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Tsitsi Dangarembga: Zur Strafe mundtot

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Von: Bascha Mika

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Tsitsi Dangarembga spricht im August in Harare mit Journalisten und Journalistinnen.
Tsitsi Dangarembga spricht im August in Harare mit Journalisten und Journalistinnen. © Tsvangirayi Mukwazhi/dpa

Ein Frontalangriff auf die Meinungsfreiheit ist das Urteil gegen die bekannte simbabwische Autorin: Fünf Jahre lang darf sie sich nicht politisch äußern.

Wie hält sich ein repressives Regime an der Macht? Durch Verfolgung, Willkür und Gewalt. Mit körperlicher Folter wurde Tsitsi Dangarembga bisher zwar nicht gequält, doch mit Einschüchterung und Zermürbung hat die Schriftstellerin einschlägige Erfahrungen gemacht.

Zweieinhalb Jahre lief der Prozess, mit dem die Herrschenden in Simbabwe Tsitsi Dangarembga klein kriegen wollten. Der Vorwurf: Sie soll zu öffentlicher Gewalt, Friedensbruch und Bigotterie aufgestachelt haben. Am Donnerstag wurde vor dem Antikorruptionsgerichtshof in Harare das Urteil gesprochen: Schuldig in allen Punkten.

Tsitsi Dangarembga ist zu einer Geldstrafe von 100 US-Dollar verurteilt worden und – was viel schwerer wiegt – zu sechs Monaten Haft auf Bewährung. Denn die werden auf fünf Jahre ausgesetzt; in dieser Zeit darf sich die Verurteilte weder politisch äußern noch betätigen. Eine perfide Strafe für eine Frau, die als Autorin und Filmemacherin von ihrem Blick auf die Welt, von ihrer Haltung und Sprache lebt. Und ein passendes Urteil für ein Regime, das versucht, seine Gegner:innen mundtot zu machen.

Mit Tsitsi Dangarembga stand auch die Journalistin Julie Barnes vor Gericht. Auch sie wurde in allen Punkten schuldig gesprochen. „Wir müssen nicht länger darüber scherzen, dass es Meinungsfreiheit in Simbabwe gibt, aber keine Freiheit nach der Meinung“, schrieben die beiden Frauen nach der Verurteilung an ihre Unterstützer:innen. „Wir müssen dieses Urteil als Warnzeichen nehmen, dass wir als Simbabwer unserer Freiheit zur friedlichen Meinungsäußerung beraubt wurden.“

2020 hatten Tsitsi Dangarembga und Julie Barnes an einem Straßenrand in Harare gegen die schlechte Regierungsführung, das brutale Vorgehen gegen Andersdenkende und die grassierende Korruption demonstriert. „Für die Freilassung von Journalisten, für Reformen, für ein besseres Simbabwe!“ stand auf dem kleinen Plakat, das Tsitsi Dangarembga um den Hals trug. Es war ein leiser Widerstand. Unaggressiv, gewaltfrei.

Ein Oppositionsbündnis hatte für diesen Tag zu Protesten aufgerufen. Ganz im Stil eines absolutistischen Herrschers warnte Präsident Emmerson Mnangagwa seine Landleute davor, auf die Straße zu gehen. Auf die Warnung folgten Taten: Tsitsi Dangarembga und Julie Barnes wurden umgehend verhaftet. Doch nach internationaler Empörung – Tsi-tsi Dangarembga ist weit über Simbabwe hinaus bekannt – setzte das Regime die beiden Frauen wieder auf freien Fuß. Untersuchungshaft blieb ihnen erspart, die Anklage aber nicht.

Und jetzt das Urteil. Bereits vorher hatte Olaf Koschke, Ehemann von Tsitsi Dangarembga angekündigt: „Selbstverständlich gehen wir bei einer Verurteilung in Berufung vor den High Court!“ Da das Oberste Gericht nicht wie der Antikorruptionsgerichtshof dem Präsidenten unterstellt ist, hofft das Ehepaar dort auf ein faireres Verfahren.

Doch wie einen weiteren Prozess finanzieren? Bisher wurde die Verteidigung aus Pro-Bono-Töpfen von Menschenrechtsanwälten in Simbabwe bestritten. Aber die sind angesichts vieler Verfahren gegen Oppositionelle leer. Bereits die letzte Etappe des bisherigen Prozesses wurde mit Spenden finanziert, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, das PEN-Zentrum sowie der Orlanda- und Fischer-Verlag sammelten.

