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Wieder verhaftet: Der türkische Journalist Ahmet Altan.

Türkei

„Justiz-Willkür“: Türkischer Journalist Ahmet Altan nach acht Tagen in Freiheit erneut verhaftet

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Der türkische Schriftsteller Ahmet Altan wird erneut festgenommen - angeblich wegen Fluchtgefahr. Die Organisation Reporter ohne Grenzen übt scharfe Kritik.

Update, 13.11.: Nur acht Tage nach seiner Freilassung aus einem türkischen Gefängnis ist der prominente Schriftsteller und Journalist Ahmet Altan wieder festgenommen worden. Als Grund gab das Gericht unter anderem angebliche Fluchtgefahr an. Altans Anwältin Figen Albuga Calikusu bezeichnete dies als „absurd“. Für dieses Vorgehen gebe keine gesetzliche Grundlage. „Von so viel Unrecht wird mir ganz schwindlig.“

Die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) hat die erneute Verhaftung scharf kritisiert und Altans Freilassung gefordert. Es handele sich um ein neues Kapitel der „Justiz-Willkür“ in der Türkei, das traurig und wütend mache, sagte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. „Ihn nach nur einer Woche in Freiheit wieder einzusperren, soll einen allseits bekannten Kritiker der Regierung mürbe machen.“ Altan müsse sofort freigelassen und alle Vorwürfe gegen ihn müssten fallengelassen werden.

Türkei: Ahmet Altan sieht die Welt wieder

Erstmeldung, 6.11: Der bekannte türkische Schriftsteller und Journalist Ahmet Altan ist frei – nach 1138 Tagen in Haft. Der 69-jährige Autor und seine 75-jährige Journalistenkollegin Nazli Ilicak wurden am Montagabend aus dem Gefängnis Silivri in der Nähe von Istanbul entlassen.

Beide waren wegen Äußerungen in einer Fernsehsendung am Vorabend des Putschversuchs in der Türkei vom Juli 2016 inhaftiert worden. Ahmet Altans Bruder Mehmet, ein 66-jähriger Wirtschaftsprofessor und Kolumnist, war wegen der gleichen Vorwürfe angeklagt und wurde nach fast zwei Jahren in Haft im Juni 2018 freigelassen. Er war einer der Ersten, der Ahmet Altan nach der Freilassung in die Arme schloss.

Ahmet Altan von FR in einer Solidaritätsaktion unterstützt

Ahmet Altan gehört zu den Patenjournalisten, die von Kolleginnen und Kollegen der Frankfurter Rundschau in einer Solidaritätsaktion unterstützt werden. Er hatte seine Festnahme, seine Prozesse und seine Zeit im Gefängnis in einem Buch unter dem Titel „Ich werde die Welt nie wiedersehen“ beschrieben.

Nach seiner Freilassung sagte Altan sagte in einem Gespräch mit dem unabhängigen Internetportal „P24“ und der Menschenrechtsorganisation „Article 19“: „So glücklich ich bin, unter den Menschen zu sein, die ich liebe, und den Himmel wiederzusehen: Dies ist nicht die Zeit für Jubel. Es ist hart, die Nachricht von der eigenen Freilassung zu erhalten, während du unter anderen Menschen weilst, die zu Unrecht im Gefängnis sitzen. Und das sind Tausende.“ Nazli Ilicak wählte ähnliche Worte. „Gott schütze die, die immer noch in Haft sind“, sagte sie. „Bitte vergesst sie nicht.“

Ahmet Altan zu zehneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt

Die Freilassung der beiden Journalisten war aber keineswegs mit Freisprüchen verbunden, im Gegenteil. Wie die türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, wurde Ahmet Altan zu zehneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, zugleich aber seine Freilassung unter Auflagen angeordnet, da er schon mehr als drei Jahre im Gefängnis gesessen hatte. Die Journalistin Ilicak wurde demnach zu acht Jahren und neun Monaten verurteilt, hatte aber ebenfalls schon mehr als drei Jahre im Gefängnis verbracht.

Altan und Ilicak waren 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil sie Mitglieder der Gülen-Bewegung gewesen sein sollen, die von Ankara für den Putschversuch verantwortlich gemacht wird. Im Juli sprach das Oberste Berufungsgericht der Türkei beide Autoren frei.

Der Kassationshof erklärte, Altan und Ilicak hätten nicht für Verstöße gegen die Verfassung verurteilt werden dürfen, sondern sollten sich wegen ihrer „absichtlichen und bereitwilligen“ Hilfe für die Gülen-Bewegung verantworten. Auf Grundlage dieses Anklagepunkts wurden Altan und Ilicak am Montag verurteilt. Altans Bruder Mehmet wurde freigesprochen, nachdem das Kassationsgericht ihn für unschuldig erklärt hatte.

Ahmet Altan mit Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet

Altan und Ilicak müssen sich regelmäßig bei der Polizei melden. Sie dürfen die Türkei laut dem Gerichtsurteil nicht verlassen. Das bedeutet, dass Ahmet Altan voraussichtlich nicht selbst den Geschwister-Scholl-Preis entgegennehmen kann, der ihm am 25. November in München verliehen wird. Der Preis wird vom bayerischen Landesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gemeinsam mit der Stadt München vergeben und ist mit 10.000 Euro dotiert. 

In der Begründung der Jury heißt es: „Ahmet Altan spricht für alle die, die für die Wahrheit eintreten und die Freiheit verteidigen, gerade unter schwierigsten Bedingungen. Auf diese Weise verteidigt er selbst die Freiheit und erinnert an das Vermächtnis der Geschwister Scholl.“ (mit afp)

Ausstellung in Frankfurt: Auch ein Porträt von Ahmet Altan wird gezeigt

Die Organisation „Wahrheitskämpfer“, die an verfolgte, inhaftierte und getötete Journalisten in aller Welt erinnert, hat am Sonntag in der Frankfurter „Denkbar“, Spohrstraße 46a, eine Ausstellung eröffnet. Auch ein Porträt von Ahmet Altan wird gezeigt – die Gruppierung setzt sich unter anderem für ihn ein. Weitere Infos: wahrheitskaempfer.de

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