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Andrew Scheer, 40, ist Vorsitzender von Kanadas Konservativer Partei.

Andrew Scheer

Trudeaus Herausforderer ist sehr konservativ – und farblos

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Andrew Scheer will in Kanada Justin Trudeau verdrängen. Ihm ist vor allem dessen CO2-Abgabe ein Dorn im Auge – ein Porträt.

Als Andrew Scheer im Mai 2017 als Nachfolger von Stephen Harper zum Parteivorsitzenden der Konservativen Partei Kanadas gewählt wurde, rechnete kaum jemand damit, dass der farblose Politiker eine ernste Gefahr für den damals auf dem Höhepunkt seiner Popularität schwimmenden Justin Trudeau werden könnte. Das hat sich geändert. In Umfragen liegt seine Partei gleichauf mit den Liberalen. Seine Wahl würde auch die europäisch-kanadischen Beziehungen verändern.

Scheer, 40, Vater von fünf Kindern, fordert den sieben Jahre älteren, dreifachen Vater Trudeau heraus. 2004 gewann Scheer einen Wahlkreis in der Provinz Saskatchewan. 2011 stieg er zum „Speaker of the House of Commons“ auf, vergleichbar mit dem Bundestagspräsidenten in Deutschland. Er war der jüngste „Speaker“ in der Geschichte Kanadas. Scheer, dessen Familienwurzeln in der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Frankfurt an der Oder reichen, wurde in Ottawa geboren, besuchte dort die High School und studierte an der Universität von Ottawa Geschichte und Politik. Hier lernte er seine Frau Jill kennen, mit der er nach Regina, Hauptstadt von Saskatchewan, zog.

Scheer wurde vor seiner Wahl als Konservativen-Chef als „Harper mit einem Lächeln“ bezeichnet, da er oft mit lächelndem Gesicht auftritt. Er ist geprägt von konservativen Werten. Er ist „pro life“, will aber an der Rechtslage in Kanada, die Schwangerschaftsabbrüche erlaubt, nichts ändern. Die Liberalen attackieren ihn, weil er ein eindeutiges Bekenntnis zum Entscheidungsrecht der Frau nicht ausspricht. Bei Pride-Paraden lässt er sich anders als Trudeau nicht blicken. 2016 hat er aber zugestimmt, als die Konservativen in ihrem Programm den Widerstand gegen gleichgeschlechtliche Ehen aufgaben.

Scheer ist vehement gegen die Kohlenstoffabgabe, die Trudeau eingeführt hat. Diese will er sofort abschaffen, sollte er das Regierungsmandat bekommen. Er bekennt sich zwar zum Pariser Klimaabkommen und spricht von der Förderung „grüner Technologie“. Konkrete Aussagen über Reduktionsziele legt er nicht vor, er propagiert allerdings Pipelinebau und Ausbau der Öl- und Gasindustrie. Den Kampf gegen den Klimawandel will er vor allem auf globaler Ebene führen, weil Kanadas Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen weniger als zwei Prozent beträgt.

Während Trudeau ein bekennender Freund der Europäischen Union ist, kann man dies von Scheer nicht behaupten. Er hat sich offen auf die Pro-Brexit-Seite gestellt und die Briten aufgefordert, für den Ausstieg zu stimmen, und er attackierte Trudeau, als dieser vor dem Referendum im Juni 2016 für den Verbleib Großbritanniens in der EU plädierte. Noch im Frühsommer 2017, als schon lange bekannt war, wie sehr der Erfolg der Brexit-Kampagne auf Lügen beruhte, rühmte Scheer sich, dass er pro Brexit gewesen sei, „als es noch nicht cool war“. Scheer will Kanadas Auslandshilfe um 25 Prozent kürzen und dadurch angeblich mehr als zwei Milliarden Dollar für bedürftige Kanadier zur Verfügung haben. Dass er damit auch Mittel streichen würde, die Ländern im Nahen Osten und in Asien helfen, die viele Millionen Flüchtlinge aufnehmen, nimmt er offensichtlich in Kauf. Sein Kürzungsvorschlag sei „bizarr und Trump-ähnlich“, meint Aniket Bhushan, Professor an der Carleton-Universität Ottawa.

Auch im Nahen Osten würde Scheer den Spuren Trumps folgen: Er hat angekündigt, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die kanadische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, gegen die bisherige offizielle Position Kanadas. Scheers Vorhaben könnte die Spannungen in der Region weiter verschärfen, warnt Bessma Mamoni, Nahostexperte an der Universität von Waterloo. Die Wahl Scheers zum Regierungschef Kanadas würde damit im Klimaschutz und in der Außenpolitik Auswirkungen auf das kanadisch-europäische Verhältnis haben, das in der Trudeau-Zeit fast ständig im Gleichklang war.

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