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„Aggressive Islamisierungspolitik“: Fachleute warnen vor Erdogan

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Von: Katja Thorwarth

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Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, hat ein Popularitätsproblem.
Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, hat ein Popularitätsproblem. © Efrem Lukatsky/dpa

Der türkische Präsident Erdogan ist derzeit nicht sehr populär in seinem Land. Das Tief könnte er für eine Islamisierung seines Landes nutzen.

Göttingen/Ankara – Präsident Recep Tayyip Erdogan hat angesichts einer explosiv zu nennenden Inflation in der Türkei ein Popularitätsproblem. Der Unmut über die wirtschaftlichen Missstände und die steigenden Lebenshaltungskosten nimmt weiter zu, sodass die Stromrechnung zum Politikum geworden ist. Diese Entwicklung könnte eine Gefahr für Minderheiten bedeuten.

So zumindest schätzt die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) die aktuelle Situation in der Türkei ein und warnt vor einer „aggressiven Islamisierungspolitik“ von Erdogan. Sollte der geschwächte Präsident den sunnitischen Islam zur Staatsreligion machen, seien Andersgläubige wie etwa die 15 Millionen Alevit:innen sowie die christliche, jesidische und jüdische Minderheit bedroht, mahnte die Institution am Mittwoch (16.02.2022) in Göttingen.

Türkei: Erdogan könnte sich aufgrund sinkender Popularität radikalisieren

„Vor dem Hintergrund seiner sinkenden Popularität könnte Präsident Erdogan zu noch härteren Mitteln greifen, um die nächsten Wahlen zu gewinnen“, warnte GfbV-Nahostexperte Kamal Sido. Neue Angriffskriege gegen die kurdische Bevölkerung in Syrien oder im Irak seien nicht auszuschließen. Aus Erdogans Umfeld gebe es gar Bestrebungen, ihn zum Kalifen aller Muslime weltweit zu ernennen.

Um die politische Opposition zu spalten und das wachsende Vertrauen der Bevölkerung in sie zu brechen, könnte Erdogan mittels einer Provokation einen Ausnahmezustand herbeiführen, hieß es. „Eine mögliche Provokation wäre, den Islam offiziell zur Staatsreligion zu erklären“, sagte Sido. Schon jetzt gebe es kaum Freiräume für die 20 Millionen Menschen starke kurdische Bevölkerung. Auch für Angehörige des Alevitentums bestünden dann wenig Aussichten auf Verbesserungen ihrer Lage. Der nicht offiziell anerkannten Religion folgen demnach türkische, kurdische und arabische Gläubige.

Islam als Staatsreligion in der Türkei: Für Frauen verheerend

Die Einführung des Islam als Staatsreligion in der Türkei wäre auch für die Frauen im Land sowie für die wenigen verbleibenden christlichen, jesidischen und jüdischen Gläubigen verheerend, da sie schon jetzt diskriminiert und benachteiligt würden, so die GfbV. Angehörige dieser religiösen Minderheiten könnten nur noch in Großstädten wie Istanbul leben, weil sie dort weniger auffielen

„Erdogan instrumentalisiert die Religion des Islam immer wieder, um konservative Muslime im In- und Ausland für seine machtpolitischen Interessen zu mobilisieren“, erklärte Sido. Im Juli 2020 ließ er die für die Christenheit heilige Hagia Sophia in eine Moschee umwandeln. Das als Sophienkirche bekannte Bauwerk des damaligen Konstantinopels wurde im Osmanischen Reich ab 1453 für 482 Jahre als Moschee genutzt. Von 1935 bis 2020 war das ikonische Gebäude ein Museum.

Türkei: Viele junge Menschen wollen das Land verlassen

Die Entwicklung lässt die Türkei für junge Menschen immer unattraktiver werden. Entsprechend wünscht sich ein Großteil junger Leute in der Türkei einer Umfrage zufolge eine Zukunft im Ausland. Fast drei Viertel (72,9 Prozent) der befragten 18- bis 25-Jährigen würden die Türkei gern verlassen, was repräsentative Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung besagt. Ein knappes Drittel würde am liebsten in europäischen Ländern wohnen, weil sie dort unter anderem bessere Arbeitsbedingungen, mehr Freiheiten und Menschenrechte sowie einen höheren Lebensstandard erwarten. Nur gut 27 Prozent der Befragten sagten, sie würden weiterhin in der Türkei leben wollen.

Auch sagen mehr als 80 Prozent der Befragten, von denen viele bei der kommenden Wahl erstmals an die Urne treten dürften, sie hätten kein Vertrauen in Erdogan. 62,5 Prozent sind allgemein unzufrieden mit der Führung des Landes. Die Politikverdrossenheit scheint hoch: nur 3,7 Prozent vertrauen Politikern. Auch die klassischen Medien genießen kaum Ansehen: nur 6,9 Prozent der Befragten gaben an, Zeitungs- und Fernsehjournalist:innen zu vertrauen. (ktho mit KNA/AFP)

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