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Die bayerischen Spitzenkandidaten von Bündnis 90/Die Grünen, Ludwig Hartmann und Katharina Schulze, während der Wahlparty der Partei.

Landtagswahl in Bayern

Der Triumph der Grünen

Die Grünen feiern am Wahlabend eine rauschende Party: Zweitstärkste Kraft, bestes Ergebnis in der Geschichte. Aber wie geht es weiter? Die Spitze träumt vom Regieren.

Von Mike Schier

Wer wissen will, wie groß dieses Ergebnis ist, muss nur folgende Szene beschreiben: Cem Özdemir, als Bundestagsabgeordneter eigentlich nur Besucher, steht im Landtag und erklärt in fließendem Englisch einem ausländischen Journalisten, was dieser „incredible victory“ bedeutet. Die erste Hochrechnung ist wenige Minuten alt, aber alle wollen ein wenig teilhaben am Erfolg. Bundeschef Robert Habeck ist da, Bundestagsvize Claudia Roth, Bundestags-Fraktionschef Toni Hofreiter. „Wir haben eine Zeitenwende eingeleitet“, ruft der bayerische Spitzenkandidat Ludwig Hartmann. „Heute feiern wir richtig. Morgen geht die Arbeit los.“

Nun ja, für eine ordentliche Party sind im Landtag gar nicht genügend Leute da. Der mediale Andrang ist riesig, für Parteivolk kaum Platz. Kurz vor 18 Uhr werden schnell alle nach vorne getrommelt, damit für die erste Prognose ein kamera-kompatibler Jubel zustande kommt. Drüben in der Muffathalle, ein paar hundert Meter die Isar aufwärts, warten rund 1200 bestens gelaunte Mitglieder, aber die Spitze wird noch vor den Kameras im Landtag gebraucht. 

Es ist der turbulente Höhepunkt eines atemberaubenden Wahlkampfs, der für die Grünen nur eine Entwicklung kannte; nach oben. Jede Umfrage fiel etwas besser aus als die davor. Der Schlussspurt trug euphorische Züge. Ludwig Hartmann zog am Sonntag bis 2 Uhr nachts um den Münchner Gärtnerplatz. Wahlkampf unter Partygängern in seinem Stimmkreis München Mitte. Morgens wählen, mittags eine kurze Atempause, in der er mit seinem Sohn ins Michaelibad zum Schwimmen geht. Dann kommen nachmittags die Nachwahl-Befragungen. Und das Ergebnis ist so gut, wie man es sich erträumt hat: Noch nie waren die Grünen in Bayern zweistellig. Und jetzt gleich so! Nicht nur Schulze und Hartmann gewinnen ihre Stimmkreise in München souverän. In der Landeshauptstadt sind die Grünen jetzt klar stärkste Kraft. Ein politisches Beben.

Die Party geht also bis in die Nacht. Doch ab heute wird gearbeitet. Die obligatorische Reise am Montag nach Berlin sparen sich die beiden Spitzenkandidaten – sind ja eh alle in München. Und es gibt viel zu besprechen: Erst trifft sich der Landesvorstand, dann der Landesausschuss – vergleichbar mit dem Präsidium anderer Parteien. Die Laune wird gut sein. Aber es steht auch eine schwierige Frage im Raum. Soll man mit der CSU reden? Und wenn ja: Wie ernsthaft?

Eine Fachfrau für Zusammenarbeit mit den Schwarzen steht ganz hinten im Saal: Theresa Schopper, lange bayerische Landesvorsitzende, und jetzt Ministerin in Baden-Württemberg. Sie koordiniert die grün-schwarze Koalition. Nein, sie will natürlich keine Ratschläge geben. Aber generell kann sie schon etwas sagen: „In der Regierung ist es zwar viel anstrengender als in der Opposition, aber man kann viel mehr bewegen.“ Schopper dürfte diese Botschaft auch ihren Parteifreunden mitgeben. Die Kontakte sind bestens: Katharina Schulze begann einst als ihre Arbeit im Landtag als Mitarbeiterin Schoppers. 

Der Abend ist schon ein wenig fortgeschritten, als Schulze ein wenig abgehetzt eine ganz kurze Pause im Interview-Marathon einlegt. „Ich glaube schon, dass viele Wählerinnen und Wähler jetzt von uns erwarten, dass wir unsere Themen voranbringen, für die wir gewählt worden sind.“ Ganz klar: Sie will mit der CSU sprechen.

In den Reihen der Grünen gibt es jedoch etliche Skeptiker. Am linken Flügel. Und vor allem bei der Jugend. Erst im Juli habe man einen Beschluss gegen ein solches Bündnis gefasst – einstimmig, sagt Sprecher Sebastian Hansen und listet auf: Asyl, Grenzkontrollen, Polizeiaufgabengesetz, Rhetorik gegenüber Minderheiten. „Diese Punkte sind große Probleme für uns. Wir können das unmöglich mittragen“, sagt Hansen. 1600 Mitglieder habe die Grüne Jugend. „Die überwältigende Mehrheit ist gegen ein solches Bündnis.“

In dieser Woche wird es erst einmal Sondierungen geben. Sollte Markus Söder Koalitionsverhandlungen anbieten, könnte es am Samstag zum Showdown kommen. Parteitag der Grünen in Regensburg. Die Gegner einer Koalition formieren sich. Die Spitze wird viele Gespräche führen müssen. Nicht dass auf die Party ein Kater folgt.

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