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Der Bahnhof Oculus, wo einst das World Trade Center stand. Architekt Santiago Calatrava wollte damit an die Flügel einer Taube erinnern. Hierher kommen meist nur touristische Gäste, kaum Einheimische.
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Der Bahnhof Oculus, wo einst das World Trade Center stand. Architekt Santiago Calatrava wollte damit an die Flügel einer Taube erinnern. Hierher kommen meist nur touristische Gäste, kaum Einheimische.

9/11: Stadtentwicklung

Das trügerische Glitzern von New York

  • Sebastian Moll
    VonSebastian Moll
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Nach 9/11 machte Bürgermeister Michael Bloomberg aus New York ein Luxusprodukt. Dann kam Corona – und legte die Missstände schonungslos offen. Vom Leben in einer Stadt zwischen zwei existenziellen Krisen.

Das erste Mal, dass ich Michael Bloomberg begegnete, war im Herbst 2002. Bloomberg war seit knapp zehn Monaten als Bürgermeister von New York im Amt, und er schien mit Ruhe, Übersicht und Zuversicht die Stadt aus einer der schwersten Krisen ihrer Geschichte herauszuführen.

Ich stand mit einer Meute von Reporterinnen, Reportern und Kameraleuten im Wintergarten des World Financial Center (WFC), direkt gegenüber der Grube von Ground Zero, wo auch ein Jahr nach 9/11 noch Teams aufräumten und in den Trümmern nach menschlichen Überresten suchten. Unter der Glaskuppel des WFC, die wundersam das Attentat überstanden hatte, herrschte hingegen Euphorie und Aufbruchstimmung.

Bloomberg hatte die Medien zusammengerufen, um in seinem typisch lakonischen Tonfall die Kampagne zu New Yorks Olympiabewerbung für das Jahr 2012 offiziell zu eröffnen. Kaum jemand unter den Presseleuten sah das damals so kritisch, wie das heute bei Olympiabewerbungen üblich ist. Im Gegenteil: Die Initiative wurde als Zeichen für die Widerständigkeit der Stadt gesehen – sie demonstrierte, dass sie sich nicht unterkriegen lässt und trotz dieses schweren Schlags wieder nach vorne schaut.

Die Idee für die Olympiabewerbung war allerdings schon lange vor 9/11 geboren worden. Genau gesagt, gab es diese Pläne seit 1994.

Damals hatte sich der Investmentbanker Dan Doctoroff mit einer Gruppe einflussreicher und kapitalstarker New Yorker Geschäftsleute zusammengesetzt und überlegt, dass eine solche Bewerbung ein hervorragender Anreiz zur Erschließung und Entwicklung großer Brachflächen in der Stadt wäre. Man könnte an der Westside von Manhattan über einem U-Bahn-Depot ein Stadion bauen, das dann später die New Yorker Footballteams aus den Vorstädten in die Stadt locken würde. Man könnte Industriebrachen in Brooklyn und Queens in Sportstätten und Unterkünfte für Athletinnen und Athleten verwandeln und so all diese Gegenden für Neuinvestitionen fruchtbar machen.

Nun, im Jahr 2002, saß Doctoroff am Drücker. Nach seiner Wahl im November 2001, nur zwei Monate nach 9/11, hatte Bloomberg ihn zum stellvertretenden Bürgermeister ernannt und mit der Stadtentwicklung betraut.

Als Bloomberg sich Anfang 2001 entschloss, für das Bürgermeisteramt zu kandidieren, kannten ihn die meisten Menschen in New York nicht. Er hatte zwar mit seinem Finanzinformationsdienst ein sagenhaftes Vermögen angehäuft, doch außerhalb der New Yorker Finanzelite war er kaum jemandem ein Begriff.

#Im September 2001 hatte sich sein Name, nicht zuletzt wegen seines unkonventionellen Wahlkampfs, den Menschen der Stadt zwar eingeprägt, doch Bloomberg blieb nach wie vor ein Außenseiter; New York wählt traditionell demokratisch, und Bloomberg trat als Republikaner an. Sein Vorgänger Rudy Giuliani war als Republikaner nur gewählt worden wegen einer ganz bestimmten, vor allem gefühlten Krise: die Gewaltkriminalität, gegen die der einstige Staatsanwalt mit Macht und letztlich erfolgreich vorzugehen versprach.

