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Der belgische König Baudoin (r.) nimmt am 30. Juni 1960 an den Unabhängigkeitsfeiern im kongolesischen Kinshasa teil.
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Der belgische König Baudoin (r.) nimmt am 30. Juni 1960 an den Unabhängigkeitsfeiern im kongolesischen Kinshasa teil.

Freies Afrika

Ein Triumph, der keiner war

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Vor 50 Jahren wurden siebzehn afrikanische Länder unabhängig - doch der Kolonialismus lebte auch danach noch weiter. Ein panafrikanisches Jubiläumsfest wird nicht geben. Von Johannes Dieterich

Das freie Afrika wird 50 - aber kaum jemand hält ein Champagnerglas hoch. Mit der Unabhängigkeit eines Drittels der heute 53 Staaten des Kontinents wurde das Jahr 1960 einst feierlich zum "Afrikanischen Jahr" erklärt: Ein halbes Jahrhundert danach ist der wohlklingende Begriff jedoch vergessen. Zwar werden einige der 17 Nationen, wie am morgigen Mittwoch die Demokratische Republik Kongo, in mehr oder weniger prunkvoller Weise noch ihrer Staatsgründung gedenken, während Trümmerstaaten wie Somalia oder die Zentralafrikanische Republik ganz von ihrem Existenzkampf in Beschlag genommen sind. Doch zu einem panafrikanischen Jubelfest zum Jubiläum des afrikanischen Jahres kommt es jedenfalls nicht.

Woran das liegt, ist kein Geheimnis. Afrika hat in den vergangenen 50 Jahren wenig erlebt, was seine Bewohner stolz oder glücklich machen könnte: Eher war es eine Zeit, in der "die Dinge auseinanderfielen", wie es der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe beschrieb. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit hatte mancher Staat des Kontinents wie Ghana oder Kamerun noch eine einigermaßen funktionierende Verwaltung, eine blühende Exportwirtschaft und ein Bruttoinlandsprodukt, das dem von Südkorea oder Malaysia entsprach: Heute ist das Pro-Kopf-Einkommen des am 1. Januar vor 50 Jahren unabhängig gewordenen Kameruns gerade mal ein Zwölftel des südkoreanischen, Seoul leistet Kamerun sogar Entwicklungshilfe.

Schon die Unabhängigkeitsfeiern selbst waren höchstens dem Anschein nach Momente des Triumphs. Sie waren weniger dem erfolgreichen Kampf der afrikanischen Befreiungsbewegungen zu verdanken, als vielmehr der Erkenntnis der Europäer, dass der Unterhalt ihrer Kolonien viel zu teuer geworden war. Überstürzt entledigte man sich des Ballasts, beziehungsweise überlies ihn den Vertretern einer kleinen afrikanischen Elite, die mit den Kolonialnationen meist engste Beziehungen unterhielten - wie Senegals erster Präsident Léopold Senghor, der der Academie Française angehörte und als Soldat an der Seite Frankreichs gegen Hitler-Deutschland kämpfte, oder der Gründungsvater der Elfenbeinküste, Félix Houphouët-Boigny, der zuvor Abgeordneter der französischen Nationalversammlung war und sogar als Minister in Charles de Gaulles Kabinett diente.

So war der Kolonialismus mit der Unabhängigkeit alles andere als schon Geschichte. Er lebte in den jungen und künstlichen Staatsgebilden weiter, deren Grenzen von den Kolonialherren nach deren eigenen Vorstellungen gezogen wurden. Da die traditionellen Gesellschaftsstrukturen in vier Jahrhunderten der Sklaverei und der anschließenden Fremdherrschaft fast gänzlich zerstört worden waren, blieb den neuen afrikanischen Eliten gar nichts anderes übrig, als sich der kolonialen Verwaltungsapparate zu bedienen: Oft unterschied sich auch ihr Herrschaftsstil in keiner Weise von dem ihrer bisherigen Beherrscher. "Schwarze Haut in weißen Masken", wie der Kolonialismus-Kritiker und Psychoanalytiker Frantz Fanon höhnte.

