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Selbstversuch: Der Trierer Bischof Stephan Ackermann füllt Papiere aus und führt ein Beratungsgespräch mit einer Arbeitsvermittlerin.

Hartz IV auf Probe

Trierer Bischof meldet sich arbeitslos

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Ein Bischof (nicht) ganz unten: Stephan Ackermann wird bei der Agentur für Arbeit vorstellig. Ackermann setzt sich für die Belange von Arbeitslosen ein und will sich im Selbstversuch „ein bisschen einfühlen in die Situation“.

Selbstversuche mit sozialem Touch sind eigentlich Sache von Günter Wallraff. Nun ist der Kölner Autor und Verwandlungskünstler aber gerade schwer mit Selbstverteidigung beschäftigt. Doch beherzt ist der Trierer Bischof Stephan Ackermann in die Bresche gesprungen: Am Dienstag wurde der Oberhirte von knapp 1,5 Millionen Katholiken bei der Bundesagentur für Arbeit vorstellig und meldete sich arbeitslos.

Er habe einmal selbst den ersten Gang jedes Arbeitslosen antreten wollen, um sich so auch „ein bisschen einzufühlen in die Situation“. Da wird der Geistliche seine Imaginationskraft aber noch schwer bemühen müssen. Mit Funktionären an der Seite, Presseleuten im Nacken und der Gewissheit im Rücken, die Agentur mit festem Job und sicherem Einkommen zu verlassen, unterscheidet sich Ackermanns Situation eben um das entscheidende „bisschen“ vom wahren Leben. Wie’s oft so ist, wenn Prominente sich „persönlich“ ein Bild von der Wirklichkeit machen wollen

Immerhin: Einfühlungsvermögen und Sorgfalt gab der Bischof bei der Agentur als „Begabungen“ an und als Wunsch für seine nächste Stelle eine „Leitungsfunktion“. Nach Datenbankabfrage und Vermittlungsgespräch erfuhr er: Seine Chancen stünden gar nicht schlecht. In der Jugendbildung ließe sich bestimmt was finden oder an der Uni. Auch unter Personalern würden Theologen geschätzt. Als Menschenkenner.

Ackermann macht den undankbarsten Job

Trotz des Mangels an Realitätsbezug wird Ackermann das gern gehört haben. Als Missbrauchsbeauftragter macht der 49-Jährige den vermutlich arbeitsintensivsten und undankbarsten Job, den die Bischofskonferenz derzeit zu vergeben hat. Seine engsten Mitarbeiter stöhnen bisweilen, dass die Bistumsleitung einen Löwenanteil ihrer Arbeitskraft dem Skandal um sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen durch Priester widmen muss.

Auch deshalb will Ackermann nicht bloß als der „Missbrauchsbischof“ gelten. Über die „Aktion Arbeit“, einen Solidaritätsfonds des Bistums, setzt er sich für Dauerarbeitslose ein und sorgt sich als Chef der Kommission „Justitia et Pax“ um Frieden und Menschenrechte.

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