Zudem besteht die Gefahr, dass Tsitsi Dangarembga und Julie Barnes bei einer Berufung solange ins Gefängnis müssen, bis die Verhandlung vor dem High Court stattfinden kann. Dass die beiden bislang in Freiheit waren, ist ein Privileg, das nicht viele politische Angeklagte in Simbabwe genießen. Nach der Eröffnung des Verfahrens hatte die Autorin ihren Pass zurück bekommen und konnte reisen.

Zu Beginn, erzählt Tsitsi Dangarembga, habe sie den Prozess gar nicht ernst genommen. „Doch als sich das Verfahren in die Länge zog und zudem mehrfach die zuständigen Richter wechselten, begann ich mir Sorgen zu machen.“ Völlig zurecht, wie sich herausstellte.

Denn das Regime wollte an der bekanntesten Kunstschaffenden des Landes ein Exempel statuieren. Schon seit langem verstärkt Präsident Mnangagwa die Repression im Land. Tsitsi Dangarembga: „Von simbabwischen Bürgern wird erwartet, dass sie schweigen und fügsam akzeptieren, was auch immer die Behörden beschließen“. Sie wurde vor dem berüchtigten Antikorruptionsgerichtshof angeklagt. Einem Sondergericht, das dem autokratisch regierenden Präsidenten unterstellt ist. Immer wieder mussten Tsitsi Dangarembga und Julie Barnes zu Verhandlungen erscheinen – um dann zu erfahren, dass der Prozess erneut vertagt würde. Weil irgendein Zeuge fehlte, der Staatsanwalt verschwunden war oder die Richterin Urlaub machte. Der Widerstand der Frauen sollte gebrochen werden, ein Geständnis sollte her, dass sie zu Aufruhr hatten anstacheln wollen.

„Ich werde diese Turbulenzen durchstehen!“ hatte Tsitsi Dangarembga noch kürzlich gesagt. Ein entschlossener Satz, charakteristisch für diese Frau. Dabei hätte sie es sich leicht machen und ihrer Heimat den Rücken kehren können. Hatte es die Staatsmacht nicht regelrecht darauf angelegt, die Regimekritikerin aus dem Land zu jagen? Doch die Vertreibung ist nicht gelungen. Tsitsi Dangarembga kehrte von Reisen immer zurück, auch zur Urteilsverkündung.

Der Dangarembga-Prozess zeigt den Zustand Simbabwes in hässlichem Licht. Seit Jahren ist die wirtschaftliche, politische und soziale Situation völlig desolat (siehe Interview). Trotz reicher Rohstoffe rangiert das Land in allen globalen Entwicklungs-Indizes im unteren Drittel. 1980, nach der Unabhängigkeit, schien es zunächst, als würde Simbabwe die postkoloniale Transformation gut bewältigen. Doch der ehemalige Freiheitskämpfer Robert Mugabe entwickelte sich zum brutalen Diktator und Ausbeuter. Drei Jahrzehnte plünderte er das Land aus, an die 30 000 Menschen sollen seinem Macht-rausch zum Opfer gefallen sein.

Die soziale und politische Ordnung wurde zerstört; nach Enteignungen folgte der wirtschaftliche Absturz der einstigen Kornkammer Afrikas. Auch unter dem Nachfolger Mugabes hat sich die Lage nicht verbessert. Hyperinflation, Korruption und Machtmissbrauch drücken das Land nieder. „Menschen in Armut zu halten ist eine Kontrollstrategie“, sagt Tsitsi Dangarembga. „Die Leute sind jeden Tag damit beschäftigt, zu überlegen, wo sie Geld und Essen herkriegen. Deshalb ist der Widerstand gegen die Regierung schwach. Aber langsam ändert sich das Bewusstsein.“

Für ihre in großen Abständen geschriebenen Romantrilogie wurde Tsitsi Dangarembga international als Autorin gefeiert. Die BBC nahm „Nervous Conditions“, den ersten der drei Bände, in die Liste der hundert Bücher auf, die die Welt verändert haben. Darin geht es um das Leben von Mädchen und Frauen in Simbabwe – wie sie zu Kollaborateurinnen des Systems werden und sich so selbst zerstören.

Seit langem kämpft Tsitsi Dangarembga für Menschenwürde und Freiheitsrechte. Als sie 2021 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hieß es in der Begründung: „Wir ehren eine Frau, die eine der wichtigsten Kulturschaffenden ihres Landes ist. Mit ihrem öffentlichen Protest begehrt sie furchtlos gegen den herrschenden Apparat auf.“

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