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Eine der freigelassenen mit ihrem Vater in Dapchi.

Nigeria

Triumph für Boko Haram

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Nigerias Regierung verliert im Propagandakrieg mit den Islamisten eine nicht unwichtige Schlacht: Die entführten Mädchen von Dapchi sind frei - weil sie Musliminnen sind.

Die Freilassung von 104 der 110 Schulmädchen, die von der Boko-Haram-Sekte im Februar aus der Kleinstadt Dapchi im Bundesstaat Yobe entführt wurden, hat in Nigeria heftige Debatten ausgelöst. Oppositionspolitiker und Journalisten widersprachen der Behauptung der Regierung in Abuja, dass für die Befreiung der Schulkinder weder Lösegeld bezahlt noch im Austausch inhaftierte Sektenmitglieder freigelassen worden seien.

Der angesehene Online-Informationsdienst „Sahara Reporter“ behauptet, die Islamisten hätten umgerechnet fünf Millionen Euro erhalten und drei ihrer Mitstreiter seien freigelassen worden. Nach Auffassung von Ayodele Fayose, Gouverneur des Bundesstaates Ekiti, handelt es sich bei dem Vorgang um ein „Komplott“ der Regierung zur Irreführung der Nigerianer.

Die 104 Mädchen wurden am Mittwochmorgen auf die selbe Weise zurückgebracht wie sie vor vier Wochen entführt worden waren. Neun Geländewagen mit den schwarzen Fahnen der Extremisten preschten am helllichten Tag in das Städtchen Dapchi und setzten ihre Geiseln unter dem Jubel der Bevölkerung ab. Sektenmitglieder hätten die Hände von Eltern der Entführten geschüttelt und sich für die Geiselnahme entschuldigt, erzählten Augenzeugen: Hätten sie gewusst, dass es sich um muslimische und nicht um christliche Schulkinder gehandelt habe, wäre es nicht zu der Entführung gekommen.

„Schickt eure Mädchen niemals wieder in die Schule“, sollen die Boko-Haram-Milizionäre den Eltern eingebläut haben, bevor sie sich wieder aus dem Städtchen verzogen. Während der Übergabe waren offenbar weit und breit keine Soldaten oder Polizisten zu sehen. Das sei mit der Sekte so vereinbart gewesen, teilte ein Sprecher der Sicherheitskräfte mit. Die Soldaten hätten außerhalb des Städtchens bereitgestanden, um notfalls einzugreifen.

Sechs Schülerinnen zwischen elf und 19 Jahren fehlten bei der Übergabe. Fünf von ihnen seien gleich nach der Entführung ums Leben gekommen, berichtete eines der freigelassenen Mädchen: Sie seien bei dem Gedränge und Getrampel auf den Ladeflächen der Pick-ups getötet worden. Bei dem sechsten Mädchen, der 15-jährigen Liya Sharibu, soll es sich um eine Christin handeln: Sie habe sich geweigert, zum Islam überzutreten, und werde deshalb weiter festgehalten, teilte Zeitungskolumnist und Ex-Minister Femi Fani-Kayode mit.

Der Regierung unter Präsident Muhammadu Buhari wird vorgeworfen, mit der Lösegeldzahlung die Entführungswelle der Extremisten nur weiter zu fördern. Bei der Freilassung von 82 der über 200 entführten Mädchen aus Chibok 2017 sollen bereits zwei bis drei Millionen Euro bezahlt worden sein, auch bei der Befreiung von drei Uni-Dozenten Anfang des Jahres flossen offenbar mehrere Millionen an Lösegeld. „Das ist der größte PR-Erfolg der Milizionäre seit Beginn ihres Aufstands vor sieben Jahren“, kritisiert Gouverneur Fayose: „Die Sekte wird in den nächsten Monaten noch zahlreicher und stärker werden, bis sie eines Tages die wohlhabendste und effektivste Terrorgruppe der Welt sein wird.“

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