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Noch gibt es sie nur auf zwei verschiedenen Fernsehbildern: US-Präsident Donald Trump (l.) und Nordkoreas Diktator Kim Jong Un.

Nordkorea

Trumps Tabubruch

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Zum ersten Mal spricht ein US-Präsident persönlich mit einem nordkoreanischen Führer.

Kim Jong Un ist plötzlich ein gefragter Gesprächspartner: Donald Trump hat sich am Freitag völlig überraschend bereiterklärt, den nordkoreanischen Machthaber persönlich zu treffen. Bisher haben amtierende Präsidenten solche Begegnungen vermieden. Zu groß war die Befürchtung, damit Nordkorea das Prestige eines ernstzunehmenden Gesprächspartners zu geben – und zugleich selbst an Image zu verlieren. Trump kennt offenbar keine solchen Vorbehalte. Schon kurz nachdem der südkoreanische Unterhändler Chung Eui Yong die Einladung in Washington überbracht hatte, twitterte Trump seine Zustimmung: „Das Treffen wird geplant!“

Trump betritt Neuland. Bisher waren es in zwei Fällen amerikanische Ex-Präsidenten, die, wenn nötig, den direkten Kontakt zu Nordkorea übernommen haben. So traf Ex-Präsident Bill Clinton 2009 Jong Uns Vater, um über die Freilassung inhaftierter Amerikaner zu verhandeln. Für den damals amtierenden Präsidenten Barack Obama kam nicht einmal ein Telefonat mit Kim infrage. Er ließ die Behauptung der nordkoreanischen Nachrichtenagentur, Clinton habe Grüße von ihm ausgerichtet, sofort dementierten. Zuvor hatte 1994 Jimmy Carter den Großvater des derzeit regierenden Kim Jong Un getroffen.

Treffen in der Höhle des Löwen?

Das Treffen soll noch bis Mai zustande kommen, sagt Chung. Wo es stattfinden soll, ist noch unklar. Zu dem möglichen Orten gehören ein neutrales Drittland ebenso wie die Grenzsiedlung Panmunjom oder gar eine Reise Trumps nach Pjöngjang in die Höhle des Löwen. Wo auch immer das historische Gespräch stattfindet: Kim ist am Ziel seiner Träume. Die Welt nimmt ihn als Herrscher über einen Nuklearstaat ernst. Er verhandelt auf Augenhöhe mit dem mächtigsten Mann der Welt, dem Anführer des Westens. Das Spiel mit der Atombombe hat sich für ihn gelohnt.

Doch auch Trump kann durch den Tabubruch gewinnen. Kim steht jetzt unter Druck, etwas zu bieten. Kommt ein Friedensvertrag zustande, dann kann sich Trump als der Macher präsentieren, der eine Krise gemeistert hat, an der seit dem Ende des Kalten Krieges vier Präsidenten gescheitert sind.

Das Nachbarland Japan ist jedoch skeptisch und hält Trumps Zusage für überhastet. Premier Shinzo Abe rief Trump sofort an, um den US-Präsidenten an die bisher geltenden Absprachen zwischen den Bündnispartnern zu erinnern. Denn eigentlich war abgemacht, dass der Norden mit Abrüstung in Vorleistung gehen muss, bevor ein direkter Dialog infrage kommt.

Jetzt dreht Trump den Zeitplan um – und versetzt Tokio in Aufregung. „Wir bestehen darauf, dass Nordkorea zuerst substanzielle Schritte in Richtung einer Denuklearisierung geht, damit so ein Gespräch Sinn hat“, sagte Verteidigungsminister Itsunori Onodera. Japan wünscht sich insgesamt eine härtere Linie gegen Nordkorea. Das schnelle Einknicken Trumps ist der Regierung dort unheimlich.

Denn eine Regelung, die Trump und Kim als außenpolitischen Erfolg verbuchen können, ließe Japan möglicherweise außen vor. Was, wenn Trump im Sinne von „Amerika zuerst“ nur auf Beendigung des Programms zur Entwicklung nuklear bestückter Interkontinentalraketen drängt? Dann könnte Kim die Japaner immer noch mit Mittelstreckenraketen und Nervengas angreifen. Trump ist das möglicherweise gleichgültig, solange die USA nicht mehr in Reichweite liegen. Japan wäre es lieber, die Bedrohung durch Nordkorea ganz auszuschalten, statt sie nur hinter einen Zaun zurückzudrängen.

Möglichkeit der nuklearen Abrüstung

Doch die Angebote, die Kim bereits unterbreitet hat, klingen vielversprechend. Während er bisher jedes gemeinsame Militärmanöver Südkoreas mit den Amerikanern als feindlichen Akt verurteilt und mit Vergeltung gedroht hat, akzeptiert er plötzlich eine geplante Marineübung. Er selbst hat die Möglichkeit vollständiger nuklearer Abrüstung ins Spiel gebracht.

Der südkoreanische Chefunterhändler Chung sieht in der Kehrtwende Kims ein Verdienst von Donald Trump. „Seine Politik des maximalen Drucks hat diesen Wendepunkt möglich gemacht“, sagte Chung in Washington. Tatsächlich haben frühere Präsidenten Kim zwar nicht treffen mögen, doch sie haben auch nie eine wirklich glaubwürdige Drohkulisse aufgebaut. Gerade Trumps Unberechenbarkeit kann also durchaus geholfen haben, bei Kim die nötige Gefahrenstimmung zu schaffen.

Trump hatte Nordkorea mit „totaler Zerstörung“ gedroht, „Feuer und Vernichtung“ angekündigt und durchsickern lassen, das Pentagon arbeite an einem Plan für einen Erstschlag. Er hat außerdem China dazu gebracht, ernsthaft an Sanktionen gegen Nordkorea teilzunehmen, was Kim einen Großteil seiner Warenlieferungen gekostet hat. Jetzt zeigt der junge Diktator sich plötzlich gesprächsbereit.

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