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Türkei Erdogan Vermisst
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Nursena Kücüközyigit mit ihrem Vater Hüseyin Galip Kücüközyigit. Es ist unklar, was aus dem Juristen wurde.

„Gewaltsames Verschwindenlassen“

Mysteriöse Vermisstenfälle in der Türkei: Was hat Erdoğans Regierung damit zu tun?

  • Marcel Richters
    vonMarcel Richters
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In der Türkei verschwinden immer wieder Menschen. Es gibt ein Muster, erklären Menschenrechtsorganisationen.

Ankara – Hüseyin Galip Kücüközyigit ist verschwunden. Seit dem 29. Dezember 2020 fehlt von dem Juristen und ehemaligen Regierungsmitarbeiter jede Spur. Seine Tochter aber hat einen Verdacht, was mit ihm geschah: Wurde Hüseyin Galip Kücüközyigit entführt? Es wäre nicht der erste Fall in der Türkei unter Recep Tayyip Erdoğan seit dem Putschversuch von 2016.

Weder im Krankenhaus noch in Polizeigewahrsam ist ihr Vater seit dem 29. Dezember wieder aufgetaucht, sagt die Studentin Nursena Kücüközyigit gegenüber der Presseagentur dpa. Sie vermutet, dass Hüseyin Galip Kücüközyigit im Auftrag der Regierung Erdoğan entführt wurde. Laut Menschenrechtsorganisationen und Oppositionspolitiker:innen gibt es seit 2016 Dutzende mutmaßliche Fälle des „gewaltsamen Verschwindenlassens“. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International fordert von den Behörden eine Untersuchung des Falls.

Verschwindenlassen war lange kein Thema in der Türkei

Laut Milena Büyüm von Amnesty International ist das „gewaltsame Verschwindenlassen“ ein Verbrechen nach internationalem Recht. Schon in den 1980er- und 90er-Jahren waren in Kurdengebieten Menschen „verschwunden“. Lange sei die Praxis in der Türkei kein Thema gewesen. Aber sie habe seit dem Putschversuch gegen Recep Tayyip Erdoğan wieder zugenommen, so Büyüm. Ob das auch auf Kücüközyigit zutreffe, sei nicht klar. In jedem Fall bestätigt Büyüm: „Er ist auf eine Art und Weise verschwunden, die schwer zu erklären ist.“ Es sei Pflicht der Behörden, zu ermitteln.

Auch in der Politik ist der Fall Kücüközyigit angekommen. Die türkischen Oppositionsabgeordneten Ömer Faruk Gergerlioglu (pro-kurdische HDP) und Sezgin Tanrikulu (Mitte-Links Partei CHP) haben parlamentarische Anfragen zum Verbleib Kücüközyigits gestellt. Bisher haben sie keine Antwort erhalten. Gergerlioglu geht davon aus, dass seit 2016 mindestens 30 Menschen in der Türkei „verschwunden“ sind. In vielen Fällen handle es sich um ehemalige Staatsbedienstete, wie auch Kücüközyigit einer war. Teilweise tauchen die Menschen nach Monaten wieder auf. Die, die sprechen, berichten oft von Folter. Vielfach würden die Betroffenen wegen Spionage angeklagt.

Mysteriöse Vermisstenfälle in der Türkei: Verbindungen zur Erdoğan-Regierung vermutet

Gökhan Türkmen hingegen ist wieder aufgetaucht. Er war neun Monate lang unauffindbar, berichtet die Presseagentur dpa. Nach Angaben von Human Rights Watch (HRW) wird ihm vorgeworfen, Mitglied der Gülen-Bewegung zu sein. Die Bewegung wird vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan für den Putsch in der Türkei verantwortlich gemacht und als Terrororganisation geführt. Türkmen soll nach eigenen Angaben für 271 Tage lang mit verbundenen Augen an Händen und Füßen gefesselt in einer Zelle festgehalten worden sein. Laut Emma Sinclair-Webb, Türkei-Expertin von Human Rights Watch, sei nicht klar, warum bestimmte Menschen verschleppt werden. Sie vermutet aber eine Verbindung zum Staat.

Das legt auch der Fall Gökhan Günes nahe. Der Arbeiter, der sich selbst als Sozialisten beschreibt, soll von einer Gruppe entführt worden sein, die sich als „die Unsichtbaren“ bezeichnet. Günes sagt, dass diese versucht hätten, ihn als Informanten anzuwerben. Eine Überprüfung der Angaben ist nicht möglich. Von der Regierung unter Recep Tayyip Erdoğan gibt es keine offiziellen Informationen zum „gewaltsamen Verschwindenlassen“.

Unter Recep Tayyip Erdoğan nehmen politische Repressionen in der Türkei zu, unter anderem wurden Kinderbücher zensiert. Aber auch Konflikte mit dem Ausland scheut der türkische Präsident nicht. (Marcel Richters mit dpa)

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