Streit mit den USA.

Russland

Raketen für Erdogan

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Russland liefert Türkei erste Teile des umstrittenen Luftabwehrsystems.

Die nächste Runde im Raketenpoker zwischen der Türkei und den USA hat begonnen: Am Freitag trafen die ersten drei Lieferungen von Teilen des russischen Luftabwehrsystems S-400 auf dem Luftweg in Ankara ein.

Die Frage ist jetzt: Wie reagiert Washington? Die USA hatten die Türkei in den vergangenen Monaten eindringlich vor der Aufstellung der russischen Waffensysteme gewarnt und mit Sanktionen gedroht. Die Amerikaner fürchten, dass Russland mittels der in der Türkei stationierten S-400 die Stärken und Schwächen ihres Tarnkappenflugzeugs F-35 ausspionieren könnten, von dem die türkische Luftwaffe 100 Exemplare bestellt hat. Trotz der Warnungen aus Washington hatte der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan immer wieder erklärt, sein Land halte an der Beschaffung der S-400 fest. Nun kommt es zum Showdown.

Den Lieferbeginn bestätigten am Freitag übereinstimmend das türkische Präsidialamt und eine Sprecherin der russischen Regierung in Moskau. In den nächsten Tagen sollen weitere Lieferungen folgen. Die Installation der Raketensysteme könnte in vier bis sechs Wochen abgeschlossen sein, schrieb das regierungsnahe türkische Nachrichtenportal Habertürk. Die Flugabwehrraketen sollen offenbar in der Nähe der Grenze zu Syrien bei der Stadt Suruc aufgestellt werden. Damit könnte sich die Türkei bei einer offenbar bevorstehenden neuen Militäroperation in Syrien vor feindlichem Raketenbeschuss und gegnerischen Kampfflugzeugen schützen. Es mehren sich die Anzeichen für eine neue militärische Offensive der Türkei in Syrien. Das Verteidigungsministerium in Ankara hat kürzlich für die in der Grenzregion stationierten Truppen eine Urlaubssperre erlassen.

Mit den ersten Lieferungen der S-400 an die Türkei kommt Washington jetzt in Zugzwang. Führende amerikanische Politiker drohen seit Monaten mit Sanktionen. Das Außenministerium in Washington warnte vor „sehr realen und negativen Konsequenzen“. Die Maßnahmen sollen Ende Juli in Kraft treten. Konkret drohen der Türkei ein Lieferstopp der bestellten F-35-Flugzeuge und ein Rauswurf aus dem Entwicklungs- und Produktionsprogramm für die F-35, an dem türkische Firmen als Zulieferer beteiligt sind.

Außerdem könnten die Amerikaner Strafmaßnahmen nach dem Caatsa-Gesetz verhängen, das die militärische Zusammenarbeit anderer Staaten mit Russland ahndet. Denkbar sind Sanktionen gegen türkische Finanzinstitutionen, Handels- und Visaeinschränkungen.

Für die ohnehin kriselnde türkische Wirtschaft wären Sanktionen ein schwerer Schlag. Staatschef Erdogan glaubt aber offenbar, sie vermeiden zu können: US-Präsident Donald Trump habe ihm im vergangenen Monat am Rande des G20-Gipfels versichert, der Türkei drohten keine Strafen, berichtete Erdogan. Im amerikanischen Kongress gibt es aber eine breite, parteiübergreifende Mehrheit für Strafmaßnahmen. Auch das Außenministerium und das Pentagon haben sich für Sanktionen ausgesprochen. Beobachter in Washington meinen, Trump könne Maßnahmen gegen die Türkei allenfalls verzögern und entschärfen, letztlich aber nicht verhindern.

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