Radikalere Geister wie der Kongolese Patrice Lumumba oder der Ghanaer Kwame Nkrumah mussten ihre Positionen mit dem Leben oder zumindest mit der Macht bezahlen. Der charismatische Befreiungsführer Lumumba stieß bei der Unabhängigkeitsfeier seines Landes am 30. Juni 1960 den belgischen König Baudouin I. vor den Kopf, als er dessen Lob der "zivilisatorischen Verdienste der Kolonialherrschaft" wütend entgegenhielt: "Wir haben den Spott, die Beleidigungen und Schläge nicht vergessen, die wir morgens, mittags und nachts über uns ergehen lassen mussten, nur weil wir als ,Neger betrachtet wurden." Auf Anordnung der amerikanischen und belgischen Regierung wurde Lumumba wenige Monate später auf bestialische Weise umgebracht, sein ghanaischer Kollege Kwame Nkrumah sechs Jahre später auf Betreiben der CIA aus dem Amt geputscht. Dass der Kongo unter einem Präsidenten Lumumba besser als unter dem vom Westen installierten raffgierigen Despoten Mobutu abgeschnitten hätte, kann kaum bezweifelt werden: Ein Südkorea wäre aus der afrikanischen Bodenschatzkammer allerdings wohl trotzdem nicht geworden.

Denn sowohl die westlichen Regierungen wie die des Ostblocks verstanden es in den 70er und 80er Jahren bestens, weiter in afrikanischen Angelegenheiten massiv mitzumischen, ihren Schützlingen durch Coups zur Macht zu verhelfen und diese Marionetten in der kalten Kriegsarena gegeneinander auszuspielen - vor allem, um sich den Zugang zu billigen Rohstoffen offenzuhalten. In jener Zeit entwickelten sich fast alle afrikanischen Staaten zurück - trotz der Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe, die zu einem Großteil in den Taschen der Marionetten, der Entwicklungshelfer und der Exportindustrie der sogenannten Geberländer verschwanden. Wie ein Hohn musste es der Bevölkerung vorkommen, als der Westen diese Hilfe in den 90er Jahren an Demokratie, "gute Regierungsführung" und die Einhaltung der Menschenrechte seitens der afrikanischen Führer koppelte: die Kolonialherren und kalten Bodenschatzkrieger spielten sich als moralische Saubermänner auf.

Seit Beginn des neuen Jahrtausends ist Bewegung in die Beziehungsstarre zwischen Kolonialisten und Kolonialisierten gekommen: Der Aufstieg neuer, einst selbst kolonialisierter wirtschaftlicher Supermächte wie China und Indien hat dafür gesorgt.

Vor allem das chinesische Interesse an afrikanischen Bodenschätzen trieb die Rohstoffpreise in die Höhe: Um seinen verspäteten Eintritt auf den längst abgesteckten Märkten wettzumachen, bietet das Reich der Mitte den afrikanischen Regierungen außerdem die Finanzierung riesiger Infrastrukturprogramme an. Das hat schon nach wenigen Jahren mehr bewirkt als ein halbes Jahrhundert westliche Entwicklungshilfe: Abgesehen vom Finanzkrisenloch im vergangenen Jahr konnte Afrika seit Beginn des Millenniums Wachstumsraten wie nie zuvor verbuchen.

Während das ruinierte Afrika für den Westen höchstens ein Rohstofflager und nie ein ernstzunehmender Absatzmarkt war, will China erklärtermaßen einen afrikanischen Mittelstand schaffen, dem es seine Industrieprodukte verkaufen kann. Geht die Rechnung auf, könnte der erstarkte afrikanische Mittelstand schließlich selbst dafür sorgen, dass sich die korrupten Eliten nicht nur selbst bereichern, sondern auch mal etwas fürs Gemeinwohl tun: Auf diese Weise würde es vielleicht zum 60. Jubiläum das "Afrikanischen Jahres" dann durchaus etwas zum Feiern geben.

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