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Türkei: Regierung beschuldigt Westen nach Anschlag in Istanbul

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Von: Erkan Pehlivan

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Die türkische Regierung wirft der PKK vor, hinter dem Bombenanschlag im Istanbuler Stadtteil Taksim zu stecken. Der Westen sei zudem Mittäter.

Istanbul – Nach dem verheerenden Bombenanschlag mit sechs Toten und mehr als 80 Verletzten hat die Türkei mehrere Personen festgenommen. Attentäterin des Anschlags soll eine Frau aus Syrien mit dem Namen Ahlam Albashir sein. Die türkische Regierung wirft der Frau vor, im Namen der PKK gehandelt zu haben.

Auch der Westen wird von der AKP-Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan für den Terroranschlag verantwortlich gemacht. „Die USA geben den Terrororganisationen Waffen. Sie haben ihnen tausende Lkw-Ladungen Waffen geliefert. Die USA bilden sie aus. Frankreich und Deutschland unterstützen sie“, sagte der türkische Justizminister Bekir Bozdag nur wenige Stunden nach dem Anschlag in Istanbul in einer TV-Sendung.

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Anschlag in Istanbul © IMAGO/John Wreford

Auch der türkische Innenminister Süleyman Soylu sorgte nach dem Anschlag in Istanbul mit seinen anti-amerikanischen Äußerungen für Verwirrung. „Wir lehnen die Kondolenz der amerikanischen Botschaft ab. Wir lehnen sie ab“, sagte Soylu vor Pressevertretern. Die USA würden in der Region Kobane Waffen an Terroristen liefern und der US-Senat habe Geld an diese Terroristen geliefert. Deswegen müsse man jetzt darüber diskutieren, ob die USA Verbündeter der Türkei sei.

Auch die PKK hat sich inzwischen zu dem Terroranschlag geäußert. „Wir haben mit dem Anschlag nichts zu tun. Wir können nicht direkt Zivilisten angreifen und akzeptieren auch keine Anschläge, die sich gegen Zivilisten richten“, heißt es in einer Mitteilung der PKK. Zivilisten in der Türkei gehörten bislang nicht zu den Zielen der PKK.

Türkei: Anlass für erneuten Militäroperation in Nordsyrien?

Der Frankfurter Verein „Städtefreundschaft Frankfurt Kobane“ sieht die Anschuldigungen durch türkische Minister skeptisch. „Hier soll ganz offensichtlich ein Anschlag zum Anlass genommen werden, um damit eine weitere Invasion in Nordsyrien zu rechtfertigen“, sagt Bianca Winter vom Vorstand des Vereins. Winter fürchtet, dass eine weitere Invasion durch das türkische Militär zu ethnischen Säuberungen vor allem an Kurdinnen und Kurden sowie religiösen Minderheiten führen wird. Im seit 2018 besetzten Afrin ist die kurdische Bevölkerung von über 90 Prozent auf inzwischen unter 30 Prozent zurückgegangen.

Die Sorgen um eine neue Militäroperation in Nordsyrien durch die Türkei sind nicht unberechtigt. In den vergangenen Monaten hatte Präsident Erdogan immer wieder eine weitere Militäroperation im Nachbarland angedroht, um die Region von „Terroristen“ zu säubern. Auch von Drohnenangriffen aus der Türkei, denen Zivilisten zum Opfer fallen, gibt es immer wieder Meldungen.

Türkei: „Timing des Bombenanschlags nicht zufällig“

Prof. Burak Çopur, Politikwissenschaftler und Türkei-Forscher aus Essen, glaubt daran, dass Erdogan mittelfristig aus dem Anschlag politisches Kapital schlagen kann. „Das Timing des Bombenanschlags in Istanbul scheint nicht zufällig gewählt zu sein. Nach dem Verlust der AKP-Alleinregierung erlebte die Türkei zwischen Juni und November 2015 eine Reihe blutiger und grausamer Terroranschläge mit hunderten von Toten. Diese Entwicklung löste Panik und Angst in der türkischen Bevölkerung aus, sodass sich viele Wähler wieder der AKP zuwandten und mit Erdogan Halt an einem ´starken Führer´ suchten“, so Çopur. Im Juni 2023 finden Wahlen in der Türkei statt.

„Eine ähnliche Entwicklung der Instabilität und Fragilität könnte sich aktuell mit dem Anschlag in Istanbul abzeichnen. Im Wahlkampf gilt auch in der Türkei die Regel, dass Krisenzeiten Kanzlerzeiten sind und so könnte Erdogan wieder von dem angeblich wachsenden Terror profitieren“, sagt der Türkei-Experte. Çopur schließt zudem nicht aus, dass der Anschlag ein Denkzettel der syrischen Dschihadisten ist, um Erdogan eine Warnung gegen seine aktuelle Annäherung mit Damaskus zu geben. (Erkan Pehlivan)

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