Disput um Seenotrettung

Neuer Streit mit Griechenland: Türkei verschiebt Rettungs-Grenzen im Mittelmeer

Die Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei sind auf einem Tiefpunkt. Ein neuerlicher Vorstoß Ankaras, Grenzen bei der Seenotrettung neu zu definieren, wird mit scharfen Tönen beantwortet.

  • Das Verhältnis zwischen der Türkei und Griechenland ist angespannt.
  • Nun gibt es neuen Streit zwischen den Nato-Partnern, es geht um Grenzen bei der Seenotrettung.
  • Ankara erklärt sich für zuständig, Schiffbrüchigen zu helfen, wenn diese wenige Seemeilen vor den griechischen Inseln in der Mitte der Ägäis ein Notsignal senden.

Athen/Istanbul – Die Türkei hat mit der Ausweitung von Seenotrettungsgebieten im Mittelmeer für neuerliche Spannungen mit dem Nachbarn und Nato-Verbündeten Griechenland gesorgt. Ankara erzeuge damit „Konfusion und setzt Menschenleben Gefahren aus“, erklärte das griechische Außenministerium am Sonntag (18.10.2020). Die Türkei verteidigte die Ausweitung.

Streit zwischen Griechenland und der Türkei: Ankara definiert Rettungsbereiche im Mittelmeer neu

Am Samstag (17.10.2020) wurde in einer von dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan unterzeichneten Verordnung mitgeteilt, dass die Türkei ihre Such- und Rettungsbereiche im Mittelmeer neu definiere. Der türkische Verkehrs- und Infrastrukturminister Adil Karaismailoglu hatte auf Twitter eine Karte veröffentlicht, auf der das Gebiet bis zur Mitte der Ägäis ausgedehnt wird. Damit erklärt sich Ankara für zuständig, Schiffbrüchigen zu helfen, wenn diese wenige Seemeilen vor den griechischen Inseln in der Mitte der Ägäis wie Mykonos, Santorin oder Kreta ein Notsignal senden.

„Die Such- und Rettungsbereiche sind keine Gebiete der Souveränität, sondern der Dienstleistung“, hieß es in einer Mitteilung des türkischen Außenministeriums vom Sonntag. Es werde nicht gegen Griechenlands Souveränität verstoßen und die Türkei handele ausschließlich nach „humanitären Erwägungen“. In der Mitteilung hieß es aber auch, der Bereich wurde erweitert, „um die Sicherheit unserer Aktivitäten an unserem Festlandsockel im östlichen Mittelmeer zu gewährleisten“.

In Gebieten außerhalb des Küstenmeers eines Staates regelt das Übereinkommen über Seenotrettung von 1979 die koordinierte Rettung von in Seenot geratenen Menschen. Die Frage nach den Grenzen der Staatsgebiete ist davon aber nicht betroffen. Sie sieht vor, dass sich die Anrainerstaaten über die Ausmaße der Zonen einigen.

Seit Wochen eskaliert zwischen der Türkei und Griechenland der Disput um vermutetes Erdgas im Mittelmeer

Die beiden Staaten stecken ohnehin in einem Disput, unter anderem über Grenzstreitigkeiten: Im östlichen Mittelmeer eskaliert seit Wochen der Streit um dort vermutete Erdgasvorkommen zwischen den Nato-Mitgliedern. Griechenland wirft der Türkei vor, in der Region griechischer Inseln illegal Vorkommen zu erkunden. Die Regierung in Ankara weist die Vorwürfe zurück und argumentiert, dass die Gewässer, in denen teilweise probeweise nach Erdgas gebohrt wird, zum türkischen Festlandsockel gehören.

Vergangenen Montag (12.10.2020) hatte Ankara das Forschungsschiff „Oruc Reis“ erneut zu seismischen Bodenuntersuchungen in das umstrittene Seegebiet südlich der griechischen Insel Kastelorizo geschickt und damit viel Kritik auf sich gezogen. Die Europäische Union hat der Türkei bereits wiederholt mit Sanktionen gedroht.

Griechenland attackiert die Türkei: „Willkürliche und illegale Forderungen in der Ägäis“

Athen teilte mit, dass sowohl die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) als auch die Internationale Zivil- Luftfahrtorganisation (ICAO) seit mehr als 70 Jahren die Such- und Rettungsaktionen (Search and Rescue) in der Ägäis Griechenland zugeteilt hätten. Die Türkei füge damit noch ein weiteres Thema zu dem „langen Katalog der willkürlichen und illegalen Forderungen in der Ägäis“ hinzu. Die Türkei hält das für „gegenstandslos“.

Auf der von Karaismailoglu via Twitter veröffentlichten Karte fällt zum Beispiel auch die international nicht anerkannte Republik Zypern in türkische Zuständigkeit. Auf Karten der Europäischen Organisation zur Sicherung der Luftfahrt ist das nicht der Fall. (dpa)

Rubriklistenbild: © Fabian Heinz/ Sea-Eye/ dpa/ Picture Alliance

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