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Truss-Nachfolge: Showdown in London

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Von: Sebastian Borger

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Rishi Sunak.
Rishi Sunak. © dpa

Rishi Sunak, der Favorit für das Amt des britischen Premiers, trifft sich mit Boris Johnson. Doch das Treffen verläuft ergebnislos.

Will Boris Johnson es wirklich nochmal wagen? Die Frage stand am Wochenende dort, wo der frühere Premierminister sich am liebsten aufhält: im Mittelpunkt aller Überlegungen der politisch interessierten Brit:innen darüber, wer die Nachfolge der gescheiterten Liz Truss antreten wird. Während sich der 58-Jährige selbst in Schweigen hüllte, versuchten begeisterte Fans Stimmung für ihr Idol zu machen. Gemessen an den öffentlichen Treueschwüren liegt Ex-Finanzminister Rishi Sunak vor der Abstimmung an diesem Montag klar in Führung. Eine Regierung unter seiner Führung werde „integer, professionell und verantwortlich“ handeln, teilte der 42-Jährige in seinem Bewerbungsschreiben mit.

Am Samstagabend hatte sich der Sohn indischer Einwanderer mit seinem früheren Chef getroffen, was Spekulationen über einen Sunak-Johnson-Pakt auslöste. Offenbar aber verlief das Treffen ergebnislos. Er werde das Königreich durch „die tiefgreifende Wirtschaftskrise“ führen und die Partei zusammenbringen, versprach der frühere Goldman Sachs-Banker am Sonntag in Sätzen, mit denen sich der Abstinenzler Sunak vom ehemaligen Leiter des alkoholgetränkten Tollhauses in der Downing Street Nummer Zehn distanzierte. Seine unbezweifelbare ökonomische Kompetenz gehört wie Integrität und Verantwortungsgeist zu den Attributen, die in Bezug auf Johnson nicht einmal besonders Begeisterten einfallen.

In die fraktionsinterne Abstimmung gehen am Montagnachmittag nur jene Kandidat:innen, die von mindestens 100 der insgesamt 357 Fraktionsmitglieder schriftlich nominiert wurden. Am frühen Sonntagnachmittag hatten sich nach BBC-Angaben 141 Tory-Abgeordnete öffentlich zu Sunak bekannt, die Marke für Johnson lag bei 57. Lediglich 23 versammelten sich hinter Kabinettsministerin Penny Mordaunt. Aus deren Lager verlautete, die 49-Jährige sei schockiert über die Diskrepanz zwischen den privaten Versprechungen ihrer Fraktionskolleg:innen und deren öffentlichem Gebaren.

Da ist es wieder, das Klischee von der Tory-Unterhausfraktion als „weltweit raffiniertester Wählergruppe“. Was sich hinter diesem Schlagwort verbirgt, beschreibt Paul Goodman, früher selbst Abgeordneter, so: „Man kann öffentlich den einen unterstützen, einen anderen nominieren und schließlich die dritte wählen.“ Seinem Eindruck nach, so der Chefredakteur der Partei-unabhängigen Website „Conservative Home“ weiter, würde Johnson das Rennen machen, wenn das konservative Parteivolk das letzte Wort hätte: „Die Mitglieder würden sich an ihrem großen, blonden Teddybär festklammern wie ein Kind im Dunkeln.“

Genau davor warnten prominente Partei-Rechte, auf deren Unterstützung Johnson sowie seine noch glücklosere Nachfolgerin Liz Truss sich bisher verlassen konnten. Eine Rückkehr des Wahlsiegers von 2019 wäre „ein Desaster“ für seine Partei, glaubt der Brexit-Ultra Steve Baker. Die jetzige Lage sei ganz anders als 2019, schrieb die Handelsministerin Kemi Badenoch, ein Star der jüngeren Generation: „Wir brauchen Geduld, Ehrlichkeit und Kompetenz, nicht wie damals kavaliersmässigen Elan.“ Ähnlich äußerte sich auch die erst am Mittwoch zurückgetretene Innenministerin Suella Braverman: Gefragt seien nun „Einigkeit, Stabilität und Effizienz“ – eine verbale Ohrfeige für den polarisierenden und notorisch chaotischen früheren Premierminister.

Ob Johnson, selbst wenn er genug Nominierungen aufweist, überhaupt antritt? Zweifler:innen erinnerten an das Verhalten des unangefochtenen Brexit-Vormanns nach dem siegreichen Referendum im Juni 2016: Von engen Gefolgsleuten wie Michael Gove öffentlich im Stich gelassen zog Johnson damals seine Kandidatur zurück, diente später als Außenminister in Theresa Mays Kabinett. Für die Menschen im Land, die mit den Überlegungen der Regierungspartei nichts zu tun haben, fasste der prominente Karikaturist Nick Newman die Lage mit Galgenhumor zusammen. „Machen Sie sich nichts draus“, sagt eine Krankenschwester in seiner Zeichnung zu einer Demenz-Patientin: „Es ist ganz normal, nicht zu wissen, wer der Premierminister ist.“

Boris Johnson.
Boris Johnson. © dpa

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