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Ein Riss reicht aus, um die Trump-Blase zum Platzen zu bringen: der große Moment der Nancy Pelosi.

Rede an die Nation

Trumps Fest der Selbstbeweihräucherung

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Demokratin Nancy Pelosi stiehlt dem US-Präsidenten die Show. Der wollte seine Rede zum „State of the Union“ unangefochten zu Hohn und Spott über alle seine Gegner nutzen.

Man möchte nicht an ihrer Stelle sitzen. Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi ist im Dauerfokus der TV-Kameras direkt hinter dem Mann, der ihr beim Hereinkommen den Handschlag verweigert hat und nun in „ihrem“ Haus eine wilde Wahlkampfshow abzieht. Es ist Dienstag, 21 Uhr – der klassische Termin für die alljährliche Rede zum „State of the Union“. Und die Lage der Nation ist großartig, phänomenal, gigantisch – jedenfalls, wenn man Donald Trump folgt.

Volle 80 Minuten lang lässt die demokratische Politikerin die Mischung aus Selbstlob, Kampagnenslogans und Reality-TV-Inszenierung bis hin zu einem pathetischen Schlusssatz über sich ergehen: „Unser Geist ist noch jung, die Sonne geht auf, Gottes Gnade strahlt, und – meine amerikanischen Mitbürger – das Beste kommt noch!“ Da springen die Republikaner im Saal verzückt von ihren Stühlen. Pelosi aber nimmt äußerlich ungerührt das Manuskript und reißt es portionsweise in der Mitte durch.

„Angesichts der Alternativen war es das Höflichste, was ich tun konnte“, sagt die 79-Jährige anschließend zur Erklärung. Es ist vor allem aber eine eindrückliche Illustration der Lage einer zerrissenen Nation. Ohnehin mangelt es dieser Regierungserklärung nicht an bedeutungsschweren Symbolen: Trump hält seine Rede an dem Ort, wo die Demokraten gerade vor 48 Tagen das Amtsenthebungsverfahren gegen ihn eröffneten. Und 19 Stunden später wird er im anderen Flügel des Kapitols von der Anklage endgültig freigesprochen werden.

Die republikanischen Senatoren, die ihrem Präsidenten trotz eindeutiger Beweise für seine Ukraine-Intrige einen Persilschein ausstellen, sitzen bei der „State of the Union“ alle brav im Saal. Trump schüttelt ihnen nachher die Hände. Beim Mehrheitsführer Mitch McConnell bedankt er sich während der Rede einmal ausdrücklich. „Thank you, Mitch!“ Ohne freilich das Impeachment auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Wie nach jedem zweiten Satz klatschen die Republikaner auch da begeistert. „Four more years“! (Nochmal vier Jahre für Trump) haben sie eingangs skandiert.

Die Demokraten hingegen verfolgen den Vortrag, in dem sich Trump als Vorkämpfer einer bezahlbaren Krankenversicherung für alle und Anwalt der schwarzen Bürgerrechte anpreist, mit einer Mischung aus Befremden und Ekel. Immer wieder zischen sie oder rufen: „Buh!“ Einige Abgeordnete sind der Veranstaltung aus Protest ganz ferngeblieben. Auch der linke Senator Bernie Sanders fehlt. Er kämpft gerade um seine Nominierung als Herausforderer von Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen im November.

„Ich habe eben der letzten Regierungserklärung von Trump zugehört“, sagt Sanders später bei einer Kundgebung in New Hampshire. Sein Publikum klatscht. Doch laut Umfragen kommt Trump gerade auf die höchsten Zustimmungswerte seiner Amtszeit. Exakt die Hälfte der US-Amerikaner steht angesichts guter Wirtschaftszahlen hinter ihm. Die andere Hälfte hofft auf einen Wechsel. Doch die erste Vorwahl-Abstimmung der Demokraten im Zwergstaat Iowa endete dank stümperhafter Organisation als Rohrkrepierer. Als Trump 24 Stunden nach dem Ende der Abstimmung redet, sind gerade einmal 110 000 Stimmen ausgezählt. Sanders liegt zu dieser Zeit hinter dem 38-jährigen Ex-Bürgermeister Pete Buttigieg auf dem zweiten Platz. Aber keiner kommt wohl auf mehr als nur ein Viertel der Gesamtstimmen.

„Das Beste kommt noch“, hat Trump versprochen. Die Demokraten haben jedenfalls wenig Anlass zur Euphorie. Ihre finale Niederlage beim Amtsenthebungsverfahren am Mittwoch dürfte die Stimmung erst recht dämpfen. Derweil spielt Trump seine Qualitäten als Reality-TV-Star voll aus. Seine Rede hat außer Selbstlob keinen roten Faden. Sie strotzt vor Falschaussagen und Übertreibungen. Aber der Präsident bietet dem Fernsehpublikum rührselige Momente: Mitten in seinem Vortrag zeichnet er den krebskranken Talkshow-Hetzer Rush Limbaugh, der Flüchtlinge mit feindlichen Invasoren verglich, mit der Freiheitsmedaille aus. Er zaubert ein Schulstipendium für ein kleines Mädchen im Publikum aus dem Hut. Und er führt eine heulende Soldatenfamilie wieder zusammen.

Es sind Bilder, die das US-amerikanische Fernsehpublikum rühren. Das weiß auch Nancy Pelosi, und sie nutzt das Medium auf ihre Weise. Der demonstrative Verriss der Rede provoziert die erwarteten Reaktionen. „Ich hätte es geschreddert“, twittert die linke Abgeordnete Rashida Tlaib. „Ich bin angewidert und verletzt“, empört sich hingegen der republikanische Ex-Parlamentssprecher Newt Gingrich: „Dieser Angriff auf die amerikanische Tradition muss gerügt werden.“

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