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Familien beim Fluchtversuch am Rio Grande.

Migrationspolitik USA

Trumps Grenzmauern bedeuten mehr Tote

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In Texas stoßen die Grenzsicherungspläne des US-Präsidenten Donald Trump auf Widerstand. Ob die Anwohner noch eine Chance haben, den Mauerbau in ihrer Gegend zu verhindern, ist ungewiss.

Der Mann mit dem grauen Pferdeschwanz ist wütend. Er sorgt sich um den Ort, an dem er einmal begraben werden will. Ramiro Roberto Rodriguez, 70, ist im Tal des Rio Grande aufgewachsen; vor 170 Jahren schon haben sich seine Vorfahren am Ufer des Flusses angesiedelt, der die Grenze zu Mexiko markiert. Es ist die Grenze, die bald zu einer „großen, schönen Mauer“ (US-Präsident Donald Trump) werden soll. Sie würde über das Grundstück des Texaners Rodriguez führen und zwei alte Friedhöfe gefährden, auf denen seine Ahnen ruhen und wo seine Enkel ihn einmal besuchen kommen sollen, wie er sagt.

In der US-Hauptstadt Washington hatte Trump kürzlich widerwillig das Haushaltsgesetz unterschrieben, das seiner Regierung bis Dezember Ausgaben erlaubt. Der Grund für Trumps Missmut: Es gibt bis dahin kein Geld für die Mauer, die er ja eigentlich von Mexiko hatte bezahlen lassen wollen. Die Republikaner im Kongress haben die Verhandlungen mit den Demokraten über Trumps Wahlkampfhit inzwischen auf die Zeit nach den Wahlen im November vertagt. Die Schätzungen über die Kosten des Mauerbaus gehen weit auseinander; sie liegen zwischen zehn und 70 Milliarden US-Dollar.

Gerade hat der US-Bundesrechnungshof gewarnt, dass die von der Border Patrol veranschlagten Kosten von 18 Milliarden US-Dollar für einen rund 1200 Kilometer langen Abschnitt der Grenze zu niedrig kalkuliert sein könnten, da die Eigentumsverhältnisse der zu bebauenden Grundstücke nicht berücksichtigt seien. Die Grenze zwischen den USA und Mexiko zieht sich über eine Länge von 3144 Kilometer. Bereits auf einem Drittel der Strecke stehen Barrieren aus früheren Jahren. Der Kongress hat in der Vergangenheit immer mal wieder kleinere Summen für neue Befestigungen und den Ausbau bestehender Sicherungsanlagen genehmigt, zuletzt im März 1,6 Milliarden US-Dollar.

Erinnert an die Berliner Mauer

Von einer „Anzahlung“ für seine Mauer spricht Trump in diesem Zusammenhang, obwohl mit diesem Geld die neuen Entwürfe für seine Mauer gar nicht umgesetzt werden dürfen, vor denen er sich im Frühjahr hat fotografieren lassen.

Im Tal des Rio Grande sollen schon bald unter anderem Deiche entlang des Flusses mit meterhohen Metallstreben versehen werden, eine Mischform aus Mauer und Zaun. Auch sind neue Toranlagen geplant, die offene Durchfahrten zwischen Mauerabschnitten verschließen sollen.

An einem Septemberabend diskutieren Anwohner, Aktivisten und Anwälte in einem Naturschutzgebiet, wie sie die Umsetzung dieser Pläne noch verhindern können. Da die Barrieren nicht direkt am Flussufer gebaut werden können, würde vielerorts quasi Niemandsland entstehen. Parks, Naturschutzgebiete, aber auch Restaurants oder ein Campingplatz wären betroffen, berichten die Mauergegner bei ihrem Treffen.

Ein Teil der neuen Deichmauer würde sich beispielsweise durch das Land des Ranchers José Cavazos ziehen und ihn vom Fluss abschneiden. Cavazos hält Rinder und vermietet bisher am Ufer Hütten an Fischer. Er fürchtet auch um sein Einkommen und sagt: „Wir kämpfen, solange wir können.“

Die Bürgerrechtsorganisation ACLU hat eine Studie veröffentlicht über den Schaden, den bereits existierende Mauern angerichtet haben. „Sie zeigt damit auch, was neue Mauern anrichten werden“, sagt der Umweltaktivist und Universitätsdozent Scott Nicol auf einer Pressekonferenz der ACLU.

Ein sofortiger Baustopp für alle Grenzmauerprojekte sei der erste Schritt zu einer „rationalen Grenzpolitik“, heißt es in der Studie. „Mehr Grenzmauern bedeuten mehr Grenztote“, weil sie Migranten in  entlegenere und gefährliche Gegenden abdrängen würden, sagt Nicol, einer der Autoren, der auch zu dem Anwohnertreffen in Texas geladen hat. Er kritisiert zudem, dass das für die Border Patrol zuständige Department of Homeland Security sich beim Bau über eine Vielzahl sonst geltender Gesetze, etwa bezüglich des Umweltschutzes, hinwegsetzen könne.

Randy Serraglio vom Zentrum für Biodiversität warnt vor den Folgen für Fauna und Flora. „Das Grenzland zwischen den USA und Mexiko ist ein für die Artenvielfalt global bedeutender Ort“, sagt er. Der Jaguar und der mexikanische Wolf gehören zu den bekannteren Spezies, deren Lebensraum erheblich eingeschränkt würde. 2550 Wissenschaftler aus 43 Ländern haben im Sommer einen Aufruf unterschrieben, der vor den negativen Auswirkungen einer durchgängigen Mauer warnt. In der Grenzstadt El Paso haben die Bauarbeiten an der Grenzanlage bereits begonnen. Dort wird ein Stacheldrahtzaun auf einer Länge von etwa sechseinhalb Kilometern von fünfeinhalb Meter hohen Metallpollern ersetzt, die eng beieinanderstehen.

Der republikanische Bürgermeister von El Paso, Dee Margo, kann dem nichts abgewinnen. Wenn die Rede von der Mauer ist, müsse er an die Berliner Mauer denken, und er befürchte, dass die Beziehungen zur Schwesterstadt Ciudad Juárez auf der anderen Seite beschädigt würden.

Gegen die düsteren Beschreibungen der Region, wie sie Trump liefert, verwahrt sich der Bürgermeister. „El Paso ist die sicherste Stadt der Vereinigten Staaten“, sagte er dem Sender CNN unter Verweis auf die niedrigen Kriminalitätsraten.

Ob die Anwohner in Südtexas noch eine Chance haben, den Mauerbau in ihrer Gegend zu verhindern, ist ungewiss. Was der Anwalt auf dem Treffen der ACLU vorträgt, klingt nicht hoffnungsvoll: Letztlich könnten Grundstückseigentümer enteignet werden. Andererseits ist es etwa dem Santa Ana National Wildlife Refuge dank öffentlichem Druck gelungen, dass dieser Rückzugsort für Vögel verschont bleibt.

Manche Aktivisten hoffen schlicht darauf, den Prozess so lange in die Länge zu ziehen, dass die Mauer vielleicht wieder vom Tisch ist, weil Trump dann nicht mehr im Weißen Haus sitzt.

Nicol verteilt Sticker für Autostoßstangen gegen die Mauer in den zwei Sprachen der Region. „Spanisch oder Englisch?“, fragt er einen der Anwohner. „Mir egal“, sagt der.

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