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Triumph der Häscher

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Erfolgsmeldung: US-Soldaten im irakischen Samarra verfolgen die TV-Berichterstattung über die Festnahme Saddam Husseins.
Erfolgsmeldung: US-Soldaten im irakischen Samarra verfolgen die TV-Berichterstattung über die Festnahme Saddam Husseins. © dpa

Die Militär-Operation "Rote Morgendämmerung" endet mit der Festnahme des Tyrannen Saddam Hussein

Von DIETMAR OSTERMANN (WASHINGTON)

In Irak, hatte sich US-Statthalter Paul Bremer in den vergangenen Wochen oft getröstet, wenn er in Bagdad wieder mal unangenehme Neuigkeiten vor der Presse kommentieren sollte, gebe es halt gute und schlechte Tage. Zuletzt hatten die schlechten Tage überwogen. Der November war für die amerikanischen Besatzer und ihre Koalition der Willigen der Monat mit den höchsten Verlusten. Der Guerillakampf schien zu eskalieren. Schlangen an den Tankstellen im Land mit den zweitgrößten Ölreserven der Welt machten deutlich, dass die Bremer-Behörde auch acht Monate nach dem Fall Bagdads beim Wiederaufbau nur zögerlich vorankommt. Vor fünf Wochen musste Bremer seinen politischen Fahrplan für Irak in den Papierkorb werfen. Die USA traten mit der angekündigten Übergabe der Macht an die Iraker bis Ende Juni die Flucht nach vorn an.

Gute Tage waren selten. Der gestrige Sonntag aber war ein sehr guter Tag für L. Paul Bremer; wahrscheinlich der beste, den er seit seiner Ankunft in Bagdad erlebt hat. "Meine Damen und Herren - wir haben ihn." Als Bremer gestern vor laufenden Kameras in Bagdad vor die Presse trat, konnte er seine Genugtuung kaum verbergen. "Der Tyrann ist ein Gefangener", fuhr Bremer fort, während im Saal irakische Journalisten jubelnd von den Sitzen sprangen. "Dies ist ein großer Tag in der Geschichte Iraks."

Saddam Hussein, das lange unauffindbare Pik-Ass im Fahndungsblatt der US-Besatzer, war den Häschern am Vorabend bei der Operation "Rote Morgendämmerung" in einer Erdhöhle nahe seiner Geburtsstadt Tikrit in die Hände gefallen.

Ricardo Sanchez, der Kommandeur der US-Bodentruppen in Irak, gab erste Details der Operation vom Vortag bekannt. Anderthalb Stunden, bevor der Zugriff erfolgte, habe man einen Tipp bekommen, erklärte Sanchez. Rund 600 Soldaten der 4. Infanteriedivision sowie Spezialeinheiten haben dann einen Bauernhof nahe Tikrit umstellt und durchsucht. Das getarnte Erdloch, in dem der Ex-Diktator saß, hätten die Soldaten nicht sofort gefunden, hieß es später aus dem Pentagon. Man habe Saddam buchstäblich ausbuddeln müssen. Kooperativ und redselig sei der Mann gewesen, der sich den Soldaten dann ohne Gegenwehr ergab, berichtete Sanchez: "Er war ein müder Mann. Ein Mann, der sich in sein Schicksal ergeben hatte."

Dicht auf den Fersen

Die Jagd auf Saddam war für die Häscher lange ein frustrierendes Katz-und-Maus-Spiel gewesen. Schon am 19. März, dem ersten Kriegstag, hatte Präsident Bush persönlich einen Enthauptungsschlag genehmigt. Der Geheimdienst CIA glaubte, den Diktator und seinen Führungszirkel in einem Gebäude in Bagdads Wohnviertel Mansur lokalisiert zu haben. US-Kriegsschiffe feuerten gut drei Dutzend Mittelstreckenraketen ab, Kampfflieger klinkten über der irakischen Hauptstadt zwei bunkerbrechende Bomben aus. Das Haus wurde zerstört; zahlreiche Zivilisten kamen ums Leben. Doch Saddam war, wenn er sich überhaupt in dem Haus aufgehalten hatte, entwischt.

