AFP_8RP2EN_091020
+
Barcelonas Straßenkünstler „TVBoy“ illustriert den unaufhaltsamen Aufstieg von Supertrump durch die Coronawolken. BARRENA/AFP

US-Wahl

Trumps nächste Niederlagen

  • Karl Doemens
    vonKarl Doemens
    schließen

US-Vizepräsident Mike Pence macht eine erwartbar schlechte Figur in der Debatte mit Herausforderin Kamala Harris – und der beleidigte Präsident sagt sein zweites TV-Duell ab .

Die Stimme klang etwas matt, aber die Botschaft war konfrontativ wie üblich. „Ich werde nicht an einer virtuellen Debatte teilnehmen“, verkündete Donald Trump. Auf Nachfrage wiederholte er die Absage: „Das ist lächerlich. Da sitzt du hinter einem Computer, und dann schneiden sie dir den Ton ab. Nein, das tue ich nicht.“

Kaum acht Stunden zuvor hatte Vizepräsident Mike Pence bei einet vergleichsweise ruhigen Debatte mit seiner Herausforderin Kamala Harris kurzzeitig den Eindruck erweckt, es gebe vielleicht eine äußerlich zivilisiertere Variante der Trump’schen Politik. Aber der an Covid-19 erkrankte Präsident hat nun überdeutlich gezeigt, wer in seinem Lager das Sagen hat. Während die unabhängige Debattenkommission am Donnerstagmorgen bekanntgab, dass das nächste TV-Duell zwischen dem Amtsinhaber und Herausforderer Joe Biden virtuell stattfinden soll, verkündete er seinem Lieblingssender Fox telefonisch: „Ich fühle mich perfekt. Ich werde wieder Kundgebungen machen. Ich glaube nicht, dass ich ansteckend bin.“

Trumps Boykottabsicht für die für nächsten Donnerstag geplante Debatte verstärkt nicht nur das Bild eines undisziplinierten Poltergeistes, der beim ersten TV-Duell keinerlei Regeln akzeptierte und Biden permanent ins Wort gefallen war. Es verdeutlicht vor allem den gleichgültig-laxen Umgang des Weißen Hauses mit der Pandemie, der auch Thema der Harris-Pence-Debatte war. „Das amerikanische Volk ist Zeuge des größten Versagens einer Regierung in der Geschichte unseres Landes geworden“, urteilte die Demokratin. Pence redete immerhin das Risiko zwar nicht klein, behauptete aber, die Regierung habe optimal reagiert. Und dann zeigte er zumindest für die Kameras jene Empathie, die seinem Chef grundsätzlich fehlt: „Es gibt nicht einen Tag, an dem ich nicht an die Menschen denke, die ihr Leben verloren haben.“

Nach dem Willen der Demokraten soll die Präsidentschaftswahl am 3. November vor allem ein Referendum über Trumps Corona-Politik sein, die angesichts von 210 000 Toten in den USA und der Verwandlung des Weißen Hauses in einen regelrechten Hotspot mit mehr als 30 Infektionen höchst angreifbar ist. Zwei eher symbolische Plexiglas-Scheiben zwischen den Pulten von Harris und Pence verdeutlichten die allzu realen Gefahren.

Harris zählte Trumps Versäumnisse auf, enthielt sich aber schärferer persönlicher Angriffe auf Pence, der die Corona-Taskforce des Weißen Hauses leitet. Offenbar wollte sie vor allem den Vorsprung, den Biden in den Umfragen derzeit genießt, halten und nicht von Trump ablenken. Mit der Rolle als erster schwarzer Frau im Kampf um die Vizepräsidentschaft ging sie dafür eher zurückhaltend um. „Menschen jeder Ethnie, jedes Alters, jedes Geschlechts im ganzen Land“ gingen gegen Polizeigewalt auf die Straße, betonte die Tochter eines indisch-jamaikanischen Paares den Unterschied zu Trumps Amerika der weißen Männer. Pence’ Versuche, ihr ins Wort zu fallen, servierte die Ex-Staatsanwältin souverän kühl ab.

Die Republikaner hingegen setzen ganz aufs Thema Wirtschaft. Pence malte in düstersten Farben die angeblich drohenden Steuererhöhungen durch die Demokraten aus. Zum Klimawandel hatte er nichts zu sagen, ebenso nicht zur von seinem Boss sabotierten Krankenversicherung. Als „Biedermann“ verteidigte er stattdessen den Geschäftsmann Trump, der Tausende Arbeitsplätze geschaffen habe, redete dessen Steuervermeidung klein. Berichte zu Trumps Hohn und Spott für gefallene Soldaten wischte er als „absurd“ beiseite und leugnete rundweg Trumps Sympathiebekundungen für weiße Rassisten und rechtsextreme Milizen.

Am Ende kam Pence etwas ins Stolpern – ohne es zu wissen. Moderatorin Susan Page zitierte eine Zuschauerin, die sich über den dauernden Streit in der Politik beschwerte. Mit Unschuldsmiene meinte Pence: „Wenn die Debatte vorbei ist, dann können wir zusammenkommen als Amerikaner.“ Er hatte den folgenden Wutausbruch seines Bosses nicht voraussehen können.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare