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Seit dem Putschversuch hat der türkische Präsident Erdogan Zehntausende Menschen festnehmen und verhören lassen. FR-Korrespondent Frank Nordhausen hat mit drei von ihnen gesprochen. Sie erzählen von schwersten Misshandlungen.

Türkei

Folter in der Türkei: Erdogan ist offenbar jedes Mittel recht

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Drei Jahre nach dem Putschversuch in der Türkei: Opfer schwerster Misshandlungen in Geheim-Gefängnissen berichten von ihrem Martyrium.

Als Ahmet mitten im Zentrum einer westtürkischen Stadt entführt wurde, war es helllichter Tag. Der Mann mittleren Alters wusste zwar, dass es ein Wagnis war, auf die Straße zu gehen, da nach ihm als angeblichem „Terrorist“ gefahndet wurde. „Aber man kann nicht immer in der Wohnung herumsitzen“, sagt er. Kaum hatte er das Haus verlassen, umringten ihn vier große, gut gekleidete Männer. „Sie zwangen mich in einen schwarzen Kleintransporter, legten mir Handschellen an und zogen mir einen Sack über den Kopf.“ Ahmet rief um Hilfe. Menschen blieben stehen. Die Männer herrschten sie an: „Weitergehen, wir sind Polizisten, das ist ein Terrorist.“

So begannen im Frühsommer 2018 die Leiden des Managers eines türkischen Konzerns, der seinen Namen aus Angst um Angehörige nicht publiziert sehen will. Ahmet war Monate zuvor untergetaucht, nachdem er auf einer staatlichen „Terrorliste“ von Führungspersonen im Netzwerk des Islampredigers Fethullah Gülen aufgeführt worden war. Der in den USA lebende Sektenchef Gülen war ein Verbündeter des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, wurde von ihm infolge eines Zerwürfnisses aber zum Terroristen erklärt und nach dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli 2016 als dessen Drahtzieher bezeichnet. In der damals folgenden „Säuberungswelle“ wurden mehr als 50 000 Menschen festgenommen und über 150 000 Personen aus dem Staatsdienst entlassen. Am härtesten traf es die Gülenisten.

„Über mich gibt es keinen amtlichen Vorgang“, sagt Ahmet. Er lebt seit der gemeinsamen Flucht mit seiner Familie aus der Türkei Ende 2018 in einem kleinen Ort im Rheinland, hat in Deutschland politisches Asyl erhalten. Er erzählt, dass ihn die Männer am Tag seiner Entführung zunächst auf ein Polizeirevier schleppten und mehrere Stunden verhörten, immer mit dem Sack über dem Kopf. „Sie wollten, dass ich Namen von Mitgliedern unserer Bewegung nenne und mich als geheimer Zeuge zur Verfügung stelle. Daraufhin droschen sie auf mich ein, bis ich ohnmächtig wurde.“.

Ahmed: „Ich wurde stundenlang mit den Armen an die Zimmerdecke gekettet. Sie stießen mir mit Stöcken in den After.“

Anschließend wurde Ahmet zu einem unbekannten Ziel gefahren. Er glaubt, dass man ihn in ein Gebäude nahe der Hauptstadt Ankara brachte. Dort musste er sich bis auf die Unterhose ausziehen und wurde in eine fensterlose, winzige Zelle gesperrt, die weder Bett noch Toilette hatte, dafür Kamera und Mikrofone. Während seiner Erzählung stockt er immer wieder. Die Worte eines Vernehmers haben sich ihm eingebrannt: „Wir sind der Staat. Wir sind das Gesetz. Wenn du kooperierst, kommt du lebend hier raus, wenn nicht – als Leiche. Überleg es dir.“.

Vom ersten Tag an sei er auf den gesamten Körper geschlagen worden. „Ich wurde stundenlang mit den Armen an die Zimmerdecke gekettet und konnte den Boden nur mit den Fußspitzen berühren. Dabei stießen sie mir mit Stöcken in den After. Wurde ich ohnmächtig, stellten sie mich unter die Dusche. Anschließend ging die Tortur weiter.“ Nach zwei Wochen hätten ihm seine Peiniger auch die Unterhose genommen. „Drei Monate lang war ich völlig nackt bis auf den Sack über dem Kopf.“

Die meiste Zeit habe er ununterbrochen stehen müssen, „die Arme mit Handschellen auf den Rücken gefesselt“. Schließlich schwollen seine Beine rot an und schmerzten entsetzlich. „Aber sobald ich mich an die Wand lehnte oder umfiel, kamen die Wärter und schlugen mich, bis ich wieder aufstand.“ Tag und Nacht wurde dröhnend laute Musik gespielt, immer wieder die türkische Nationalhymne und ein Wahlkampfsong Erdogans. Wollte der tiefgläubige Moslem beten, stürmten Wärter in seine Zelle und prügelten auf ihn los. „Das befiehlt eine Regierung, die sich muslimisch nennt und die ich selbst einmal gewählt habe!“, sagt er, fassungslos noch immer.

