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Fans empfangen den US-Präsidenten euphorisch in Singapur.

Trump trifft Kim

Trumps "große Sache"

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Dem US-Präsidenten Donald Trump geht es beim Treffen mit Kim Jong Un in Singapur vor allem um seinen eigenen Ruhm.

Eigentlich hatte sich Donald Trump zuletzt ja vorgenommen, die Begegnung etwas tiefer zu hängen. „Es ist ein Prozess“, sagte der US-Präsident vor zehn Tagen im Weißen Haus: „Ich habe nie gesagt, dass es mit einem einzigen Treffen getan wäre.“ Das klang nach einem klugen Erwartungsmanagement vor dem Gipfeltreffen mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un.

Doch wie so oft bei dem sprunghaften Präsidenten hielt der Vorsatz nicht lange. Zu groß war der Drang des Narzissten, seine eigene Bedeutung herauszustreichen. Zu übermächtig die Versuchung, schon einmal vorab den süßen Duft des historischen Ruhms einzusaugen, dem Trump entgegenfiebert. „Wir haben die Möglichkeit, etwas Unglaubliches für die Welt zu erreichen. Und es ist mir eine Ehre, daran beteiligt zu sein“, brüstete er sich am Donnerstag beim Besuch des japanischen Premierministers Shinzo Abe. Im Rosengarten des Weißen Hauses kokettierte der Regierungschef der USA mit der Frage, ob er den Diktator in sein Wochenenddomizil in Mar-a-Lago oder ins Weiße Haus einladen solle. „Vielleicht beginnen wir mit dem Weißen Haus“, lachte er.

Es wird sich zeigen, ob die Erwartungen aufgehen

Zwei Tage Tag später nutzte Trump die Pressekonferenz beim verhassten G7-Gipfel in Kanada, um seine Reise nach Singapur anzupreisen. „Ich bin auf einer Friedensmission“, kündigte er an: „Das ist eine große Sache.“ Überschwänglich nahm Trump schon das Ergebnis vorweg: „Ich glaube, es wird sehr gut ausgehen“, sagte er. „Ich glaube, dass Kim Jong Un etwas Großes für sein Volk tun will.“

Am Dienstag um 9 Uhr morgens Ortszeit in Singapur wird sich zeigen, ob Trumps Erwartungen aufgehen: Dann kommen der US-Präsident und der Mann zusammen, der seinen eigenen Onkel hinrichten ließ, eine Atombombe entwickelte und die Bevölkerung aushungerte.

Ist dieser Kim wirklich ein ehrenwerter Reformer? In der Vergangenheit hatte das Trump ganz anders gesehen: Ein Verrückter und ein Mörder sei der Tyrann von Pjöngjang, wetterte er im Wahlkampf. Nach seinem Einzug ins Weiße Haus drohte er Nordkorea wegen eines Raketentests apokalyptisch mit „Feuer und Zorn, wie es die Welt noch nicht gesehen hat“. Vor den Vereinten Nationen im September nannte er Kim einen „kleinen Raketenmann auf Selbstmord-Mission“. Schließlich drohte er dem „kleinen und fetten“ Machthaber: „Ich habe einen Atomknopf, aber der ist viel größer und mächtiger als seiner, und er funktioniert.“

Seinen schwindelerregenden Imagewandel hat der 34- oder 35-jährige Kim persönlich eingeleitet, als er sich im Frühjahr mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In traf. Moon schaffte es geschickt, Trump für das Entspannungsprojekt zu entflammen, in dem er dessen grenzenlose Selbstverliebtheit und Gefallsucht bediente. Bald schon prahlte der US-Präsident stolz, er sei für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden. Die Aussicht auf Ruhm ließ ihn nicht mehr los. Aus den gegenseitigen Beleidigungen von Trump und Kim wurden Schmeicheleien. Mit einer fernsehwirksamen Einladung in einem übergroßen Briefumschlag bewies der im Personenkult geschulte Nordkoreaner, wie perfekt er dieses Spiel beherrscht.

One-Man-Show

Kritiker in den USA befürchten, dass Trump seine extreme Empfänglichkeit für Lobhudeleien und seine bisweilen groteske Selbstüberschätzung zum Verhängnis werden könnten. Normalerweise werden Gipfeltreffen von den Fachleuten der jeweiligen Regierungen monatelang minutiös vorbereitet. Die Zwischenstände der Verhandlungen werden laufend von unten nach oben weitergereicht, und der Regierungschef fährt erst, wenn das Kommuniqué so gut wie ausformuliert ist.

Trump inszeniert die Befriedung der kommunistischen Atommacht als One-Man-Show. Zweimal ist sein Außenminister Mike Pompeo in Pjöngjang gewesen. Aber im Grunde hängt alles vom persönlichen Showdown in Singapur ab: Mann gegen Mann. Ehrenwort für Ehrenwort. Wie im Kino. „Ich glaube nicht, dass ich mich sehr vorbereiten muss“, hat Trump ernsthaft gesagt: „Es geht um die Grundhaltung. Es geht um die Bereitschaft, Dinge erledigen zu wollen.“ Und auf die Frage, wie er feststellen wolle, ob Kim ihn hinters Licht führe, brüstete sich Trump mit seiner Intuition: „Das weiß ich innerhalb der ersten Minute.“

Die Risiken einer solchen Strategie sind offensichtlich, zumal beide Seiten in zentralen Fragen völlig unterschiedliche Vorstellungen haben. So ist unklar, was unter der angestrebten Denuklearisierung verstanden wird. Ganz entscheidend wird auch sein, ob die nordkoreanischen Raketen als Gegenleistung für den Abbau der Sanktionen komplett oder schrittweise zerstört werden und wie das überprüft werden kann. 

Mit seiner maßlosen Kritik am Iran-Atomabkommen hat Trump die Latte fast unerreichbar hoch gelegt. „Jedes Abkommen mit Pjöngjang muss besser sein als der Iran-Deal und alle früheren internationale Vereinbarungen zur Abrüstung“, warnt die konservative Denkfabrik Heritage Foundation in einer umfangreichen Analyse.

Möglicherweise steckt das Papier in der Vorbereitungsmappe. Aber sicher hat der Deal-Macher es nicht gelesen.

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