Die Krise, die Michael Bloomberg zu bewältigen hatte, begann am 11. September 2001. Dieser Tag stellte die Prioritäten der New Yorker Politik auf den Kopf. Themen wie bessere Schulen oder bezahlbarer Wohnraum rangierten auf der Liste der Sorgen der Bürgerinnen und Bürger nach unten. Wichtig war nun erst einmal, dass jemand den befürchteten Absturz des Standorts New York in die internationale Bedeutungslosigkeit verhinderte. Bloomberg schien dafür der richtige Mann zu sein: Er war ein erfolgreicher Unternehmer mit nachweislichen Managerqualitäten, trat sachlich und unideologisch auf. Er würde einfach anpacken und Probleme lösen.

Die Wahl von Michael Bloomberg unter dem traumatischen Eindruck von 9/11 war folgenreich. Er blieb zwölf Jahre im Amt und formte die Stadt, wie kaum ein anderer Bürgermeister vor ihm. Heute ist sie nicht wiederzuerkennen. Sie wurde, wie der Soziologe Julian Brash in seinem Buch über „Bloomberg’s New York“ beschrieb, als Produkt umgedacht. Zielgruppe waren internationale Firmen, deren Angestellte sowie die Tourismusbranche. Sie sollten Geld in die lokale Wirtschaft und den Stadtsäckel pumpen und New York auf dem Weltmarkt mit anderen Städten im Wettbewerb halten.

Dazu wurde Nachbarschaft um Nachbarschaft aufgewertet und „gebranded“, meist mit Hilfe privater Investitionen. Bloomberg ließ 40 Prozent der Fläche von New York „re-zonen“ – das heißt, der Milieuschutz und traditionelle Nutzungsbeschränkungen wurden aufgehoben, um sie für Investoren attraktiv zu machen. Ein Gentrifizierungs- und Verdrängungsprozess ohnegleichen kam in Gang. Auf die wachsende Kritik an dieser Politik antwortete Bloomberg einmal kaltschnäuzig, New York sei ein Luxusprodukt; wer es sich nicht leisten könne, müsse eben wegziehen.

Dan Doctoroffs Pläne für die Entwicklung der Westside von Manhattan unter dem Deckmantel einer Olympiabewerbung standen stellvertretend für die Vision einer Stadt, welche die „transnationale Kapital-Klasse“, wie Julian Brash sie nannte, schon lange gehegt hatte. Mit dem Schock von 9/11 waren sie nun plötzlich umsetzbar. Bestes Beispiel für diese Vision ist das Viertel rund um Ground Zero selbst. Das ursprüngliche World Trade Center hatte bereits eine Umwidmung eines organisch gewachsenen, funktionierenden Stadtviertels bedeutet. Die Türme waren hermetisch aus dem Stadtgefüge herausgelöst. Nach Büroschluss war die Umgebung tot.

Jegliche Hoffnung, diesen Prozess nach 9/11 umzukehren, wurde jedoch im Keim erstickt. Die Menschen bekamen ihr Viertel nicht zurück, im Gegenteil: Es entstand ein Campus mit einem abstrusen Überangebot an Büroraum. Die Gegend wurde zur Spekulations-Spielwiese für Bauinvestoren, gefördert von Milliardenzuschüssen von Stadt und Staat für den Wiederaufbau. Die Gedenkstätte und das Museum sind derweil touristische Tummelpätze. Die New Yorkerinnen und New Yorker verirren sich nur selten dorthin.

Der angrenzende Finanzdistrikt, aus dem die Firmen schon längst geflohen waren, weil die physische Nähe zur Börse im Internetzeitalter hinfällig war, leerte sich mit 9/11 noch weiter. Auch hier funktionierte die Krise als Beschleuniger. Danach stürzten sich wiederum die Bauentwickler auf die hübschen alten Wolkenkratzer, um sie in Luxusapartments zu verwandeln. Heute ist das, was noch immer „Wall Street“ heißt, ein steriles High-End-Viertel, durchsetzt von „Boutique-Hotels“ für wohlhabende Geschäftsreisende und begüterte Urlaubende.

Viele New Yorker durchschauten diese Instrumentalisierung von 9/11 rasch, ebenso wie sie erkannten, dass die Anschläge für eine Bandbreite von nationalen politischen Zielen und Ideen genutzt wurden – von einer dramatischen Militarisierung des Landes bis hin zu einer restriktiven Einwanderungspolitik und einem grotesken Überwachungsapparat.