Ahmet gelang es, nach Deutschland zu fliehen

Seine Folterer – stets dieselben drei Männer – habe er wegen des Sacks nie gesehen, aber ihre Stimmen verfolgen ihn noch heute: „Wir bringen dich um! Du bist ein Terrorist, du bist weniger als Müll!“. Ihre Fragen seien einem klaren Muster gefolgt. „Sie wollten Namen von Personen, die am Putschversuch beteiligt waren. Aber ich wusste davon nichts und wollte auch niemanden denunzieren. Ich schwieg. Je länger die Verhöre dauerten, desto klarer wurde mir, dass sie versuchten, Beweise zu konstruieren.“ Er könne nicht sagen, ob seine Peiniger vom Geheimdienst oder der Polizei waren. „Aber sie hatten eindeutig eine Folterausbildung und Erfahrung darin.“

Spuren der Gewalt: Ende Juli 2016 sind noch Einschusslöcher in einem Schaufenster auf dem Istanbuler Taksim-Platz zu sehen.

Der Ex-Manager ist sich sicher, dass außer ihm noch fünf weitere Männer in dem Haus gequält wurden. Man hatte ihn offenbar in eine geheime Folterstätte, eine sogenannte black site, verschleppt. „Als sie merkten, dass es sinnlos war, mich weiter zu misshandeln, wurde ich zwei Wochen lang nicht mehr geschlagen, um die Folterspuren zu verwischen.“ Dann hätten ihn seine Peiniger auf einem Feld in Zentralanatolien ausgesetzt. „Sie sagten, falls ich irgendwas von dem Erlebten erzählte, würden sie meine Familie auslöschen.“ Im Foltergefängnis hatte Ahmet fast 30 Kilo abgenommen. Freunde aus dem Gülen-Netzwerk halfen ihm und seiner Familie, über Griechenland nach Deutschland zu fliehen. Er leidet unter Schlafstörungen, Augenflimmern und den Folgen der Knochenbrüche.

Irgendwann möchte er Strafanzeige stellen, damit sich die Folterer und ihre Anführer vor Gericht verantworten müssen – auch der Staatschef. Erdogan hat Anfang Juli wieder behauptet: „Systematische Folter und Misshandlung gehören der Vergangenheit an. Unsere Haltung lautet: Null Toleranz für Folter.“. Ahmet kann nur bitter lachen. „Natürlich geschieht alles auf Befehl Erdogans. Sonst wären die Misshandlungen gar nicht möglich.“

Die Anwaltskammer von Ankara präsentierte kürzlich einen Bericht über mehr als zehn ehemalige türkische Diplomaten, die wegen vermeintlicher Zugehörigkeit zur Gülen-Bewegung festgenommen worden waren und angaben, mit Stromschlägen traktiert und mit Knüppeln im After vergewaltigt worden zu sein. Doch es wurden keine Ermittlungen eingeleitet.

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Doch Menschenrechtsgruppen bestätigen die Meldungen über Folterungen durch Sicherheitskräfte in der Türkei. „Die uns bekannten Berichte sind absolut glaubwürdig. Die Folter hat seit dem Putschversuch in der Türkei wieder deutlich zugenommen“, sagt Emma Sinclair-Webb von Human Rights Watch in Istanbul. Die Entführungen und Misshandlungen in den black sites nennt sie „schwere Verbrechen“ und fordert wie andere Bürgerrechtsorganisationen eine internationale Untersuchung.

Obwohl es Hunderte, wenn nicht tausende Folteropfer in der Türkei gibt, ist es sehr schwer, Menschen zu finden, die bereit sind, ihre Erlebnisse Journalisten mitzuteilen, aus Angst um ihre Familien. Der FR gelang es, außer mit Ahmet noch mit zwei weiteren Männern zu reden, die laut eigenen Angaben schwerer Folter ausgesetzt wurden. Alle drei wollen, dass ihre erlittenen Grausamkeiten der Welt bekannt werden. Es ist zwar unmöglich, ihre Aussagen detailliert zu überprüfen, aber sie sind in sich stimmig.

