Der Triumph droht im Morast zu enden

US-Präsident George W. Bush bereitet seine Landsleute auf eine längere Besatzungszeit in Irak vor

Von Dietmar Ostermann (Washington)

Die Umwandlung Iraks zu einer stabilen Demokratie werde ein "enormes und langfristiges Unterfangen", gestand George W. Bush in Washington ein. Auch gebe es "Friedensfeinde" in Irak, welche die alliierten Truppen aus dem Land vertreiben wollten. Man werde sich aber nicht zurückziehen und eine Rückkehr zur Tyrannei zulassen: "Wir werden ihnen mit direkter und entschlossener Macht entgegen treten", verkündete der US-Präsident. Nach einem strahlenden Sieg klang das nicht mehr. Eher holte Bush nach, wozu er angesichts einer zunehmend unübersichtlichen Lage am Tigris inzwischen auch aus der eigenen Partei immer lauter gedrängt worden war: Der eigenen Bevölkerung reinen Wein einzuschenken und sie auf eine schwierige, teure und womöglich opferreiche Besatzungszeit Iraks vorzubereiten.

Seit Bush am 1. Mai die Kämpfe für beendet erklärt hat, kamen nach Informationen der Washington Post in Irak mindestens 25 US-amerikanische und sechs britische Soldaten bei Überfällen ums Leben. 178 alliierte Soldaten wurden in dieser Zeit verwundet. Pläne des US-Verteidigungsministeriums, bis zum Herbst die Truppenstärke in Irak auf 30 000 Mann zu verringern, sind Makulatur. Stattdessen wird in Washington über eine mögliche Verstärkung der derzeit 150 000 Mann starken Truppe diskutiert.

In den USA sorgen derlei Nachrichten zunehmend für Unruhe. Jüngste Umfragen weisen einen für die Bush-Regierung bedenklichen Trend aus: 56 Prozent der US-Bürger glauben zwar noch immer, dass die Dinge für die Vereinigten Staaten gut laufen in Irak. Doch die Mehrheit scheint wie Butter in der mesopotamischen Sonne dahin zu schmelzen: Anfang Juni schauten noch sieben von zehn US-Amerikanern zufrieden in Richtung Bagdad. Einen Monat davor, unmittelbar nach Verkündung des militärischen Siegs, waren es sogar 86 Prozent. Der Anteil derer, die glauben, es laufe eben nicht gut, ist seither von 13 auf 42 Prozent gestiegen.

Zwar bedeutet der aufkommende Pessimismus noch nicht, dass in den USA die Stimmung gegen das ganze Irak-Unterfangen kippt. Vorerst kann sich die Regierung auf den Patriotismus ebenso verlassen wie auf die Wirkkraft dessen, was im Land noch immer als der überzeugendste Grund für den Krieg gilt. Dass der irakische Diktator Saddam Hussein eine ernste Gefahr für die USA war, die beseitigt werden musste, glaubt trotz fehlender Beweise über seine angeblichen Massenvernichtungswaffen noch immer eine solide Mehrheit. Nichts zu tun, sei weit gefährlicher, hatte Bush seinen Landsleuten erklärt.

So aber, wie sich die Umfragen entwickeln, deutet vieles darauf hin, dass der triumphale Drei-Wochen-Krieg für die Bush-Regierung langfristig zu einem politischen Problem werden könnte. Es fehlen ein politischer Fahrplan für Irak, ausreichend alliierte Entsatztruppen sowie eine Ausstiegsstrategie. Auf einer Pressekonferenz wurde Pentagonchef Donald Rumsfeld gleich mehrfach mit dem Q-Wort konfrontiert. Q wie Quagmire, zu deutsch: Sumpf, Morast. In den USA ist dies ein Codewort für das Vietnam-Trauma. Rumsfeld wies jeden Vergleich gereizt zurück: "Es ist eine andere Zeit. Es ist eine andere Ära. Es ist ein anderer Ort."

Offiziell hat man es in Irak mit fünf Gegnern zu tun, die den Besatzern das Leben schwer machen: Plünderer, Kriminelle, Baath-Hardliner, zugereiste Freischärler, die im Zwei-Strom-Land Krieg gegen die US-Amerikaner führen wollen, sowie von Iran beeinflusste Störenfriede.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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