Auch nach der Einnahme Bagdads glaubten die US-Fahnder sich mehrfach dicht auf Saddams Fersen. Noch im April geriet dessen Privatsekretär Arid Hamid Mahmud al Tikriti in die Hände der Besatzer; nach und nach wurden fast alle aus dem engsten Führungskreis des ehemaligen Diktators gefasst. Vor allem, nachdem US-Spezialeinheiten die Saddam-Söhne Kusai und Udai im Juli erschossen hatten, stieg die Hoffnung, bald auch die Nummer eins auf der Fahndungsliste zu ergreifen. Doch Saddam blieb verschollen. Daran änderten auch die 25 Millionen Dollar nichts, die Washington auf Saddams Kopf ausgesetzt hatte - die gleiche Summe, mit der die USA die Ergreifung Osama bin Ladens belohnen wollen. Achmed Tschalabi vom Irakischen Nationalkongress erklärte, seine Organisation bekomme Hinweise auf Saddams Aufenthaltsort immer nur mit einem oder einem halben Tag Verspätung. Einmal habe man den flüchtigen Diktator nur "um Stunden" verpasst, erklärte unlängst US-Vizeaußenminister Richard Armitage. Ins Netz gingen statt Saddam damals rund ein Dutzend Leibwächter.

Der Mann aber, der jetzt in dem Dorf Ad Dawr gefasst wurde, hatte keine Leibwächter mehr. Das Video, das Bremer und Sanchez der Welt vorführten, zeigt einen zerzausten Mann mit wirrem, verfilztem Haar. Ein kahl geschorener US-Soldat wühlt darin mit Gummihandschuhen herum, als suche er Läuse. Der einst akkurat geschnittene Schnauzer war zu einem wilden Vollbart verkommen. Der Mann, vor dessen eiserner Hand und Rückkehr sich viele Iraker bis zuletzt gefürchtet hatten, glich bei seiner Verhaftung einem verkommenen Bettler.

Widerstand auch ohne Saddam

"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" kommentierte in Washington Ex-General Wayne Downing die psychologische Wirkung solcher Aufnahmen. Für die Moral jener Iraker, die im Namen Saddams gegen die US-Besatzer kämpften, sei dessen Festnahme ein "gewaltiger Schlag". Zwar mochten in Bagdad weder Bremer noch US-Kommandeur Sanchez darüber spekulieren, welche praktischen Folgen die Saddam-Ergreifung im Land haben wird. Man sei, sagte Sanchez lediglich, auf Racheaktionen der Guerilla vorbereitet.

Tatsächlich gingen in ersten Reaktionen die meisten Experten in Washington davon aus, dass der militärische Widerstand in Irak trotz der Festnahme Saddams weitergeht. "Es gibt in Irak viele Leute, die die Amerikaner nicht mögen", warnte der frühere CIA-Analyst Kenneth Pollack vor übertriebenen Hoffnungen. Die Baath-Guerilla sei ein Problem, aber "ein eher kleines". Wichtiger sei es, den Irakern im Alltag zu zeigen, dass die US-Besatzer in der Lage seien, ihr Leben zu verbessern. Zudem deuten die Umstände von Saddams Festnahme kaum darauf hin, dass er aktiv von seinem Erdloch aus eine führende Rolle im Widerstand gespielt hatte. "Er war auf der Flucht", beschrieb Sanchez die prekäre Lage des Gesuchten.

Bushs bester Tag

In Washington freilich, wo Präsident Bush bereits am späten Samstag von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld über die mutmaßliche Festnahme Saddams informiert worden war, dürfte die Erleichterung groß sein. Schon nachdem im Juli die Diktatorensöhne erschossen worden waren, hatte sich dies in Umfragen deutlich niedergeschlagen: Die Zustimmung zum Krieg ging wieder rasant nach oben. In der amerikanischen Mediengesellschaft war es mehr als nur ein Makel, wenn Bush bislang der Öffentlichkeit weder Saddam noch Osama bin Laden präsentieren konnte. Der Präsident, der gestern früh kurz nach fünf Uhr morgens von seiner Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice darüber informiert worden war, dass Saddam eindeutig identifiziert worden sei, wandte sich gegen Mittag ans amerikanische Volk. Auch für Bush war es der beste Tag seit langem.

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