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Alles für die große Feier: Mitglieder der südsudanesischen Militärkapelle warten in Juba auf ihren Einsatz.

Südsudan

Der trügerische Frieden von Juba

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In der Hauptstadt des Südsudan nehmen zwei Erzfeinde einen erneuten Anlauf, um das Land zu einen

Feigheit wird man Riek Machar jedenfalls nicht vorwerfen können. Als der südsudanesische Rebellenchef das letzte Mal nach Juba, die Hauptstadt seiner Heimat, kam, endete seine Rückkehr um ein Haar tödlich: Machar musste zu Fuß in den benachbarten Kongo fliehen, nachdem sich seine Rebellen in Juba einmal mehr mit den Regierungstruppen in die Haare geraten waren. Den tagelangen Kämpfen fielen damals im Juli 2016 Hunderte von Menschen zum Opfer. An seine Flucht wird Machar noch heute täglich erinnert: Seitdem ist das Knie des beleibten Hünen beschädigt.

Trotzdem wagte der 65-Jährige jetzt wieder den Weg nach Hause: Am Mittwoch flog er von Khartum aus nach Juba, wo sich auch zahlreiche Präsidenten aus den Nachbarstaaten einfanden. Anlass war ein „Friedensfest“, mit dem die jüngste Vereinbarung zur Beendigung des fünfjährigen Konflikts zwischen Präsident Salva Kiir und dessen Erzfeind Machar gefeiert wurde: Obwohl kaum einer damit rechnet, dass die jüngste Versöhnung dieses Mal dauerhaft sein wird. Machar selbst hat jeden Grund zur Skepsis: Schon zweimal entkam er den Truppen Kiirs nur knapp mit dem Leben. Nach dem ersten Zusammenstoß vor fünf Jahren brach anschließend der Bürgerkrieg aus. Es war der dritte in der 62-jährigen Geschichte des unabhängigen Sudans und der erste nach der Abspaltung des Südsudans im Juni 2011. Selbst betagte Südsudanesen können sich höchstens an ein paar einzelne Jahre des Friedens erinnern.

Der jüngste Waffengang war so grausam wie kein anderer zuvor: Zivilisten wurden an Bäumen aufgehängt, mit Panzern überfahren oder in ihren Hütten verbrannt, Frauen und Kinder vergewaltigt, Buben zu Kämpfern ausgebildet und Mädchen als Sexsklavinnen gehalten.

Nach einer kürzlich veröffentlichten wissenschaftlichen Untersuchung fielen dem fünfjährigen Bruderzwist fast 400 000 Menschen zum Opfer: Beinahe genauso viele Menschen, wie im syrischen Bürgerkrieg starben. Ein Drittel der Bevölkerung, mehr als vier Millionen Südsudanesen, verloren ihre Heimat: Zwei Millionen flohen ins Ausland, der Rest suchte in UN-Lagern Zuflucht oder hält sich im Busch versteckt. Außer ihrer persönlichen Rivalität hat der Machtkampf zwischen Kiir und Machar auch ethnische Hintergründe: Kiir gehört der größten Ethnie, den Dinka, an.

Die Nuer, zu denen Machar zählt, beklagen die Dominanz der Dinka, die „Dinkatur“. Mit dem jüngsten, im September unterzeichneten Friedensvertrag wird wieder eine bereits zweimal gescheiterte Lösung des Konflikts angestrebt: Machar soll wieder zum Stellvertreter Kiirs eingesetzt werden – allerdings wird es diesmal gleich fünf statt zwei solcher Stellvertreter geben.

Die „Lösung“ ist dermaßen umstritten, dass die Vertreter der westlichen Kontaktgruppe für den südsudanesischen Konflikt aus den USA, Großbritannien und Norwegen den Vertrag erst gar nicht unterschrieben. Zuversichtlicher zeigen sich die in der Intergovernmental Authority on Development (IGAD) zusammengeschlossenen Nachbarstaaten: Fünf ihrer Präsidenten erschienen zur Friedensfeier auf dem Platz neben dem Mausoleum des südsudanesischen Befreiungshelden John Garang in Juba, auf dem im Juni 2011 auch die Unabhängigkeit des jüngsten Staats der Welt gefeiert wurde.

Dort entschuldigte sich Präsident Kiir erstmals für den „Verrat an unserem Volk und seinem Befreiungskampf“. „Im Namen aller Parteien des Bürgerkriegs möchte ich für die körperlichen und psychischen Wunden, die wir unserem Volk zugefügt haben, Abbitte leisten.“ Trotz der hehren Worte halten die Spannungen zwischen den Bürgerkriegsparteien im Landesinneren an. Vor allem aus der westlichen Bahr-el-Ghazal-Provinz werden immer wieder Kämpfe gemeldet.

Das Ernährungsprogramm der Vereinten Nationen klagt, dass es die dort dringend auf Lebensmittelhilfe angewiesenen Menschen aus Gründen der Sicherheit nicht erreichen könne. In manchen Regionen sei ein Viertel der Bevölkerung akut unterernährt, teilt das Hilfswerk mit. Es gebe viele Gründe, dem jüngsten Friedensschluss keine größeren Chancen als seinen Vorgängern einzuräumen, meint Journalist und Buchautor Peter Martell („First Raise a Flag“). „Gelegentlich überrascht der Südsudan allerdings auch positiv.“

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