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Roxana Casillas, one of the artists behind the Trump Hut, a luxury camping hut modelled on the hairstyle of Republican presidential candidate Donald Trump, exits the den near the Republican National Convention in Cleveland, Ohio, U.S. July 19, 2016. REUTERS/Jim Urquhart TPX IMAGES OF THE DAY

US-Wahl

Trumps bizarre Krönungsfeier

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Die Nominierungsparteitage sind immer eine große Show, doch so skurril wie die Inthronisation Trumps sind sie selten.

Für Sheila Faske ist die Sache ziemlich simpel. „Starke Familien, starkes Land, schwache Familien, schwaches Land, keine Grenze, kein Land“, sagt die Frau. Und nur einer werde es schaffen, das Land stark zu machen und die Grenzen zu sichern, die Wirtschaft anzukurbeln und für Recht und Ordnung zu sorgen. Der Mann heiße natürlich Donald Trump, sagt die füllige Frau. Sie trägt dem Anlass entsprechend ein T-Shirt in der Farbe der US-Republikaner: rot. Auf ihrem Kopf sitzt ein weißer Cowboy-Hut. Denn Sheila Faske kommt aus Rose City in Texas, und das will sie zeigen. Plötzlich wendet sich die Frau um, dreht sich dann wieder zurück und sagt etwas atemlos, sie habe jetzt keine Zeit mehr zu plaudern. Denn jetzt endlich werde es passieren.

Um 19.12 Uhr Ortszeit ist auch das erledigt. Donald Trump, der New Yorker Immobilienmogul, ist in diesem Moment von den Delegierten des Parteitags in Cleveland/Ohio zum Präsidentschaftskandidaten der US-Republikaner bestellt worden. Der Sohn des Populisten, der ebenfalls Donald Trump heißt, sagt: „Glückwunsch, Dad, wir lieben Dich.“ Auf einem Videowürfel, der hoch oben in der Quicken Loans Arena hängt, wird ein elektronisches Scheinfeuerwerk gezündet. Aus den Lautsprechern dröhnt Frank Sinatras „New York, New York“ in einer Instrumentalversion. Hunderte von Delegierten brüllen sich vor Begeisterung heiser – grelle „JU- ESS-ÄI, JU-ESS-ÄI“- Schreie wechseln sich ab mit dumpfen „Trump, Trump, Trump“-Rufen.

Ein paar Stunden später erscheint Donald Trump den Delegierten höchstpersönlich per Videoschalte aus seinem Hochhaus an der New Yorker Fifth Avenue. Der 70 Jahre alte Unternehmer und frühere Moderator einer TV-Reality-Show sagt, er werde diesen Moment niemals vergessen. Es mache ihn stolz, nun tatsächlich der Kandidat zu sein, der es im November mit der Bewerberin der Demokraten, Hillary Clinton, aufnehmen werde. „Und übrigens“, lässt Trump wissen, „wir werden die Präsidentschaft gewinnen und wirklichen Wandel bringen.“

Dann zählt Trump auf, was er zu tun gedenkt: mehr Jobs, sichere Grenzen, Recht und Ordnung. Am Donnerstagabend wird Trump in einer Antrittsrede in Cleveland die Nominierung annehmen und dann vielleicht zum ersten Mal konkret sagen, welche Pläne er wirklich hat. Für die meisten Delegierten im Saal ist das aber in diesem Moment zweitrangig. Sie sind selig. Sheila Faske, die irgendwo in der wogenden Masse der weißen Cowboy-Hüte aus Texas verschwunden ist, wird es wahrscheinlich auch sein.

Die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner ist der vorläufige Höhepunkt in der politischen Karriere Trumps, die vor ziemlich genau 13 Monaten begann. Damals fuhr der hochgewachsene Mann mit der bemerkenswerten Frisur eine Rolltreppe in seinem New Yorker Wolkenkratzer nach unten und sagte, er wolle Präsident werden. Erst belächelten ihn die sogenannten Experten in Medien und Politikbetrieb, dann wunderten sie sich, inzwischen fürchten ihn viele. Denn Millionen von Wählerinnen und Wählern scheinen Trump zu lieben. Sie sehen es ihm nach, dass er Andersdenkende beleidigt, Frauen beschimpft, Behinderte verspottet, Mexikaner pauschal als Vergewaltiger darstellt, Muslime als Terroristen.

