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In der Millionenstadt New York reinigt ein Mann eine U-Bahn-Station als Vorsichtsmaßnahme

USA

Trumps neuer Lieblingsfeind

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Die Rede des US-Präsidenten vom „ausländischen Virus“ trägt zur großen Verunsicherung bei.

Bei seiner Rede an die Nation, bei der er alle Reisen aus Europa für 30 Tage aussetzte, schlug US-Präsident Donald Trump einen betont nationalistischen Ton an. Ein „ausländischer Virus“ verbreite sich in den USA, „der aus China kommt und sich nun in der ganzen Welt verbreitet“, so Trump.

Keine andere Nation sei „so sehr vorbereitet und widerstandsfähiger als die Vereinigten Staaten“. Um die Amerikaner zu schützen, werde ab Freitag ein 30-tägiges Reiseverbot für Personen in Kraft treten, die sich in den vergangenen zwei Wochen in der Europäischen Union aufgehalten haben. Davon ausgenommen seien Briten und Iren sowie Staatsbürger und Personen mit unbefristetem Aufenthalt.

Die US-Regierung erwägt, alle EU-Staaten der Risikokategorie III zuzuordnen, die bisher für Staaten wie Italien, China und Südkorea gilt. Das Außenministerium riet allen Amerikanern, Reisen wegen des Coronavirus „in alle Länder“ zu bedenken. Das ist das zweitstärkste Warnniveau nach der Empfehlung „nicht zu reisen“.

Binnen Minuten nach seiner Ansprache korrigierte Trump via Twitter eine missverständliche Passage der Rede, die den Eindruck erweckte, die USA würden den massiven Handel mit Europa bis auf weiteres einstellen. „Die Restriktionen stoppen Menschen nicht Güter.“ Statt die Amerikaner zu beruhigen und einen glaubwürdigen Kurs auszugeben, trug der Präsident mit seiner Ansprache zur weiteren Verunsicherung bei. Die „Futures“ an den Börsen kündigten an, was am nächsten Tag passieren würde: Ein weiterer Absturz des Dow-Jones-Index um mehr als sieben Prozent zum Handelsbeginn.

Die Bundesstaaten und die amerikanische Zivilgesellschaft reagieren längst anderes, als die Trump-Regierung, die nach den ersten Diagnosen in China wertvolle Zeit verlor. Statt aggressiv Test-Kits für das Virus zu verbreiten und eine Strategie der „sozialen Distanzierung“ zu empfehlen, spielten der Präsident und seine Minister die Gefahr herunter.

Der Gouverneur des besonders stark betroffenen Bundesstaats Washington, Jay Inslee, verglich die erwarteten Konsequenzen der am Mittwoch von der Weltgesundheitsorganisation WHO zu einer „Pandemie“ erklärten globalen Viruskrise mit einem Erdbeben. Es sei „völlig inakzeptabel“, jetzt noch in Bars und Restaurants zu gehen. „Wir erwarten einen großflächigen Ausbruch, und das wird sehr schwierig werden.“

Donald Trump findet, keine Nation sei „so sehr vorbereitet und widerstandsfähiger“ als die Vereinigten Staaten.

Der Gouverneur von Kentucky, Andy Beshear, forderte die Kirchen in dem Bundesstaat auf, bis auf weiteres keine Gottesdienste mehr abzuhalten. In schneller Folge sagten die Veranstalter von Großevents Konzerte und Kongresse ab. In vielen Bundesstaaten sind nun Versammlungen von mehr als 1000 Personen untersagt. Eine große Anzahl von Universitäten, darunter so renommierte Institutionen wie Harvard, stellen auf Online-Unterricht um. Dasselbe gilt für immer mehr Schulen.

Vor diesem Hintergrund klangen Trumps Worte ein wenig hohl, der wider aller sichtbarer Veränderungen im Alltag von „einer kurzen Zeit sprach, die wir als Nation und als Welt überwinden werden.“ Der Präsident kündigte eine Reihe an Maßnahmen an, die vor allem den 27 Millionen Amerikanern ohne Krankenversicherung helfen sollen, medizinische Behandlungen zu bezahlen.

Experten befürchten, dass eine weite Verbreitung des Corona-Virus massive ökonomische Probleme bringen wird, da rund acht von zehn Arbeitnehmern von Lohntüte zu Lohntüte leben und 40 Prozent nicht genügend Ersparnisse haben, eine unerwartete Rechnung über 400 Dollar für Gesundheitsversorgung zu bezahlen. Zumal nun auch die ersten Amerikaner ihre Arbeitsplätze verlieren. Als Erste traf es Hafenarbeiter in Los Angeles, die wegen ausbleibender Container aus China nichts mehr zu tun haben. Betroffen sind zunehmend auch Mitarbeiter des Reise-, Unterhaltungs- und Gaststättengewerbes.

Während Trump sich aus dem „Oval Office“ an die Nation wandte, rief die Bürgermeisterin des Districts of Columbia, in dem das Weiße Haus steht, Muriel E. Bowser, den Notstand aus. Vergangenes Wochenende hatte Washington den Pastor einer gut vernetzten Episkopal-Kirche als „Patient Nummer Eins“ mit dem Virus diagnostiziert. Mehrere Abgeordnete und Senatoren sind aus Vorsicht in Selbstquarantäne gegangen.

Am Donnerstag bestätigte auch der US-Kongress seinen ersten Fall. Bei einem Mitarbeiter im Senat konnte das Virus nachgewiesen werden. Seine Chefin, die Senatorin von Washington State, Maria Cantwell, nahm das zum Anlass, einen Appell an Trump zu richten. „Wir testen nicht genug in meinem Staat und in der Nation“, flehte sie den Präsidenten um Hilfe an. „Testen Sie mehr und schneller und stellen Sie die Informationen bereit, damit wir etwas dagegen tun können.“

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