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US-Präsident Donald Trump (rechts) und EU-Ratspräsident Donald Tusk kommen zu einem Spitzengespräch zusammen.

Trump in Brüssel

Trump weiß mit Europa nichts anzufangen

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US-Präsident Trump nimmt sich für das Treffen mit der EU-Spitze gerade einmal eine Viertelstunde Zeit. EU-Ratspräsident Tusk und EU-Kommissionschef Juncker wissen jetzt, woran sie sind.

Sie macht das elegant. Als Angela Merkel im neuen Nato-Hauptquartier in Brüssel ein Denkmal präsentiert, erwähnt sie den groß gewachsenen Mann, der ihr gegenüber steht, mit keinem Wort. Aber jeder versteht, wen Merkel meint, als sie sagt, dass die Berliner Mauer für Abschottung stand. Für Abschottung, die glücklicherweise vorbei sei. Nicht neue Mauern dürfe es geben, sondern offene Gesellschaften, die auf gemeinsamen Werten aufgebaut sind, sagt die Bundeskanzlerin.

Dann ist der groß gewachsene Mann an der Reihe. Er stellt ein Denkmal vor, das an den Terroranschlag vom 11. September 2001 erinnern soll. Der US-Präsident macht das weniger elegant als Merkel. Zwischentöne sind nicht seine Sache. Er setzt die Nato unverhohlen unter Druck, fordert höhere Verteidigungsausgaben. Er sagt, dass die meisten Nato-Mitgliedsländer – unter ihnen Deutschland – den USA Geld schuldeten. Unfair sei das gegenüber den US-Steuerzahlern.

Die Denkmäler in der Eingangshalle des neuen Nato-Hauptquartiers erinnern an die zwei wichtigsten Ereignisse in der Geschichte des Militärbündnisses. Es sind Reste der Berliner Mauer und ein Stahlfragment aus dem Nordturm des World Trade Centers in New York. Ende 1989 glaubte die Nato, als Siegerin aus dem Kalten Krieg hervorgegangen zu sein. Nach dem 11. September 2001 wurde der Bündnisfall erklärt. Er besteht bis heute fort.

Die schlichte Zeremonie beim Nato-Gipfel in Brüssel soll eine Eintracht darbieten, die nicht existiert. Donald Trump, der populistische Immobilienmilliardär, besucht zum ersten Mal in seiner neuen Funktion als US-Präsident die EU und die Nato – und es scheint, als prallten da Planeten aufeinander, die sich lieber abstoßen würden. Das hat sich schon am Donnerstagmorgen angedeutet. Im Atrium des EU-Ratsgebäudes in Brüssel bekommt Trump einen Eindruck davon, dass das politische Geschäft in Europa komplizierter ist als in den USA. EU-Ratspräsident Donald Tusk sagt: „Wissen Sie, Herr Präsident, dass wir zwei Präsidenten in der EU haben?“ Worauf Trump: „Weiß ich.“ EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker scherzt: „Einer zu viel.“ Worauf wiederum Tusk sagt: „Es ist kompliziert.“ Trump wirkt, als ginge ihn der Wortwechsel nichts an.
Schon die Dauer der Gespräche ist Beleg dafür, dass Trump mit Europa wenig anfangen kann.

Gerade einmal eine Viertelstunde nimmt er sich Zeit für das Treffen mit dem EU-Spitzenduo Tusk und Juncker. In Saudi-Arabien, wo Trump vor wenigen Tagen war, dauerte allein der Schwerttanz im Wüstenpalast, an dem der US-Präsident mitwirkte, länger.

Doch bei dem kurzen Treffen in Brüssel soll dicke Luft geherrscht haben, nach Medienberichten sollen Trump und Juncker heftig über die Handelsüberschüsse Deutschlands diskutiert haben. Wie „Spiegel Online“ mit Bezug auf Augenzeugen berichtete, soll Trump gesagt haben: „Die Deutschen sind böse, sehr böse. Schauen Sie sich die Millionen von Autos an, die sie in den USA verkaufen. Fürchterlich. Wir werden das stoppen.“ Deutschlands Überschüsse sind auch innerhalb der EU ein Reizthema, doch Trumps Worte sind von anderer Qualität.

Und immer noch können weder EU-Offizielle noch Nato-Vertreter sagen, wie es der neue US-Präsident mit ihnen eigentlich hält. Während des US-Wahlkampfes bejubelte er das Brexit-Votum. Die Nato nannte er erst obsolet. Dann fand er sie doch wichtig.

Die Unklarheiten existieren auch nach dem ersten Treffen weiter. EU-Ratspräsident Donald Tusk wirkt erschöpft, als er sich kurz nach dem Gespräch mit Trump mit durchgedrücktem Rücken vor einem Mikrofon postiert und wie ein Sprechautomat aufsagt: „Wir haben Außenpolitik, Sicherheitspolitik, die Klima-Frage und Handelsbeziehungen diskutiert.“ Das klingt wie dem Handbuch für internationale Politik entnommen.

Erst später wird Tusk klarer. Er sagt, dass man sich in vielen Dingen einig sei, in Sachen Klima, Handel und Russland allerdings nicht. Das sind aber die wichtigen Themen. Allmählich wird deutlich, dass nach Barack Obamas Amtszeit nun in der Tat wieder Welten zwischen Europa und den USA liegen. „Werte und Prinzipien zuerst, das ist es, was wir, Europa und Amerika, betonen sollten“, sagt Tusk. Er hört sich an wie Merkel, nur spricht er in diesem Moment Englisch. Und „Values and principles first“ – das klingt noch bedeutungsschwerer und grenzt sich noch deutlicher von Trumps Wahlkampfparole „America first“ ab.

Der erste Besuch des neuen US-Präsidenten bei EU und Nato ist ein nüchternes Schauspiel, das ungefähr 24 Stunden dauert. Am Donnerstagabend ist es vorbei, die Proteste von Nato- und Trump-Kritikern hat der US-Präsident vermutlich nicht mitbekommen. Er fliegt zum G 7-Gipfel nach Sizilien. Die beiden Planeten – EU und Trump – sind kurz aneinander geprallt. Nun stoßen sie sich schon wieder ab.

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