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Zwei von drei Istanbulern sind gegen das neue Bosporus-Projekt. Tausende unterzeichneten in den vergangenen Tagen Petitionen.

Türkei

Istanbul widersetzt sich Erdogan

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Der türkische Präsident will sich mit einem Megakanal ein weiteres Denkmal bauen - gegen alle Widerstände. Erdogans ärgster Widersacher, Oberbürgermeister Imamoglu, könnte von dem Konflikt profitieren.

Lange Schlangen bildeten sich zum Jahreswechsel vor den Bauämtern in Istanbul. Die Bürger standen nicht etwa für Baugenehmigungen an. Sie wollten bei der Behörde Petitionen einreichen, um ein kontroverses Projekt zu stoppen: Den Plan des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan zum Bau eines Kanals, der im Westen Istanbuls das Schwarze Meer mit dem Marmarameer verbinden soll. Nach einer Umfrage vom Dezember sind zwei von drei Bewohnern Istanbuls gegen den Kanal. Kritiker befürchten schwere Umweltschäden und finanzielle Überforderung. Erdogan hält an dem Vorhaben fest: „Ob sie es nun wollen oder nicht, der Kanal wird gebaut“, bekräftigte er Anfang dieser Woche.

Bei der Auseinandersetzung geht es um mehr als das Infrastrukturprojekt. Zu den Kritikern des Vorhabens gehört auch Istanbuls Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu. Als Kandidat der Opposition hatte Imamoglu bei der Kommunalwahl im vergangenen Juni gegen den erbitterten Widerstand Erdogans das Rathaus der Bosporusmetropole erobert, die bis dahin 25 Jahre lang von islamisch-konservativen Bürgermeistern regiert wurde. Er bezeichnet das Vorhaben als „Desasterprojekt“, als „Verrat an unserem Land, dieser Stadt und ihren Bürgern“.

Istanbul: Imamoglu einmal mehr Herausforderer von Erdogan

Verhindern kann Imamoglu das Projekt wohl nicht. Aber mit seiner Kampagne positioniert sich der populäre Bürgermeister einmal mehr als politischer Herausforderer des mächtigen Staatschefs. Seit seinem Sieg bei der Kommunalwahl gilt der 49-jährige Imamoglu vielen Türken als Hoffnungsträger, der bei der spätestens 2023 fälligen Präsidentenwahl Erdogan ablösen könnte.

Riskante Passage

Etwa 80.000 Schiffefahren derzeit im Jahr durch die Wasserstraße. Doch der Bosporus gilt wegen seiner vielen Kurven, Engstellen, starken Strömungen und häufigen Nebels als schwierige Passage. Immer wieder kam es in den vergangenen Jahrzehnten zu Havarien.

Eines der schwersten Unglückeereignete sich am frühen Morgen des 15. November 1979, als ein mit Rohöl beladener rumänischer Tanker im Bosporus mit einem griechischen Frachter kollidierte. Beide Schiffe gerieten in Brand. Eine knappe Stunde nach dem Zusammenstoß explodierte der Tanker, 43 von 45 Besatzungsmitgliedern verbrannten.

Im April 2018 krachteder unter maltesischer Flagge fahrende Frachter „Vitasprint“ nach einem Motorschaden in eine der hölzernen Villen am asiatischen Ufer des Bosporus. Das jüngste Unglück liegt sogar erst eine Woche zurück: Am 27. Dezember lief das Containerschiff „Songa Iridium“ auf Höhe des Istanbuler Stadtviertels Sariyer auf Grund. öhl

Der Präsident selbst sprach von einem „verrückten Projekt“, als er das Vorhaben zum Bau des Kanals 2011 erstmals präsentierte: eine 45 Kilometer lange, 400 Meter breite Wasserstraße von Karaburun an der Schwarzmeerküste nach Kücükcekmece am Marmarameer, mit 25 Metern tief genug, um auch die größten Containerschiffe aufnehmen zu können. Der Kanal soll pro Tag 160 Schiffspassagen ermöglichen und den Bosporus entlasten, die bisher einzige Verbindung zwischen den beiden Meeren.

Istanbul: Umweltschäden befürchtet

Beiderseits der künstlichen Wasserstraße plant der Staatschef zwei neue Trabantenstädte für 1,2 Millionen Bewohner. Das Vorhaben reiht sich in andere Megaprojekte ein, die Erdogan in den vergangenen Jahren verwirklicht hat, wie die dritte Bosporusbrücke, einen Bosporuseisenbahntunnel von Europa nach Asien, die größten Moschee Istanbuls auf dem Camlica-Hügel oberhalb der Meerenge und den neuen Istanbuler Flughafen, der einmal der größte der Welt sein soll. Mit dem Kanal würde sich Erdogan ein weiteres Denkmal in seiner Heimatstadt setzen, wo seine politische Karriere 1994 mit der Wahl zum Oberbürgermeister begann.

Die Baukosten für die geplante Wasserstraße werden auf zehn bis 20 Milliarden Euro veranschlagt. Befürworter argumentieren, das Projekt werde der türkischen Wirtschaft einen Wachstumsschub geben. Erdogan verspricht 10 000 neue Arbeitsplätze. Kritiker warnen, die Kosten könnten am Ende doppelt so hoch sein wie veranschlagt und fragen, wie die Türkei angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftskrise ein solches Projekt finanzieren wolle. Der angesehene Ökonom Mustafa Sönmez hält das Vorhaben ohnehin für unsinnig: „Es entbehrt jeder wirtschaftlichen Vernunft“, sagt Sönmez. Der 1923 geschlossene Meerengenvertrag von Montreux garantiert Handelsschiffen die freie Passage durch den Bosporus und die Dardanellen. Warum sollten Reeder für die Fahrt durch den geplanten Kanal teure Gebühren zahlen?

Schwerer als die ökonomischen Bedenken wiegen die ökologischen Einwände gegen das Projekt. Der World Wildlife Fund warnt vor „unumkehrbaren Schäden für die Flora und Fauna“ der Region. Der Umweltingenieur Cemal Saydam von der Hacettepe Universität befürchtet, dass durch den Kanal belastetes, sauerstoffarmes Wasser aus dem Schwarzen Meer ins Marmarameer fließen und dort die Fischbestände schädigen wird. Der türkische Naturschutzbund DHKD sieht auch Gefahren für die Trinkwasserversorgung der 16-Millionen-Metropole Istanbul: Der Kanal schneidet durch Waldgebiete, die das Regenwasser speichern, und könnte dazu führen, dass salziges Meerwasser ins Grundwasser eindringt. Der Geologieprofessor Naci Görür warnt vor den Gefahren, die dem Kanal durch die hohe Erdbebenaktivität in der Region Istanbul drohen.

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