Der Unternehmer und Familienvater Cüneyt, der ebenfalls anonym bleiben will, wurde im Frühjahr 2017 zunächst regulär festgenommen, kam dann aber in ein Foltergefängnis. Der ältere Herr ist ein überzeugter Anhänger Gülens und gehörte 1992 zu den rund 300 Gründern der gülenistischen „Bank Asya“, die bereits vor dem Putschversuch von der Regierung geschlossen worden war, weil sie als wichtigster Financier der „Bewegung“ galt.

Cüneyt: „Am schlimmsten war es, wenn sie damit drohten, meine Frau und meine Töchter vor meinen Augen zu vergewaltigen.“

„Als das Militär dann putschte, ahnte ich, dass sie mich jetzt holen würden“, sagt Cüneyt beim Gespräch in einem Restaurant in Hessen. „Deshalb bin ich damals untergetaucht.“ Sein besonderes Pech war, dass er den Sektenführer Gülen vor vielen Jahren persönlich kannte und ihm die Ermittler deshalb unterstellten, dass er Spezialkenntnisse über die Putschisten haben müsse.

Nachdem Antiterrorpolizisten ihn bei einer Straßenkontrolle in Izmir verhafteten, brachten sie ihn in ein Revier, das damals bereits für systematische Folter berüchtigt war. Fast zwei Wochen lang sei er dort im Keller misshandelt worden, sagt Cüneyt. „Die Polizisten waren in Zivil, Mitte bis Ende 30, nicht maskiert. Sie wollten, dass ich belastende Dokumente über Gülen und hochrangige Anhänger unterschreibe, die sie mir vorlegten.“ Als er nicht kooperierte, begannen die Misshandlungen. „Sie zogen mich aus, fesselten meine Hände und Füße mit Plastikbindern und schlugen mich mit Knüppeln. Dabei brüllten sie, unterschreib endlich!“. Aber Cüneyt wollte niemanden denunzieren. „Als ich ohnmächtig wurde, übergossen sie mich mit Wasser und traten mich mit den Füßen.“ Die Schläge zertrümmerten sein Trommelfell, führten zu einer Gehirnerschütterung und Erinnerungslücken. „Am zweiten Tag fesselten sie mich wieder und jagten Stromstöße durch meine Genitalien. Aber am schlimmsten war die psychologische Folter, wenn sie damit drohten, meine Frau und meine Töchter vor meinen Augen zu vergewaltigen.“

Während des Gesprächs muss Cüneyt immer wieder weinen. Aber er sagt, ihm sei es wichtig, dass die Wahrheit ans Licht komme. Nach zehn Tagen hätten die Folterer „aufgegeben“ und ihn einem Richter vorführen lassen, der einen Haftbefehl unterschrieb und ihn in eine völlig überbelegte Haftanstalt verlegen ließ. „Im Gefängnis erfuhr ich, dass viele Häftlinge gefoltert worden waren. Je näher sie Gülen standen, desto schlimmer war die Folter.“

Nach einem Herzinfarkt und wiederholten Schwächeanfällen wurde Cüneyt vorübergehend freigelassen. Wochen später bekam er seine Anklageschrift, die lebenslänglich wegen Gründung einer Terrororganisation – der Bank Asya – forderte. Da entschied er sich zur Flucht. Im November 2018 kam er nach Deutschland und beantragte Asyl. Er leidet unter massiven Depressionen und starkem Bluthochdruck. „Ich hatte natürlich davon gehört, dass im Südosten der Türkei gefoltert würde – aber doch nicht bei uns im Westen!“

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Im kurdischen Südostanatolien war die Folter nie wirklich verschwunden. Sechs Monate vor dem Putschversuch wurde der junge Bauer Mahmut Yildiz aus der Kurdenmetropole Diyarbakir von Antiterrorpolizisten fast totgeschlagen. Die erlittene Folter hat seine Gesundheit ruiniert. Ein Arzt hat kürzlich einen schweren Leberschaden diagnostiziert, möglicherweise Krebs. Aber medizinische Hilfe hat er im armen Griechenland, wohin er sich vor einem halben Jahr mithilfe eines kurdischen Netzwerks retten konnte, nicht zu erwarten.

