„Wir verlangen Gerechtigkeit, aber wir befürchten, dass der Staat die Wahrheit vertuschen will“, sagte der HDP-Co-Vorsitzende Mithat Sancar (m.).
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„Wir verlangen Gerechtigkeit, aber wir befürchten, dass der Staat die Wahrheit vertuschen will“, sagte der HDP-Co-Vorsitzende Mithat Sancar (m.).

Schwere Anschuldigungen

Türkei: Kurdische Bauern aus Hubschrauber geworfen? Regierung bestreitet Vorwürfe

  • Frank Nordhausen
    vonFrank Nordhausen
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Das türkische Militär soll nach einer PKK-Aktion zwei kurdische Bauern gefoltert haben. Die Regierung bestreitet das. Die prokurdische HDP verlangt Gerechtigkeit.

  • Türkische Soldaten sollen kurdische Bauern aus einem Hubschrauber geworfen haben.
  • Menschenrechtsorganisationen halten die Anschuldigungen für glaubhaft.
  • Die prokurdische linke Oppositionspartei HDP verlangt Gerechtigkeit.

Die Vorwürfe erinnern an die Schrecken, die viele Kurden während der Kämpfe des türkischen Militärs gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK in den 1990er Jahren erlitten. Osman Siban (50) und Servet Turgut (55), zwei kurdische Bauern aus dem Dorf Catak in der Provinz Van, wurden vor drei Wochen von militärischen Gendarmen bei der Feldarbeit als angebliche Terroristen festgenommen, in einen Militärhubschrauber verfrachtet und offenbar kurz nach dem Start hinausgeworfen.

Vorausgegangen war eine Militäraktion gegen PKK-Ziele in der Nähe des Dorfes, bei der drei türkische Soldaten und drei PKK-Kämpfer starben. Turgut und Siban, die mit den Kämpfen nichts zu tun hatten, fanden sich Stunden später auf der Intensivstation eines staatlichen Krankenhauses in Van wieder. Servet Turgut ist vergangene Woche verstorben. Osman Siban geht es inzwischen besser, aber er hat schwere Gehirnschäden.

Türkei: Kurdische Bauern aus Hubschrauber geworfen - Menschenrechtsorganisationen fordern Aufklärung

Amnesty International und Human Rights Watch forderten die türkischen Behörden am Wochenende auf, die Vorgänge umfassend aufzuklären. Amnesty äußerte sich in einer Erklärung „zutiefst besorgt über die schwerwiegenden Vorwürfe von Folter und anderen Misshandlungen und die schockierende Behauptung, sie seien aus dem Hubschrauber geworfen worden“. Man halte die Anschuldigungen für glaubhaft, „da medizinische Berichte darauf hinwiesen, dass beide Männer Verletzungen erlitten hatten, die mit einem Sturz aus großer Höhe verbunden waren“.

Die weitgehend gleichgeschalteten Medien der Türkei schwiegen mit Ausnahme kleiner oppositioneller Publikationen. Zudem verhängten die zuständigen Behörden inzwischen ein Berichtsverbot. Allerdings sorgten online verbreitete Bilder des verwundeten Osman Siban mit blutunterlaufenen Augen in der kurdischen Minderheit für erheblichen Aufruhr. Die prokurdische linke Oppositionspartei HDP forderte vergangene Woche die Einrichtung einer parlamentarischen Untersuchungskommission. „Wir verlangen Gerechtigkeit, aber wir befürchten, dass der Staat die Wahrheit vertuschen will“, sagte der HDP-Co-Vorsitzende Mithat Sancar der „Frankfurter Rundschau“.

