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Der Gegenwind scheint ihm egal: Donald Trump nutzt gleich die ersten Tage nach dem Prozess für seine Säuberung.

USA

Trumps Nacht der langen Messer

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Der US-Präsident nimmt nach und nach an allen Rache, die ihm während des Impeachments nicht treu ergeben waren.

Es war eine der eindrucksvollsten Szenen in der Impeachment-Anhörung des US-Kongresses: Ein einzelner Offizier saß spürbar nervös, aber aufrecht der eindrucksvollen Riege von Abgeordneten gegenüber. Alexander Vindman berichtete, wie sein Vater mit ihm und seinen beiden Brüdern aus der Sowjetunion floh und schloss mit einem Loblied auf seine jetzige amerikanische Heimat: „Dad, dass ich heute hier sitzen kann, ist der Beweis, dass Du vor 40 Jahren die richtige Entscheidung gefällt hast. Mach Dir keine Sorgen: Es wird mir gut gehen, wenn ich die Wahrheit sage.“

Doch da hatte sich Vindman bitter getäuscht. Am vorigen Freitag wurde der Ukraine-Experte des Nationalen Sicherheitsrats aufgefordert, sein Büro im zweiten Stock des Eisenhower-Gebäudes neben dem Weißen Haus zu räumen. Beamte des Secret Service geleiteten den Oberstleutnant auf die Straße. „Ich bin mit ihm nicht glücklich“, hatte US-Präsident Donald Trump zuvor gesagt. Später begründete er den Rausschmiss bei Twitter: „Vindman war sehr ungehorsam und hat Inhalte meines perfekten Telefonats falsch wiedergegeben.“

Tatsächlich hatte Vindman das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj absolut korrekt geschildert. Allerdings berichtete er, dass ihn die Forderung Trumps nach Ermittlungen gegen seinen Kontrahenten Joe Biden als Teil einer von dem halbseidenen Trump-Anwalt Rudy Giuliani organisierten Schatten-Außenpolitik „beunruhigt“ habe. „Vindman wurde entlassen, weil er die Wahrheit sagte. Seine Ehre und sein Einsatz für das Recht ängstigen die Mächtigen“, gab sein Anwalt zu Protokoll.

Die Abstrafung eines der wichtigsten Zeugen scheint nur der Auftakt zu einem Rachefeldzug des US-Präsidenten nach der Einstellung des Impeachment-Verfahrens zu sein. Seine Kritiker seien „teuflisch“, „verlogen“ und „korrupt“, schimpfte Trump bei seiner Siegesfeier. Seine Sprecherin Stephanie Grisham tönte, der Präsident sei „furchtbar behandelt“ worden. „Dafür müssen möglicherweise Leute bezahlen.“

Weder Parteifreunde, noch Ex-Verbündete oder völlig Unbeteiligte sind vor Trumps Vergeltungswut sicher. So hetzt er seit Tagen gegen Mitt Romney aus Utah, der als einziger republikanischer Senator für die Amtsenthebung stimmte. Bei der Aktion im Weißen Haus wurde auch Jewgenij Vindman, der Zwillingsbruder des Ukraine-Experten, rausgeworfen. er war dort als Ethik-Anwalt tätig gewesen, spielte in der Ukraine-Affäre aber keinerlei Rolle. Mit sofortiger Wirkung abberufen wurde auch der amerikanische EU-Botschafter Gordon Sondland.

Der Hotelier Sondland hatte Trump im Wahlkampf mit einer Millionenspende unterstützt und gehört bis heute zu dessen politischen Unterstützern. Allerdings hatte er im Kongress bestätigt, dass es ein Koppelgeschäft zwischen der amerikanischen Militärhilfe und der Biden-Intrige gab. Trump bestreitet das.

Damit sind von den zentralen Belastungszeugen der Impeachment-Anhörung nur noch wenige im Amt. Jennifer Williams, eine Mitarbeiterin von Vize-Präsident Mike Pence, kehrte freiwillig ins Verteidigungsministerium zurück. Die ehemalige Ukraine-Botschafterin Marie Yovanovitch war schon im vergangenen Frühjahr abberufen worden und hat den diplomatischen Dienst inzwischen verlassen. Ihr Nachfolger William Taylor hat ebenfalls den Posten geräumt.

Trumps Kampagne gegen Ex-Vizepräsident Biden ist hingegen keineswegs zu Ende. Einflussreiche republikanische Senatoren haben nach einem Bericht der „New York Times“ beim Finanzministerium vertrauliche Unterlagen über die Geschäftsaktivitäten von dessen Sohn Hunter in der Ukraine angefordert – und auch bereitwillig erhalten. Anfragen der Demokraten hatte die Behörde stets zurückgewiesen.

Dazu passt, dass Justizminister William Barr dem FBI und anderen Ermittlungsbehörden per Erlass untersagt hat, ohne seine Einwilligung irgendwelche Untersuchungen gegen Präsidentschaftskandidaten durchzuführen. Barr gilt als einer der engsten Vertrauten von Trump und hatte versucht, das Ergebnis der Mueller-Ermittlungen zu verharmlosen.

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