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Das hätte der Militärdiktator nicht geduldet: Bauern aus dem Süden des Landes protestieren vor dem Parlament in Taipeh gegen hohe Düngerpreise.

Taiwan

Tschiang Kaischeks undankbare Erben

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In Taiwan regiert seit Januar wieder die Kuomintang, doch ihr früherer Führer hat nicht einmal eine Ehrengarde. Von Karl Grobe

Wenn der Gimo den Turm noch sehen könnte, müsste er sich bestätigt fühlen. Leider ist der Gimo, mit vollem Titel Generalissimo und mit Zivilnamen Tschiang Kaischek, vor 34 Jahren gestorben. Und sein steinernes, sitzendes Abbild in der Gedenkstätte, die sie ihm gebaut haben, blickt in die falsche Richtung. Stehen auch Hochhäuser dazwischen. Den neuen Turm, den derzeit höchsten der Welt, sieht er nicht.

Wenn der Gimo hingegen sehen müsste, was sie ihm in der letzten Zeit vor die Füße gestellt haben, schlüge er gewiss nach alter Gewohnheit dem nächsten Unterling die Reitgerte quer ins Gesicht. In der Ausstellungshalle: Fotos ausgemergelter, offenbar ungestraft protestierender Bauern, hier auf der Insel - wie damals auf dem Festland, wo er den Krieg gegen Japan gewonnen und den gegen die kommunistischen Banditen hinterher verloren hat.

Hier auf der Insel, auf Taiwan (damals sagte man noch häufiger Formosa), hat sich auch abgespielt, was mit den Ziffern "228" seinem steinernen Doppelgänger vor Augen gehalten wird: der Volksaufstand mit anschließendem Massaker vom 28. 2. 1947. Er hatte aber doch verboten, darüber ein Sterbenswort zu verlieren.

Taipehs Demokratiegedächtnis

Zu allem Überfluss muss er mit anhören, dass die Denkmalserklärerin den Freunden aus Deutschland, Luxemburg und Australien seinen Namen so wiedergibt, wie ihn die kommunistischen Banditen aussprechen: Jiang Jieshi. Die Denkmalserklärerin hat sich als Doris vorgestellt und beiläufig erzählt, dass sie den Job seit 24 Jahren macht. Damals musste sie wohl anderes erzählen.

Da hieß die Anlage noch nicht "Nationale Taiwaner Demokratiegedächtnishalle". Den Name hat die Demokratische Fortschrittspartei ihr verliehen, als sie regierte. Die Partei, die aus dem Protest gegen die Kriegsrechtsdiktatur Tschiang Kaischeks entstanden ist und Taiwan zu einem unabhängigen Staat machen möchte. Seit Januar regiert sie nicht mehr, das tun Tschiangs Erben, die Kuomintang.

Undankbar, wie sie aus Sicht des steinernen Alten sind, werden sie aber weder die Demokratie abschaffen noch die Ehrengarde wieder vor ihm aufstellen und Wachwechsel üben lassen. Das, mag er sich denken, kann man aber doch wohl verlangen nach rund fünfzig Herrschaftsjahren, auch wenn die kommunistischen Banditen ihm mehr als 99 Prozent seiner Republik China weggenommen haben.

In Nanjing drüben - es war mal seine Hauptstadt, in Peking saßen die anderen Feinde, die Japaner - haben sie seine Residenz auf den Purpurbergen wiederhergestellt. Die Erklärerin hier in Taipeh will gar nicht glauben, dass man in Nanjing schon vor vier Jahren gepflegt zu Mittag essen konnte, im Erdgeschoss ein Restaurant, oben ein Museum mit Arbeits-, Empfangs-, Ruheraum, Schlafzimmer, alles von und für Jiang Jieshi und seine Frau Soong Meiling. Dabei war der Mann für die dort kurz davor noch ein kapitalistischer Banditenhäuptling gewesen, die Frau eine US-Agentin. Geht man denn so mit der Geschichte um?

Schlendern mit Doris durch das Untergeschoss der Demokratiegedächtnishalle in Taipeh, durch das museale Arbeitszimmer des Gimo, das dem drüben in Nanjing sehr ähnlich sieht, außer, dass dort kein nachgebauter Hausherr den Rückweg in seine früheren Räumlichkeiten geschafft hat. Obwohl auch die Volksrepublik ihm nicht mehr übelnimmt, dass ihre Revolutionsarmee ein paar Jahrzehnte lang gegen ihn kämpfen musste, bis er weg war, sozusagen reif für die Insel.

