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Argentiniens erlebt derzeit die heftigste Phase der Pandemie.
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Argentiniens erlebt derzeit die heftigste Phase der Pandemie.

Corona-Virus

Trotz Impf-Erfolgen steigen in Südamerika die Infektionszahlen

  • Klaus Ehringfeld
    VonKlaus Ehringfeld
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Die Region beklagt 30 Prozent der Toten weltweit. In vielen Ländern fehlt es an noch Vakzinen.

Der Herbst zeigt sich in Argentinien noch einmal von seiner schönsten Seite. Die letzten sonnigen und lauen Tage liegen über Buenos Aires. Noch bis vor kurzem genossen die Argentinierinnen und Argentinier diese Zeit in Cafés, bei Straßenmusik oder dem Asado, dem klassischen Grillfest, unter freiem Himmel. Aber seit dieser Woche und bis mindestens Ende des Monats werden die Menschen in dem südamerikanischen Land wieder eingeschlossen: Totaler Lockdown.

Das viertbevölkerungsreichste Land Lateinamerikas verliert die Kontrolle über die Corona-Infektionen. Im Mai stecken sich regelmäßig zwischen 25 000 und 35 000 Menschen neu mit dem Covid-19-Erreger an. Fachleute machen dafür auch die brasilianische Virusvariante P1 verantwortlich. Sie ist ansteckender und zeigt schwerere Krankheitsverläufe.

Argentiniens Präsident Alberto Fernández trat vergangene Woche vor die TV-Kameras und sagte mit düsterer Stimme: „Wir erleben derzeit den schlimmsten Moment der Pandemie“.

Tatsächlich steht das Land mit 3,6 Millionen Infizierten und 76 000 Toten unter den 15 Staaten weltweit, die am härtesten von der Viruskrankheit getroffen sind. Und so ist der Großraum der Hauptstadt Buenos Aires mit seinen 15 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner nun faktisch abgeriegelt, es gilt eine Ausgangssperre ab 18 Uhr. Auch die Schulen sind dicht, nur die Supermärkte bleiben offen.

Die Menschen dürfen sich nur noch im engen Umkreis ihres Wohnortes bewegen. Mitte Juni soll in Argentinien die Copa América ausgespielt werden, das südamerikanische Pendant zur Fußball-Europameisterschaft. Nach der Absage Kolumbiens als Co-Ausrichter wegen der sozialen Proteste dort soll Argentinien noch 15 Spiele mehr ausrichten und fünf Nationalteams mehr beherbergen. Das sei Wahnsinn, wettert der Bürgermeister von Buenos Aires, Horacio Rodríguez Larreta. Er fordert, die Copa komplett abzusagen.

In den Nachbarländern Argentiniens sieht es nicht besser aus. Neben Indien ist Lateinamerika der zweite große Brennpunkt der Pandemie. Mitte Mai sprengte die Region die Grenze der Eine-Million-Corona-Toten. Das sind fast 30 Prozent der globalen Opfer. Dabei repräsentiert die Region nur 8,4 Prozent der Weltbevölkerung. In Lateinamerika selbst konzentrieren sich die Todesopfer in wenigen Staaten. Fast 90 Prozent sind in fünf Ländern zu beklagen: Brasilien, Mexiko, Kolumbien, Argentinien und Peru.

Insgesamt hat man den Eindruck, die Länder Lateinamerikas verlieren den Kampf gegen die Pandemie. Denn sie kostet nicht nur eine Unzahl an Menschenleben, sondern auch unfassbar viele Arbeitsplätze. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind in mehr als einem Jahr Pandemie in der Region 26 Millionen Jobs vernichtet worden.

Auch bei den Impfungen hängt Süd- und Zentralamerika hinterher. Knapp drei Prozent der Bevölkerung Südamerikas ist bisher geimpft. Es brauche mehr globale Solidarität und eine gerechtere Verteilung, forderten jüngst die Staats- und Regierungschefs von Argentinien, Mexiko, Bolivien, Ecuador, Uruguay und Jamaika in einer parteiübergreifenden Allianz.

In Brasilien und Mexiko, zwei der Länder mit den meisten Todesopfern überhaupt, ist der exponentielle Anstieg der Infektionszahlen. Lange war in Lateinamerika vor allem in Brasilien, dem bevölkerungsreichsten Land, die Lage nahezu apokalyptisch. Nachdem im April bis zu 4000 Tote täglich zu beklagen waren, sind es derzeit rund halb so viele. Zudem kommt die Impfkampagne langsam, aber sicher voran. 21,2 Millionen Brasilianer:innen, also zehn Prozent der Bevölkerung, haben bereits beide Impfdosen erhalten. Der radikal rechte Präsident Jair Bolsonaro hat seine Boykott-Kampagne gegen die Immunisierungen längst aufgegeben.

Mittlerweile aber ist das Virus selbst im kleinen Nachbarland Uruguay außer Kontrolle, das lange vorbildlich war in der Virusbekämpfung. Aber mit seinen 3,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner hat es laut „Our World in Data Project“ der Oxford-Universität die höchste Todesrate pro Kopf weltweit zu beklagen.

Auch in Chile, wo bald die Hälfte der Bevölkerung geimpft ist, steigen die Infektionen. In Peru ist wieder ein Schwarzmarkt für Sauerstoff entstanden. Selbst das kleine Costa Rica in Zentralamerika wird gerade von der Pandemie überrollt. Stündlich stirbt ein Mensch in dem Land, das bisher weitgehend verschont blieb.

Und im Norden Lateinamerikas tut Mexiko so, als sei die Pandemie bereits vorbei und kehrt zu annähernder Normalität zurück. Es ist das einzige große Land auf dem Globus, das keinerlei Reisebeschränkungen verhängt hat, wo man weder PCR-Tests machen noch Quarantäne einhalten muss. Dabei zählt Mexiko mehr als 222 000 Covid-19-Tote und rund 2500 Neuinfektionen täglich. Fachleute halten das zweitgrößte Land Lateinamerikas für eines der Länder mit der größten Dunkelziffer, weil sehr wenig getestet wird. Immerhin kommen die Impfungen in den Metropolen voran.

Die Gründe für die extrem hohen Infektions- und Todeszahlen in der Region sind vielfältig, aber auch immer noch nicht eindeutig. Klar ist aber: Mehr als die Hälfte der Menschen arbeitet hier im informellen Sektor als Schuhputzer, Parkplatzeinweiser, Obstverkäufer oder Taco-Bruzzler – faktisch also als Tagelöhner. Dieser informelle Wirtschaftssektor bietet keinerlei sozialen Schutz. Und zudem zeigt sich gerade in diesen Zeiten, wie unterfinanziert und schlecht ausgestattet die öffentlichen Gesundheitssysteme sind, die angesichts der großen Anzahl schwerer Infektionsfälle vielerorts vor dem Kollaps stehen.

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