Dem jährlichen Ritual des 9/11-Gedenkens konnte die Stadt deshalb schon bald nichts mehr abgewinnen. Ihre traumatischen Erlebnisse und Erinnerungen behielten die Menschen lieber für sich und tauschten sie im Privaten aus, als sich an den kitschigen jährlichen Ritualen rund um Ground Zero zu beteiligen.

Bloomberg wurde zähneknirschend zwei Mal wiedergewählt, es war jeweils kein kompetenter Gegenkandidat in Sicht und New York nach 9/11 eine große Sehnsucht nach Stabilität hatte. Nachdem es Bloomberg nicht geschafft hatte, sich durch eine Verfassungsänderung ein viertes Mal auf den Wahlzettel setzen zu lassen, gewann im Jahr 2014 der Demokrat Bill de Blasio die Bürgermeisterwahl. Er trat dezidiert als Anti-Bloomberg an und versprach, etwas gegen die extreme soziale Ungleichheit zu tun. De Blasio wollte in sozialen Wohnungsbau investieren, die Polizeigewalt eindämmen und das absurd gewordene Wohnsitzlosenproblem lösen.

New York war zunächst von ihm begeistert. Die Menschen wollten keinen Technokraten mehr an der Spitze, der alleine darauf bedacht ist, Budgets auszugleichen und es Firmen und Touristen recht zu machen. Sie wollten jemanden, der für sie da ist. Doch De Blasio stellte sich als schwach heraus. Er wird, wenn er nun Ende des Jahres sein Amt abgibt, als einer der ineffektivsten Bürgermeister in die Stadtgeschichte eingehen. Er hat es nicht geschafft, sich gegen die Strukturen und mächtigen Interessen durchzusetzen, die sich in der Bloomberg-Zeit etabliert haben.

Wie wenig De Blasio bewirkt hat, wurde dramatisch deutlich, als New York zu Beginn des Jahres 2020 erneut zum Epizentrum einer globalen Krise wurde. Corona machte die extreme soziale Ungleichheit in der Stadt erkennbar wie kein Ereignis zuvor. Im Frühjahr 2020, als das Virus durch die Stadt raste, wurden die ärmeren, zumeist ethnisch stark gemischten Viertel zu Todeszonen. Dicht gedrängte Wohnverhältnisse, medizinische Unterversorgung und die Notwendigkeit, trotz allem als Supermarktkassiererin, Krankenschwester oder Zugführer zu arbeiten, ließen hier die Pandemie durchschlagen wie nirgendwo sonst.

Und das Ausmaß der Obdachlosenkrise ließ sich nicht länger aus dem Blickfeld der Gutsituierten verbannen. Viele der 70000 Wohnsitzlosen flohen aus den Unterkünften und tauchten im leergefegten Zentrum Manhattans auf. Leere Hotels am Times Square wurden in Zufluchtsorte und Versorgungszentren umfunktioniert.

So markiert Corona wohl das Ende der Post-9/11-Ära. Als eindringlichstes Symbol dieses Zeitenwandels stehen zweifellos die Hudson Yards, jene neue Stadt in der Stadt, die in den vergangenen Jahren an genau der Stelle entstanden sind, an der Dan Doctoroff sein Olympiastadion haben wollte. Die Olympiabewerbung fiel durch, doch die Entwicklung des Areals im äußersten Westen Manhattans schritt voran.

Im Jahr 2005 hatte Bloomberg die Baugenehmigung, drei Jahre später hatte er die Investoren für das 25 Milliarden Dollar teure Projekt zusammen. Noch während seiner Regierungszeit bewilligte er den Bau einer eigenen U-Bahn-Station für das Karree, obwohl das U-Bahn-Netz an anderer Stelle dringend sanierungsbedürftig war.

Nun ist sie fertig, die goldene Stadt voller Luxuswohntürme und High-End-Shopping-Viertel, doch niemand braucht sie. Die Wohnungen verkaufen sich nicht, in die Boutiquen verirrt sich kaum jemand. Manch einer prophezeit den Hudson Yards, dass sie eine Geisterstadt werden, ein letztes trauriges Zeugnis einer Epoche, in der sich New York auf dem Rücken einer Tragödie in einen Rausch der Dekadenz gestürzt hat.

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