Der Bau in Taipeh war mal als ewiges Mahnmal gedacht; seine bauliche Ästhetik hat wenig mit Ausgewogenheit, mit Harmonie zu tun. Aber vielleicht fällt es nur schwer, die Grundsätze der zuständigen Architekten zu verstehen.

Draußen üben ein paar Dutzend Jugendliche Gleichschritt in Dreierreihen, hinter der roten Staatsfahne mit dem blau-weißen Stern in der Mitte und hinter der blassblauen Parteifahne der Kuomintang. Das würde den Gimo unzweifelhaft freuen. Es war sein Wunsch, die nächste Generation zu uniformieren, marschieren und patriotische Lieder singen zu lassen. Ohne Opposition.

Schichtwechsel bei den Märtyrern

Die professionell paradierenden und adrett uniformierten Vertreter der Waffengattungen, die ihm früher Gesellschaft leisteten und die meiste Zeit so starr dazustehen hatten wie in Bronze gegossen - die haben den Gimo verlassen. Die paradieren und wachwechseln nun vor dem Schrein der Märtyrer, der Revolutionäre, die 1911 die Dynastie der Qing-Kaiser gestürzt haben. Die Blauen nahen mit einem Stechschritt, wie entworfen von einem Computerprogramm, fünf Jahre bevor Lara Croft laufen lernte. Blau, das Heer, löst Weiß ab, die Seestreitkräfte. Schichtwechsel.

Die Halbwüchsigen am Zielort der Paradierenden haben ihr Spiel aufgegeben, den unbewegt harrenden weiß Uniformierten eine Regung abzugewinnen - die militärische Disziplin war stärker - und mischen sich unter das Publikum. Ein seriös-zivil gewandeter Herr bittet um Ehrfurcht sowie auch Ruhe, was der Situation angemessen sei. Das Publikum verhält sich weiterhin zivil, also undiszipliniert. Die Wachwechsler führen noch, maschinenmäßig exakt, ein paar Gleichgewichtsübungen mit dem Gewehr vor und lassen ab und an die Hacken knallen. So ehren sie die Zivilgesellschaft, die vor 97 Jahren die militärisch organisierten Mandschu-Fremdherren vertrieben hat.

Das Exerzierreglement freut die Begleiter: Taiwan kann's eben. Auch wenn der Exerzierplatz vom Generalissimo weg verlegt worden ist. Der, Jiang Jieshi - um ihn zur Abwechslung mal so zu nennen, wie Erklärerin Doris ihn eben genannt hat und wie die Leute auf dem Festland ihn schreiben -, würde sich wiederum wundern, träte er vors Tor hinaus und sähe die Straßenschilder. Die nennen doch glatt in ihrem lateinisch geschriebenen Teil die Straßennamen in der Umschrift, die vom Festland kommt, jedenfalls ungefähr. Wollen die Taiwaner ihnen etwa ähnlich werden?

Fehlt bloß noch, dass die da drüben es auch mit der Demokratie versuchen. "Dann hätte Tschiang nachträglich gewonnen", meint ein Taiwanese. Dass es dazu demnächst kommen wird, das glaubt er nicht. Das hat ja auch hier seine Zeit gedauert, und Taiwan ist klein. 23 Millionen Leute. Bis die drüben, fast anderthalb Milliarden, sich auf gewisse Spielregeln einigen, wird es noch dauern, 15 Jahre bestimmt.

Taiwan, meint der Taiwanese, hat die Nase vorn und kann höher als China. Der Turm mit dem Namen Taipeh 101, den der Stein-Gimo von seiner Gedenkstätte aus nicht sehen kann, ist auch der Welt schnellster. Der Lift ist vom 5. bis zum 89. Stock nur 37 Sekunden unterwegs. Im Jinmao Tower drüben auf dem Festland, in Schanghai, dauert das doppelt so lange.

Der Turm bietet noch mehr. Er hat in fünf Stockwerken, von unten gerechnet, Ladenpassagen für jene, die nicht ganz so hoch hinauswollen, abgesehen allerdings von den Preisen - und 37 Sekunden weiter oben auf Level 88 stehen Shops mit Souvenirs zu Preisen entsprechend der architektonischen Situation. Das haben sie drüben nicht? Na, wenn Ihr wüsstet.

Ungefähr zehn Etagen über der Lift-Endstation gibt es eine offene Galerie. Dorthin dürfen Gäste den Rucksack nicht mitnehmen. Es könnte ja ein Fallschirm drin sein. Dass die Galerie wegen des Regenwetters ohnehin versperrt ist, macht nichts. Vorschrift ist Vorschrift. Der Gimo wäre glücklich, dass hier die Ordnung noch funktioniert. Es ist aber gar nicht seine Ordnung: Es gibt Demokratie.

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