1. Startseite
  2. Politik

Kokain: So wurde die Türkei zum Drogenumschlagplatz

Erstellt:

Kommentare

Die Türkei ist zu einem Umschlagplatz für Drogen geworden. Das soll vor allem an der Entlassung von rund 40.000 Polizisten nach 2013 liegen.

Ankara – Die Türkei ist zu einem Umschlagplatz für Drogen geworden, schreibt Dr. Mahmut Cengiz, Experte für organisierte Kriminalität und Terrorismus an der George Mason University im US-amerikanischen Fairfax in der „Homeland Security Today.“

Bereits Anfang der 2000er Jahre wurden in der Türkei Hunderte Kilogramm Kokain beschlagnahmt. Damals stammten die Kuriere mehrheitlich noch aus afrikanischen Staaten, die die Drogen in ihren Körpern mitführten. Seither seien in die Türkei jedes Jahr mehr Drogen geschmuggelt worden. Einem Bericht des türkischen Innenministeriums zufolge seien in dem Land zwischen 2018 und 2020 in 4000 Fällen Kokain sichergestellt worden.

1970: Türkei wird zur Handelsroute für Heroin aus Afghanistan

Als 1970 in Afghanistan der Anbau von Opium immer mehr zunahm, entwickelte sich die Türkei zu einer wichtigen Handelsroute für Drogen nach Europa. Zwischen den USA und der Türkei kam es damals zu Problemen. In den 1980er und 1990er Jahren seien die türkischen Drogenbosse Hüseyin Baybasin, Orfi Cetinkaya und Hursit Yavas von europäischen Polizeibehörden zur Fahndung ausgeschrieben worden.

Kolobianische Polizei zeigt beschlagnahmtes Kokain.
Beschlagnahmung von Kokain in Kolumbien. © Kolombianische Polizei/dpa

2000-2010: Nur ein Dutzend Beamte wegen Beihilfe zum Drogenhandel angeklagt

Anfang der 2000er Jahre hatte die Türkei im Rahmen ihres Beitrittsprozesses in die europäische Union angefangen Korruption verstärkt zu bekämpfen. „Die türkische Polizei leistete bei der Bekämpfung von Korruption hervorragende Arbeit“, schreibt Cengiz in seinem Artikel. Bis 2010 seien damals nicht mehr als ein Dutzend Polizeibeamte wegen Beihilfe zum Drogenhandel angeklagt worden.

Riesige Drogenfunde mit Zielland Türkei

Die Situation in der Türkei habe sich ab 2010 dramatisch geändert, klagt der Experte für organisierte Kriminalität in seinem Text an. Das Land fing damals zunehmend an autoritärer zu werden. In die Drogengeschäfte seien offenbar auch Regierungsmitglieder oder ihre Angehörigen involviert gewesen, so etwa auch Erkam Yildirim, der Sohn des damaligen Ministerpräsidenten Binali Yildirim. Der ins Exil geflüchtete Nationalist und Mafiaboss Sedat Peker hatte in einer Videobotschaft erklärt, Erkam Yildirim, sei 2020 und 2021 nach Südamerika gereist, um das Kokainnetzwerk von Kolumbien nach Venezuela zu verlegen.

Zuvor waren 4,9 Tonnen Kokain in Kolumbien beschlagnahmt worden, das für die Türkei bestimmt war. Der Familie von Ex-Ministerpräsident Yildirim gehören dutzende Frachtschiffe. Peker zufolge soll das Umfeld von Innenminister Süleyman Soylu Verbindungen zu Drogenbossen haben und seine schützende Hand über sie halten. Inzwischen würden über die Türkei neben Heroin und Kokain auch Drogen wie Ecstasy und Captagon transportiert, erklärt Cengiz.

Zusammenarbeit mit Hisbollah und lateinamerikanischen Kartellen

Die türkischen Drogenhändler würden zudem mit der Hisbollah im Libanon, dem Sinaloa-Kartell in Mexiko und Sito Miñanco in Spanien sowie mit den Drogenkartellen in Kolumbien, Panama und Brasilien gut vernetzt sein. In den vergangenen Jahren wurden immer wieder türkischen Drogenhändler in verschiedenen Ländern festgenommen. 2017 etwa Münir Öztürk und Eray Üc, die Drogenhändler und Mitglieder der Hisbollah sein sollen, schreibt der Experte.

Im Jahr 2020 beschlagnahmte die kolumbianische Polizei im Hafen von Buenaventura zudem 4,9 Tonnen Kokain. Die Ermittler fanden heraus, dass das Kokain für die Türkei bestimmt war. Im selben Jahr beschlagnahmte die panamaische Polizei eine Tonne Kokain auf einem Schiff im Hafen von Cristobal und 500 Kilogramm auf einem Frachtschiff, das in den Panamakanal einfuhr.

Türkei: Säuberungen im Staatsapparat nach 2013

Cengiz erklärt, dass die Türkei unter anderem zu einem Drogenumschlagplatz geworden ist, weil vor allem nach dem Korruptionsskandal 2013 rund 40.000 Polizisten vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan entlassen wurden. Damals hatten Ermittler Dutzende Geschäftsleute aus dem Umkreis von Erdogan verhaftet, unter ihnen auch mehrere Söhne von Ministern. Sie hatten durch Schmiergeldzahlungen an Regierungsmitglieder Milliardengeschäfte an Land gezogen. Auch Erdogans Sohn Bilal geriet damals ins Fadenkreuz der Ermittler.

Ähnlich sieht es Murat Cetiner, ehemaliger Leiter der Sicherheitsabteilung bei der Polizei in Diyarbakir. „Es sind ja damals nicht nur zehntausende Polizisten entlassen worden. In allen Bereichen des Staates hat es Säuberungen gegeben“, sagt der Sicherheitsexperte. Das Land sei seit den Säuberungen ein anderes. „Die Wirtschaftszahlen werden immer schlechter, die Frauenmorde steigen, und die Menschenrechtslage im Allgemeinen wird schlechter,“ so Cetiner. Es fehle in vielen Stellen im Staat an Professionalität. Cetiner wurde selbst 2014 entlassen und später festgenommen. Er hatte gegen die Terrororganisation „Selam Tevhid“ ermittelt. Diese soll Verbindungen unter anderem zum türkischen Geheimdienst MIT haben.

Nur wenige Monate nach dem Korruptionsskandal von Dezember 2013 ließ Erdogan alle Ermittler vom Fall abziehen. Die Inhaftierten wurde alle frei gelassen und viele Ermittler wurden selbst festgenommen. Erdogan nannte den Korruptionsskandal von 2013 einen Putsch. (Erkan Pehlivan)

Auch interessant

Kommentare