Mahmut Yildiz ist kein Gülenist, auch kein Anhänger der militanten kurdischen Untergrundorganisation PKK, er ist überhaupt kein politischer Mensch. Als Teile des Militärs gegen Erdogan putschten, saß er bereits vier Monate als angeblicher Terrorist im Gefängnis von Diyarbakir. „Nach dem Putsch wurden zu uns drei Häftlingen plötzlich fünf weitere in die Zelle verlegt, obwohl es gar keine Betten für sie gab“, erzählt der 30-Jährige beim Gespräch in einer griechischen Stadt. Dass Yildiz die Folter überlebte, hat er nur einem Versehen seiner Peiniger zu verdanken, die ihn bereits für tot hielten. „Sie hatten mich in einen Müllcontainer geworfen, dann riefen sie den Krankenwagen und sagten den Ärzten, dass sie mich darin entdeckt hätten.“ Das war am Nachmittag des 8. Januar 2016.

Mahmut Yildiz: „Ich blutete, und irgendwann war mein Gesicht so zertrümmert, dass ich nicht mehr richtig sprechen konnte.“

Zehn Stunden zuvor war Mahmut in das Altstadtviertel Sur der Millionenstadt gefahren, um eine seiner fünf Schwestern mit dem Auto abzuholen. Die Familie war in Sorge um sie, da sich damals in einigen Straßenzügen junge PKK-Kämpfer bewaffnete Gefechte mit Polizei und Armee lieferten. Mahmut Yildiz wusste nicht, wie ihm geschah, als er von einer Truppe schwer bewaffneter Antiterrorpolizisten eingekreist und brutal geschlagen wurde. „Sie brüllten, haben wir dich, Terrorist!“, erzählt er. Sie fesselten ihn mit Handschellen, verbanden ihm die Augen und schafften ihn in ein ziviles Gebäude, wo sie weiter prügelten und schrien: „Gib uns Namen! Wo trefft ihr euch? Wo sind die anderen Terroristen?“

Bald war Yildiz blutüberströmt, seine Nase, die rechte Schulter und einige Rippen gebrochen. Dann taten ihm die Polizisten etwas an, das er nicht vergessen kann. „Sie rammten mir den Lauf einer Maschinenpistole in den After und riefen dazu ‚Allahu Akbar‘, Gott ist der Größte. Ich blutete innerlich und äußerlich, und irgendwann war mein Gesicht so zertrümmert, dass ich nicht mehr richtig sprechen konnte. Aber ich kannte gar keine PKK-Kämpfer und selbst wenn, hätte ich niemanden verraten.“ Irgendwann verlor Yildiz das Bewusstsein und fiel in ein Koma.

Yildiz’ Anwältin zieht gegen die Peiniger vor Gericht

Er wachte drei Tage später im Krankenhaus auf. Die Ärzte stellten Brüche am ganzen Körper und eine Gehirnblutung fest – aber Yildiz lebte. Als sie davon erfuhr, schickte die Polizei Ermittler an sein Krankenbett, die ihn nach den Tätern fragten. „Wenn ich denen die Wahrheit sagte, herrschten sie mich an: ‚Das war nicht die Polizei. Du bist gestürzt, als du vor der Polizei weggerannt bist!‘“.

Inzwischen war es ihm gelungen, Freunde zu benachrichtigen, die eine Anwältin zu ihm schickten. Sie fotografierte ihn im Krankenbett und sorgte dafür, dass ein medizinischer Bericht verfasst wurde. Wenig später wurde Yildiz in ein Gefängnis verlegt, wo man ihn als „verrückt“ bezeichnete und unter starke Psychopharmaka setzte. „Aufgrund der Medikamente habe ich mehrfach versucht, mich umzubringen“, sagt er. „Deshalb organisierten meine kurdischen Zellengenossen einen Schichtdienst, um Tag und Nacht auf mich aufzupassen.“

Nach neun Monaten gelang es seiner Anwältin, seine Entlassung zu erreichen. Mahmut Yildiz nutzte die Chance, um unterzutauchen. Schließlich finanzierten ihm Freunde die Flucht nach Griechenland, wo er politisches Asyl beantragte und seine Geschichte einer kurdischen Zeitung erzählte. Da der oberste Gerichtshof der Türkei die Klage seiner Anwältin gegen seine Folterer abgelehnt hat, will sie jetzt den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anrufen. Anders als viele andere Folteropfer kennt Yildiz die Namen seiner Peiniger, denn sie stehen im offiziellen Protokoll des Krankenhauses. Die Folter habe ihn „psychologisch zerstört“, sagt Yildiz. „Ich wünsche mir, dass niemand mehr so etwas erdulden muss. Dafür werde ich kämpfen bis zum Ende.“

Die Namen und genauen Lebensumstände der Betroffenen sind der Redaktion bekannt.

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