Tsitsi Dangarembga
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Die erste Schwarze im Land, die ein Buch auf Englisch veröffentlichte: Tsitsi Dangarembga.

Porträt

Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga: Kein Zweifel - diese Frau ist außergewöhnlich

  • Bascha Mika
    VonBascha Mika
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In ihren Romanen stellt die Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga stellt Fragen der globalen Gerechtigkeit. Sie gilt als Stimme Afrikas in der literarischen Welt.

Tsitsi Dangarembga war stets die Erste. Die erste Schriftstellerin in Simbabwe, die einen Frauenroman schrieb. Die erste Schwarze im Land, die ein Buch auf Englisch veröffentlichte. Die erste Filmregisseurin und die erste Theaterautorin. Darüber hinaus ist ihr Film „Neria“ der publikumträchtigste Film, der je in Simbabwe gezeigt wurde.

Kein Zweifel, diese Frau ist außergewöhnlich. Doch nichts davon trägt sie vor sich her. Ruhig und überlegt tritt sie auf, kontrolliert, nachdenklich und intellektuell präzise bei allem, was sie zu sagen hat. Und das ist viel. Doch kaum beginnt sie zu lachen, scheint hinter all der Besonnenheit und Selbstbeherrschung noch eine andere Person auf, eine, die ausgelassen und entspannt sein kann.

Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga erzählt, wie die Möglichkeiten einer Frau beschnitten werden

„Ich kam zum Schreiben, weil ich mich selbst in der Literatur nicht repräsentiert sah“, erzählt Tsitsi Dangarembga. In ihrem Land ist sie vor allem mit ihren Filmen und Theaterstücken erfolgreich, doch international bekannt wurde sie als Autorin einer Romantrilogie, die sie in großen zeitlichen Abständen veröffentlichte. Der erste Teil, „Nervous Conditions“, erschien, als sie 26 Jahre alt war. Beim dritten Band, „This Mournable Body“ war sie bereits 59. Nach der Ursache für den langen Zeitraum gefragt, zitiert sie gern die Schriftstellerin Viginia Woolf. Die hatte bereits im 19. Jahrhundert festgestellt: Eine Frau braucht 500 Pfund und ein Zimmer für sich allein, um zu schreiben.

Die Trilogie erzählt die Geschichte von Tambudzai Sigauke, ihre Entwicklung als Mädchen, als junge und als erwachsene Frau. In schnörkelloser, klarer Sprache, voller kleiner Beobachtungen und Details erleben die Leser:innen die Jugend- und Wanderjahre von Tambu, die materiellen und psychologischen Verstrickungen in die Verhältnisse des kolonialen Rhodesien und postkolonialen Simbabwe.

Doch um das Land geht es der Autorin eigentlich dabei nicht. „Es war nicht meine Absicht, die Geschichte Simbabwes durch die Augen eines Mädchens zu erzählen. Ich wollte die Geschichte einer Frau erzählen, die ihren Weg in einem bestimmten gesellschaftlichen Umfeld geht. Und wie ihre Möglichkeiten durch die herrschenden Verhältnisse beschnitten werden.“

Tsitsi Dangarembga: Für „Nervous Conditions“ Mehrfach ausgezeichnet

Für „Nervous Conditions“ wurde die Schriftstellerin mehrfach ausgezeichnet, der Roman in viele Sprachen übersetzt. Zwar geht es vordergründig um ein menschenwürdiges Leben und weibliche Selbstbestimmung in Simbabwe, doch die moralischen und sozialen Fragen, die der Roman aufwirft, reichen weit darüber hinaus, sind Echoräume für globale Gerechtigkeitsfragen.

2018 wurde „Nervous Conditions“ von der BBC in die Liste der 100 Bücher aufgenommen, die die Welt verändert haben. Der letzte Teil der Trilogie kam 2020 auf die Shortlist des britischen Booker-Prize. Über „This Mournable Body“ sagt die Autorin: „Über einen gequälten Körper zu schreiben und über einen gequälten Körper zu lesen ist ein Akt des Widerstands.“ Ein gequälter Frauenkörper, ein gequältes Land.

1959 in Rhodesien geboren, verbrachte Dangarembga einen Teil ihrer Kindheit in England, ging dann in ihrer Heimat auf eine Missionsschule, begann in Cambridge Medizin zu studieren, wechselte aber bald das Studienfach und schrieb sich in ihrer Heimat für Psychologie ein. In Deutschland folgte eine Regie-Ausbildung an der Berliner Filmhochschule und eine Promotion an der Humboldt-Universität. Eine prägende Zeit. „Ohne die deutsche Erfahrung wäre ich nicht die Person und Künstlerin geworden die ich heute bin“, sagt sie. Und hätte wohl ihren Mann nicht kennengelernt, den Produzenten Olaf Koschke, mit dem sie seit langem verheiratet ist und drei Kinder hat.

Tsitsi Dangarembga: Nach einer Regie-Ausbildung in Deutschland ging sie zurück nach Simbabwe

Doch bei all dem Guten war da noch etwas anderes, weniger Gutes, was Tsitsi Dangarembgas Leben in Deutschland prägte. Den Vorwurf Rassismus würde sie nicht erheben, sie sagt es so: „Es ist schwierig wenn die eigenen Möglichkeiten durch die eigene Herkunft eingeschränkt sind, die Erfahrungen vom Mainstream abweichen und dieser Unterschied einen als Außenseiter brandmarkt, der deshalb weniger begehrt und kompetent ist.“

Sie ging mit der Familie zurück nach Simbabwe – und war dort mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Nach der jahrzehntelangen Diktatur durch Präsident Robert Mugabe setzt sich das Unterdrückungssystem bis heute fort. „Wir haben eine gierige, repressive und verantwortungslose Regierung auf der einen und eine elende, entmachtete Bevölkerung auf der anderen Seite.“ So beschreibt Tsitsi Dangarembga die Verhältnisse. „Ich denke, dass die Hoffnung für den Großteil der Simbabwer erloschen ist. Selbst Jugendlichen ist die Lebenskraft ausgegangen.“ Gegen diese Verhältnisse geht die Künstlerin auf die Straße – und wird verfolgt.

2021 wurde Dangarembga mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. „Tsitsi Dangarembga engagiert sich seit Jahren auf vielfältige Weise für Menschenwürde und Freiheitsrechte in ihrem Land“, heißt es in der Begründung der Jury. „Wir ehren eine Frau, die nicht nur eine der wichtigsten Kulturschaffenden ihres Landes ist, sondern auch eine weithin hörbare, authentische Stimme Afrikas in der literarischen Welt.“ (Bascha Mika)

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