Es sind Menschen wie Linda Lucchese, die aus Chicago nach Cleveland gereist ist, um Trump auf dem Parteitag reden zu hören. Sie steht vor der Veranstaltungshalle und sagt, Trump sei kein Frauenfeind. Was die Medien meldeten, sei doch Unsinn. Trump habe allenfalls ein paar Frauen die Meinung gesagt, die ihn angriffen hätten. „Er mag Menschen“, sagt Lucchese und lächelt versonnen: „Vor allem aber wird er als Präsident gute Entscheidungen treffen und unseren Feinden sagen, dass wir es ernst meinen.“ Zwar habe sie, räumt die Delegierte aus dem Bundesstaat Illinois ein, noch wenig Konkretes von Trump gehört, aber „er wird sich schon etwas einfallen lassen“.

Es sind bizarre Szenen, die sich in diesen Tagen in Cleveland abspielen. In der 4th Street, die zur Arena führt, sitzt ein Mann auf einem Barhocker und singt ein Lied, das nach Country klingt. Auf seiner Gitarre ist ein Aufkleber mit dem Satz „Trump ist die Antwort“. Was die Frage war, steht da nicht. Ein paar Meter weiter bemühen sich TV-Moderatoren in Open-Air-Studios, den Mythos Trump zu erklären. An einer Ecke stehen Radikalchristen und brüllen den Weltuntergang herbei, der sich einstellen werde, sollten die Menschen nicht auf der Stelle von ihrem lasterhaften Tun ablassen. An der anderen Ecke verkauft ein Mann Furzkissen, auf die eine Karikatur Trumps gedruckt ist. Ein Mann trägt ein Schild vorbei: „Wer ist besser? Trump, Hillary oder Mickey Mouse?“ Angekreuzt ist die Disney-Figur. Nominierungsparteitage in den USA sind immer eine große Show, aber so bizarr wie in Cleveland ist es selten.

In der Halle stellt Chris Christie, ein von Trump im Vorwahlkampf überrollter Möchtegern-Präsident, Hillary Clinton vor das Parteitagsgericht. Er macht die Bewerberin der Demokraten, die nächste Woche offiziell zur Präsidentschaftskandidatin nominiert werden soll, für alle außenpolitischen Fehler der vergangenen acht Jahre verantwortlich. Ob Syrien, Libyen, Iran, Kuba, Russland – Christie, ein bulliger Mann mit donnernder Stimme, fragt immer wieder in die Menge hinein: „Schuldig oder nicht?“ Dann schlägt ihm ein ebenso donnerndes „schuldig“ zurück. Die Attacken auf Clinton werden schärfer.

Angriffe auf die Gegenseite sind natürlicher Bestandteil von Wahlkämpfen. Doch so düster war es selten. Bis vor wenigen Jahren waren die Republikaner eine optimistische Partei, die die Ärmel hochkrempeln und ans Werk gehen wollte. Doch inzwischen sind die Anhänger der Konservativen offenbar völlig dem Trumpismus erlegen. Diese Mischung aus Inhaltsleere, Angstmache und Zorn auf das Establishment finden Millionen von Amerikanern attraktiv. Trump hat es vermocht, die Sorgen aufzugreifen und ist die Stimme jener Verängstigten geworden, die sich schon immer vernachlässigt gefühlt haben. „Wir haben nicht von Leuten mit Managerstudium gelernt. Wir haben von Leuten mit Doktortiteln in gesundem Menschenverstand gelernt“, sagt Donald Trump Junior. Sein Vater hätte es nicht besser ausdrücken können.

Ganz hinten in der Arena steht Kendal Unruh, eine Lehrerin aus Colorado. Sie ist so etwas wie die tragische Heldin des Widerstands gegen Trump. Sie hat zusammen mit einigen anderen Delegierten den Aufstand geprobt. Sie wollte nach ihrem Gewissen abstimmen und hat deswegen eine Änderung der Regeln beantragt, wonach Delegierte an das Votum aus den Vorwahlen gebunden sind. Doch Unruh ist im Trump-Sturm untergegangen. Trotzig sagt sie: „Wir sind doch keine Statisten. Wir sind doch nicht hier, um eine nette Kulisse für die Krönungsfeier eines Königs zu bilden.“ Nur wenige Minuten später muss sich Kendal Unruh allerdings eines Besseren belehren lassen.

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