Arbeiter bauen für das UN-Flüchtlingshilfswerk ein Lager nördlich von Mossul im Irak wieder auf. Das Lager soll einige Hundert syrische Flüchtlinge aufnehmen.

Syrien-Krieg

Türkei-Angriffe auf Syrien: NGOs unter Beschuss

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Türkei-Angriffe auf Syrien: Hilfsorganisationen werfen der Türkei in Nordsyrien den Bruch der Genfer Konvention vor und ziehen ihre Helfer aus dem Krisengebiet ab.

Internationale Hilfsorganisationen werfen der Türkei vor, bei ihren Angriffen in den Kurdengebieten Nordsyriens gezielt medizinische Einrichtungen und Fahrzeuge zu bombardieren. „Wir haben einen Hilferuf des Kurdischen Roten Halbmonds, unserer Partnerorganisation in der Region, erhalten, dass bei Ras al Ain bei einem Angriff der türkischen Luftwaffe mindestens ein Mitarbeiter verletzt und mindestens zwei Ambulanzen beschädigt wurden“, berichtet Anita Starosta, die zuständige Referentin für Syrien bei Medico International.

Die mobile Erste-Hilfe-Station, in der schwer verletzte Zivilisten stabilisiert werden, habe daraufhin geräumt werden müssen. „Schon beim türkischen Einmarsch in Afrin im vergangenen Jahr wurde ein vom Kurdischen Halbmond betriebenes Krankenhaus bombardiert, genauso wie Krankenwagen und medizinisches Personal“, sagt Starosta.

Die Angriffe werden auch von den Kontakten von Sebastian Jünemann bestätigt. Der Geschäftsführer der Hilfsorganisation Cadus aus Berlin kritisiert: „Krankenhäuser und Krankenwagen sind, wenn sie als solche gekennzeichnet sind, durch die Genfer Konventionen geschützt und dürfen nicht angegriffen werden, und auch die Türkei hat diese Konventionen unterzeichnet. Aber die Türkei setzt an vorderster Front auf islamistische Milizen, denen die Genfer Konventionen vollkommen egal sind.“ Darüber hinaus prangert er an, dass die internationale Empörung über die Angriffe auf den Kurdischen Roten Halbmond (KRH) weitgehend ausgeblieben sei.

Syrien: Lokale Kräfte sind bei der Versorgung von Verletzten und Geflüchteten auf sich alleine gestellt

Spenden für Syrien
Auf ihren Internetseiten bitten Hilfsorganisationen in Deutschland um Spenden für ihre Arbeit in Nordsyrien:

Medico international https://www.medico.de/

Cadus https://cadus.org/de/

Ärzte ohne Grenzen https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/

„Die Situation für die Hilfsorganisationen und die Zivilbevölkerung ist dramatisch. Ich kann derzeit nicht sagen, wie wir uns schützen sollten“, sagt Jünemann. Seine Organisation hat unter anderem deshalb am Dienstag die internationalen Mitarbeiter von den Projekten im Nordosten Syriens abgezogen. Als weiteren wichtigen Grund nennt er die unklare Lage seit dem Bekanntwerden der militärischen Kooperation zwischen den Kurden und der syrischen Regierung. „Es lässt sich nicht absehen, wer die territoriale Hoheit hat und wie sich dadurch die Bedingungen für uns verändern.“ 

Mit der Sorge ist Cadus nicht allein. Auch Ärzte ohne Grenzen meldete, die Mehrzahl der Aktivitäten in Nordostsyrien einzustellen und die internationalen Mitarbeiter abzuziehen. „Wir brauchen zunächst die Sicherheitsgarantien und die Akzeptanz aller Konfliktparteien, um weiterarbeiten zu können“, sagt Robert Onus, Notfallkoordinator der Organisation in Syrien. Angaben des KRH zufolge haben mittlerweile alle internationalen Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter in Sicherheit gebracht.

Damit sind die lokalen Kräfte bei der Versorgung von Verletzten und Geflüchteten auf sich alleine gestellt. „Es sind mittlerweile weit über 200.000 Menschen auf der Flucht ins Landesinnere, aber in den Städten dort gibt es nicht genug öffentliche Gebäude, in denen sie unterkommen können. Teilweise müssen sie unter freiem Himmel schlafen und es fehlen Decken“, schildert Medico-Referentin Starosta.

Sicherheitslage in Syrien ist schwer einzuschätzen

Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass mehrere Krankenhäuser hätten geschlossen werden müssen, unter anderem in den Städten Tal Abjad und in Ain Issa. In einem Lager in Ain Issa mangele es nach Angaben eines Mitarbeiters zudem an Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung. Jünemann beschreibt die praktischen Probleme, die sich daraus ergeben: „Wer baut Flüchtlingscamps auf, wenn die erfahrenen internationalen Organisationen fehlen? Und was passiert, wenn nicht nur kleinere Städte, sondern auch noch Kamischli angegriffen wird?“ Die Grenzstadt im äußersten Nordosten des Landes hat rund 200.000 Einwohner.

Den internationalen Helfern bleibt vorerst nichts anderes übrig, als ihre lokalen Mitarbeiter und Partner finanziell zu unterstützen und zu hoffen, dass ihnen nichts passiert. „Normalerweise gibt es in Kriegen Feuerpausen, um die Verletzten abzutransportieren. Das ist in diesem Konflikt bislang aber nicht der Fall“, beklagt Starosta.

Weil mittlerweile auch nur noch wenige Journalisten im Kampfgebiet seien, fehle den Helfern eine verifizierte Berichterstattung, um die Sicherheitslage einschätzen zu können, gibt Jünemann zu bedenken. „Die Kräfte vor Ort müssen die Angaben beider Konfliktparteien nehmen und die Wahrheit in der Mitte suchen.“

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