Türkisches Militär soll Bauern gefoltert haben: Regierung bestreitet Vorwürfe

Sancar berichtet, dass seine Partei mehrere Delegationen nach Van geschickt habe. „Nach unseren Recherchen steht absolut fest, dass die beiden Bauern festgenommen, in den Hubschrauber gebracht und schwer verletzt wurden, auch wenn es keine direkten Augenzeugen für den Wurf aus dem Helikopter gibt.“ Die HDP-Abgeordneten hätten auch mit Siban gesprochen, doch er leide unter Gedächtnisverlust. Das bestätigte Sibans Anwalt Hamit Kocak dem Nahost-Nachrichtenportal Al-Monitor: „Er hat sein Gefühl für Zeit und Ort verloren. Wenn er spricht, ist das kindliches Geschwätz.“

Die Regierung bestreitet die Vorwürfe und hat Ermittlungen gegen die Bauern wegen „Unterstützung einer terroristischen Organisation“ eingeleitet – ein Routine-Vorwurf gegen Tausende kurdische Politiker, Journalisten und andere Personen. Das Büro des Gouverneurs von Van behauptete, Turgut habe in der Nähe der Gefechte „verdächtige Aktivitäten“ gezeigt und sei auf der Flucht vor den Gendarmen „von einer Klippe gefallen“. Siban sei ebenfalls in der Gegend gesichtet worden. Trotz Widerstands sei er „den Vorschriften entsprechend“ festgenommen und wie Turgut mit dem Hubschrauber nach Van geflogen und ins Krankenhaus gebracht worden. Warum er eine medizinische Behandlung benötigte, wurde nicht erwähnt.

Augenzeugen schildern Situation: Festnahme durch türkisches Militär

Diesen offiziellen Angaben widersprechen jedoch die Schilderungen der Dorfbewohner und die Medizinakten des Krankenhauses. Den Augenzeugenberichten zufolge, über die Amnesty und Al-Monitor verfügen, landete am Tag des Gefechts mittags ein Militärhubschrauber in der Nähe des Dorfes Catak. Eine Gruppe von Soldaten erschien, um Ausweiskontrollen durchzuführen. Am späten Nachmittag seien erneut 15 bis 20 Gendarmen im Dorf aufgetaucht. Sie nahmen Turgut und Siban wegen angeblicher Unterstützung der PKK fest und brachten sie dann zu Fuß weg. Eine Gruppe Dorfbewohner folgte ihnen und beobachtete, wie sie in den Hubschrauber steigen mussten, der dann wegflog. Die Zeugen sagen aus, dass beide Männer bis dahin bei bester Gesundheit gewesen seien. Ihre Familien hörten zwei Tage lang nichts von ihnen. Dann erfuhren sie, dass beide sich auf der Intensivstation des Krankenhauses in Van befanden. Turgut hatte eine Gehirnblutung erlitten, sein medizinischer Bericht verzeichnet zudem Blutergüsse an Augen und Ohren sowie „Abschürfungen der Hände und der Brusthöhle nach einem Sturz“.

Über Siban steht im Krankenhausbericht, den Al-Monitor einsehen konnte, dass er nach einem „Sturz aus großer Höhe“ aufgenommen worden sei. Ein Rettungssanitäter wird wörtlich mit der Angabe zitiert, Siban sei „von einem Hubschrauber gefallen“. Auch bei ihm wurden Blutergüsse an beiden Augen, sowie „Verwirrung“ diagnostiziert.

HDP-Chef Mithat Sanca: „Wir leben in einer furchtbaren Zeit“

Kurdische HDP-Politiker warnten inzwischen vor einer Rückkehr der „dunklen 1990er Jahre“, als Sicherheitskräfte im Kampf gegen die PKK-Guerilla mehr als 2500 kurdische Dörfer niederbrannten und über eine Million Menschen vertrieben. Laut einem Bericht von Human Rights Watch von 2005 gehörte es zu ihren Methoden, Menschen durch den Wurf aus Hubschraubern zu töten.

„Wir leben in einer furchtbaren Zeit, in der die schlimmsten Erfahrungen der Vergangenheit zusammenkommen“, sagt HDP-Chef Mithat Sancar. Er ist skeptisch, ob die Ermittlungen in Van zu Verurteilungen führen. „Nach all den Fällen von Folter in den vergangenen Jahren, in denen es nur Scheinermittlungen oder Reinwaschung der Täter gab, erwarten wir davon nichts“, sagt er. (Von Frank Nordhausen)

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