„Wir vertrauen Fauci“: Darin stimmen die Bewohner von Rockport, Massachusetts, mit ihrem Präsidenten nicht überein. 
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„Wir vertrauen Fauci“: Darin stimmen die Bewohner von Rockport, Massachusetts, mit ihrem Präsidenten nicht überein. 

USA

Trump versus „Dr. Schwarzmaler“

  • Karl Doemens
    vonKarl Doemens
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Der US-Präsident diskreditiert ausgerechnet seinen Top-Immunologen Anthony Fauci.

Draußen vor dem Weißen Haus tobt die Corona-Pandemie mit täglich neuen Rekord-Infektionsraten und steigenden Todeszahlen. Doch im Westflügel der US-Regierungszentrale wird über „Dr. Doom and Gloom“ („Dr. Schwarzmaler“) gelästert. Der stellvertretende Kommunikationsdirektor postet bei Facebook eine diffamierende Karikatur. Und die Pressestelle verbreitet eine Liste mit angeblichen Fehleinschätzungen des „Untergangspropheten“. Mitten in der dramatischen Coronakrise hat die Trump-Regierung den Kampf aufgenommen – allerdings nicht mit dem Virus, sondern mit dem wichtigsten eigenen Experten. Seit mehr als zwei Monaten hat sich Donald Trump von seinem Top-Immunologen Anthony Fauci nicht mehr unterrichten lassen. Am 2. Juni kamen die beiden Männer, die bei aller Unterschiedlichkeit einst über ihre gemeinsamen New Yorker Wurzeln und die Leidenschaft für Sport einen gewissen Draht zueinander entwickelten, zuletzt zusammen. „Fauci ist ein netter Mann, aber er hat viele Fehler gemacht“, ätzte der Präsident in der vorigen Woche.

Seither vergeht kein Tag, an dem aus dem Weißen Haus nicht gegen den 79-Jährigen intrigiert wird. „Mehrere Regierungsmitarbeiter sind beunruhigt über die Häufigkeit, mit der Dr. Fauci danebengelegen hat“, hieß es am Wochenende in einer offiziellen Stellungnahme – ein infamer Versuch der Diskreditierung des Direktors des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten. Fauci genießt einen untadeligen wissenschaftlichen Ruf, er hat fünf republikanische wie demokratische US-Präsidenten unter anderem während des HIV-Ausbruchs und der Ebola-Krise beraten. „Das fühlt sich nicht normal an“, sagte Chris Murphy. Der demokratische Senator von Connecticut nennt es „atomgranatenmäßig verrückt“, dass das Weiße Haus inmitten einer Pandemie, die mehr als 130 000 US-Amerikaner das Leben gekostet hat, die Autorität des Top-Immunologen untergrabe.

Doch genau darum geht es Trump: Er will einen Sündenbock für das Versagen der eigenen Regierung brandmarken und den prominentesten Kritiker seiner überstürzten Öffnungspolitik aus dem Weg räumen. Tatsächlich hatte Fauci anfangs die Schließung der Grenzen für Reisende aus China kritisiert und aus Sorge vor einem Notstand in den Krankenhäusern vom allgemeinen Maskentragen abgeraten. Diese Positionen korrigierte der Wissenschaftler jedoch schnell. Mit seinem ebenso kenntnisreichen wie uneitlen Auftreten war er wochenlang der Star bei Trumps täglichen Pressekonferenzen.

Doch zunehmend störten den Präsidenten die Warnungen vor einer Normalisierung der Wirtschaft um jeden Preis, mit der er die Wahl gewinnen will. Seit Wochen behauptet Trump, in den USA laufe alles prima. „Wenn man uns mit anderen Ländern vergleicht, kann man nicht sagen, dass wir das großartig machen“, widersprach Fauci in einem Podcast-Gespräch: „Ich meine, das tun wir einfach nicht.“ Nach Einschätzung des Immunologen haben die USA „nicht einmal begonnen“, das Ende der Krise zu sehen und müssen ihre Lockerungen zurücknehmen.

Solche Mahnungen mag Trump nicht hören. Er hat die Fernsehauftritte von Fauci radikal reduzieren lassen. Viel spricht dafür, dass er den Experten am liebsten feuern würde. Doch davor schützt diesen nicht nur sein Beamtenstatus. Auch in der öffentlichen Meinung würde dem Präsidenten ein Rausschmiss kaum gut bekommen: Nach einer Umfrage der „New York Times“ und des Siena College vertrauen 67 Prozent der US-Amerikaner Faucis Aussagen. Dem Präsidenten glauben gerade mal 26 Prozent.

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