Reaktionen in USA

Trump verstört auch treue Gefolgsleute

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Massive Kritik an Rückzug von US-Truppen.

Ein geordneter Rückzug sieht anders aus. Die meisten Washingtoner Beamten steckten noch im Stau, als Donald Trump am Montagmorgen per Twitter überraschend das Ende des amerikanischen Engagements in Syrien verkündete. „Es ist Zeit für uns, aus diesen lächerlichen Endlos-Kriegen herauszukommen“, verkündete der US-Präsident: „Türkei, Europa, Syrien, Iran, Irak, Russland und Kurden müssen nun mit der Situation klarkommen.“

Mehr als 24 Stunden mit wilden Trump-Tweets, einem Aufstand republikanischer Senatoren und widersprüchlichen regierungsamtlichen Erklärungen später rätselten Beobachter am Dienstag immer noch, was den US-Präsidenten zu der abrupten Entscheidung bewogen hat und welche Folgen sie hat. Nach Medienberichten waren weder das amerikanische Verteidigungsministerium noch Nato-Alliierte oder engste innenpolitische Trump-Vertraute in den Kurswechsel eingebunden. „Was ist das für eine Botschaft an unsere nächsten Verbündeten?“, empörte sich Brian Kilmeade, der sonst linientreue Moderator von Trumps Lieblingssendung „Fox and Friends“. Die USA habe die Kurdenmilizen bewaffnet und die Drecksarbeit machen lassen: „Und nun sagen wir: Viel Glück? Ein Desaster!“

Zwar schränkten Regierungsvertreter in Hintergrundgesprächen ein, es gehe keineswegs um einen Abzug aller 1000 US-Soldaten aus Syrien. Vielmehr sollten 50 bis 100 US-Soldaten, die im Nordosten des Landes nahe der Nähe der türkischen Grenze stationiert sind, innerhalb Syriens verlegt werden, um bei einer türkischen Offensive nicht ins Feuer zu geraten. Tatsächlich wurden bereits Dutzende US-Militärangehörige aus der Region abgezogen.

Vertreter des State Departments bemühten sich zu dieser Zeit noch, Ankara von einer Invasion abzuhalten. Doch der allgemeine Eindruck in Washington war, dass Trump dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan bei einem Telefonat am Sonntagabend „grünes Licht“ für die Einrichtung einer höchst umstrittenen türkischen „Schutzzone“ im kurdischen Nordosten Syriens gegeben hat.

Dass die USA ihre kurdischen Verbündeten im Kampf gegen die Terrororganisation IS buchstäblich über Nacht dem türkischen Erzfeind auslieferte, sorgte unter Trumps gewöhnlich gefolgsamen republikanischen Parteifreunden für offene Empörung. „Das ist ein großer Sieg für Iran, Assad und IS“, kritisierte Senator Lindsey Graham, der engste Golf-Freund des Präsidenten. „Ein katastrophaler Fehler“, urteilte Liz Cheney, die ranghohe Senatorin von Wyoming. Und Mehrheitsführer Mitch McConnell mahnte: „Den amerikanischen Interessen wird am besten durch Führung, nicht durch Nachgeben oder Abzug gedient.“

Unter dem Eindruck der ungewöhnlich massiven Kritik feuerte Trump einen bombastischen Tweet ab: „Falls die Türkei irgendetwas macht, das ich in meiner großartigen und unvergleichlichen Weisheit als tabu betrachte, werde ich die Wirtschaft der Türkei total vernichten und auslöschen.“ Die Kommentatoren amerikanischer Zeitungen fragten sich nicht nur, was der Präsident als „tabu“ bezeichnet und wie er reagieren würde. Vor allem die bizarre Selbstcharakterisierung des Mannes, der sich für ein „stabiles Genie“ hält, sorgte für Besorgnis.

Ein Ablenkungsmanöver?

„Bin ich der einzige Psychologe, der diese Drohung alarmierend findet?“, fragte Daniel Gilbert, Psychologie-Professor an der renommierten Harvard-Universität, bei Twitter. George Conway, der Ehemann von Trumps enger Beraterin Kellyanne Conway, hat dem Präsidenten vor wenigen Tagen in einem viel beachteten Essay für die Zeitschrift „The Atlantic“ attestiert, dass er als „krankhafter Narzisst und Soziopath“ nicht amtsfähig sei.

Spekuliert wird nun auch, was Trump zu dem Pakt mit Erdogan bewogen hat. Dieser bringt nicht nur die Kurden im Nordosten Syriens in Lebensgefahr, sondern könnte auch den von ihnen bewachten IS-Kämpfern im drohenden Chaos die Flucht ermöglichen. Der konservative Publizist David Frum äußerte die Vermutung, dass Trumps private Geschäftsinteressen in der Türkei den Ausschlag gegeben haben.

Auch gerät der US-Präsident innenpolitisch in der Ukraine-Affäre zunehmend unter Druck. Insofern könnte er nach Meinung anderer Beobachter ein Ablenkungsmanöver gestartet haben, das seinen Anhängern gefällt.

„Syrien sollte eigentlich ein Kurzzeit-Einsatz sein“, sagte Trump bei einer improvisierten Pressekonferenz: „Ich habe im Wahlkampf versprochen, dass ich unsere Truppen heimbringe.“ Gleichzeitig keilte er gegen Deutschland und Frankreich, die sich weigern, die im Nordosten Syriens inhaftierten IS-Kämpfer aus ihren Ländern zurückzunehmen. „Die sind daran gewöhnt, dass die USA der Trottel ist“, wetterte Trump. Doch damit sei es vorbei.

Eine Strategie präsentierte er nicht. Vielmehr betonte er, die USA seien 7000 Meilen weit weg, und die Nachbarländer sollten sich um die Probleme kümmern. Dann setzte er zu einer Tirade gegen die Demokraten und deren Impeachment-Verfahren an. „Es ist ein Glück, dass ich Präsident bin“, so Trump: „Die wenigsten Menschen könnten mit einer solchen Situation umgehen.“

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