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Kopfgeld aus Ankara: Exil-Journalist Dündar steht auf Terrorliste der Regierung

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Von: Yağmur Ekim Çay

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Can Dündar signiert sein Buch „Erdogan“ auf dem Medienfestival Campfire 2022 in Düsseldorf.
Can Dündar signiert sein Buch „Erdogan“ auf dem Medienfestival Campfire 2022 in Düsseldorf. © Robert B. Fishman/Imago

Exil-Journalist Can Dündar ist auf der „grauen Liste“ des türkischen Innenministeriums der meistgesuchten „Terroristen“ zu finden.

Ankara - Derjenige, der diese Nachricht verfasst hat, wird einen hohen Preis dafür bezahlen, ich werde ihn nicht so davonkommen lassen“, sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan 2015 über den türkischen Journalisten Can Dündar. Der Journalist hatte über die illegalen Waffenlieferungen der türkischen Regierung an extremistische Gruppen in Syrien berichtet. Jetzt steht Dündar auf der „grauen Liste“ des türkischen Innenministeriums der meistgesuchten „Terroristen“.

Ankaras Innenministerium veröffentlichte Ende vergangener Woche Dündars Foto auf der Website „terorarananlar.pol.tr“ (übersetzt: Wegen Terror gesuchte Personen) und setzte für Hinweise auf seinen Aufenthaltsort eine Belohnung aus. Für die „Mithilfe bei der Aufdeckung terroristischer Straftaten oder bei der Festnahme von Zeugen oder Verbrechern“ erhält man bis zu 500.000 Türkische Lira – aktuell rund 25.000 Euro. Dündar soll Mitglied der „FETÖ/PYD“ (Fethullahistische Terrororganisation/Parallelstaatsstruktur) sein, die für den Putschversuch im Jahr 2016 verantwortlich gemacht wird.

Exil-Journalist Can Dündar: „Es gibt noch viele andere Journalisten und Beamte auf der Liste“

Im November 2015 wurden Dündar und sein Kollege Erdem Gül wegen Spionage und Verrats von Staatsgeheimnissen verhaftet, aber drei Monate später wieder freigelassen. 2016 wurde dann auf ihn vor einem Gericht in Istanbul geschossen. Seitdem lebt der Journalist im Exil in Berlin und wurde Ende 2020 wegen angeblicher Unterstützung des Terrorismus und Verrats von Staatsgeheimnissen zu 27 Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt, außerdem wurde sein Vermögen in der Türkei beschlagnahmt.

„Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht, warum eine solche Entscheidung jetzt getroffen wurde. Es ist schon lange her, dass ich verurteilt wurde. Den Beitrag habe ich vor sechs Jahren geschrieben“, sagte der 61-jährige Dündar der Frankfurter Rundschau. Er sei nicht der Einzige auf jener Liste. Es gebe noch „viele andere Journalisten und Beamte auf der Liste“, die zu Unrecht des Terrorismus beschuldigt würden. Es gehöre seit Jahren zu Erdogans Politik, seine Gegnerschaft des Terrorismus zu beschuldigen.

Wahlen in der Türkei: Zeichen für die Erdogan-Anhänger in Deutschland

„Geld auf meinen Kopf zu setzen, ist für viele radikale Erdogan-Anhänger in Deutschland ein Zeichen“, schätzt Dündar. Er vermutet, dass die Türkei noch vor den Wahlen diese Situation nutzen wird, um Deutschland unter Druck zu setzen. Auch Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang schließe es nicht aus, dass der in diesem Jahr geplante Urnengang in der Türkei Auswirkungen auf Deutschland haben wird. Oppositionelle Journalist:innen seien ausgespäht und eingeschüchtert wurden, sagte der Verfassungsschutz-Chef jüngst in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Doch Dündar übt auch Kritik am deutschen Inlandsgeheimdienst: Der wisse nämlich „sehr genau, womit wir es hier zu tun haben“. Auch sein exilierter Kollege Erk Acarer sei im vergangenen Jahr vor seinem Haus in Berlin angegriffen worden, und seine Angreifer seien nicht gefunden worden. „Erdogan sollte diese Gelegenheit nicht bekommen. Ich bin besorgt“, mahnt Dündar.

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (RSF) verurteilt diese Situation aufs Schärfste. „Kopfgeld auf gesuchte Personen auszusetzen ist eine Methode wie aus einem Westernfilm. Wir fordern den türkischen Staat dazu auf, die Verfolgung von Can Dündar und Dutzenden anderen Medienschaffenden endlich einzustellen“, sagt Christian Mihr, Geschäftsführer der deutschen Sektion von RSF, der FR. In der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation steht die Türkei auf Platz 149 von 180 Ländern. (Yağmur Ekim Çay)

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