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Trendwende lässt auf sich warten

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Von: Joachim Wille

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Um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, sind laut Expert:innen Vorkehrungen, um den Übergang zu sauberer Energie zu beschleunigen, nötig.
Um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, sind laut Expert:innen Vorkehrungen, um den Übergang zu sauberer Energie zu beschleunigen, nötig. © Imago

Der CO2-Ausstoß hat 2022 global erneut einen Höchststand erreicht. Energieversorger sollen nun Verantwortung übernehmen.

Um das 1,5-Grad-Limit der Erderwärmung zu halten, muss der globale Treibhausgas-Ausstoß bis 2030 halbiert werden, so der Weltklimarat IPCC. Im vorigen Jahr allerdings erreichten die energiebedingten Emissionen einen neuen Rekordstand. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) wurden rund 36,8 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt, ein Anstieg gegenüber 2012 um knapp ein Prozent.

Es gibt jedoch einen Lichtblick. Die IEA-Fachleute hatten nämlich wegen Putins Ukraine-Krieg und dessen Folgen für die Energiemärkte mit einem noch höheren Ausstoß gerechnet. „Die Auswirkungen der Energiekrise haben nicht zu dem anfänglich befürchteten starken Anstieg der weltweiten Emissionen geführt“, sagte IEA-Chef Fatih Birol. Er führte das auf das starke Wachstum bei erneuerbaren Energien, Elektrofahrzeugen, Wärmepumpen und Energieeffizienz-Technologien zurück. Ohne diese Entwicklung wäre der CO2-Ausstoß nach den Berechnungen der Agentur fast dreimal so stark gestiegen.

Zu dem CO2-Wachstum trug vor allem die Strom- und Wärmeerzeugung bei, in der der CO2-Ausstoß überproportional um 1,6 Prozent auf 14,6 Milliarden Tonnen stieg. Ursache dafür war ein Wechsel von Erdgas zu Kohle, unter anderem in EU-Ländern wie Deutschland, die sie als Alternative zu Gas aus Russland nutzen. CO2-erhöhend gewirkt hätten auch extreme Wetterereignisse wie Dürren und Hitzewellen sowie eine ungewöhnlich große Zahl von Atomkraftwerken, die vom Netz gingen. Durch den verstärkten Einsatz sauberer Energietechnologien seien jedoch 550 Millionen Tonnen an Emissionen zusätzlich vermieden worden.

WOHER KOMMT UNSER STROM?

Im Februar 2023 sank die Strom-erzeugung aus Windkraftanlagen im Vergleich zum Vorjahresmonat, weil weniger Wind wehte. Das schwächere Windaufkommen konnte wegen des geringen Ausbaus der Windkraft nicht kompensiert werden. In der Folge ging die Windstromerzeugung um 14 Prozentpunkte zurück.

Die Windausbaukrise setzte sich im Februar weiter fort: Ausschreibungen für neue Windkraftprojekte blieben erneut hinter den Zielen zurück.

Insgesamt erhielten Windprojekte im Umfang von 1,4 Gigawatt (GW) einen Zuschlag, ausgeschrieben war ein Fördervolumen von 3,2 GW Windkraft an Land – erreicht wurde weniger als die Hälfte des geplanten Volumens.

Im Bereich Photovoltaik wurden seit Februar 2022 neue Anlagen mit einer Leistung von etwa sieben GW installiert. Durch den Zubau konnten Solaranlagen trotz weniger Sonnenstunden mehr Strom erzeugen als im Vorjahresmonat. Die Februar-Ausschreibungen für Aufdach-Photovoltaik wurden zwar auch nicht vollständig abgerufen, allerdings wurden 90 Prozent des angestrebten Volumens erreicht. Mit 195 MW von 217 MW bezuschlagten Geboten fiel die Lücke weniger drastisch aus als bei der Windkraft an Land. FR

Alarmsignal für die Politik

Im Jahr 2021 hatte es einen extremen CO2-Anstieg um über sechs Prozent gegeben, was vor allem der wirtschaftlichen Normalisierung nach den harten Corona-Lockdowns 2020 geschuldet war. Die IEA warnt nun aber: Obwohl das CO2-Plus 2022 weitaus geringer ausfiel, befänden sich die Emissionen „weiterhin auf einem nicht nachhaltigen Wachstumspfad“. Nötig seien Vorkehrungen, um den Übergang zu sauberer Energie zu beschleunigen. Birol erinnerte daran, dass nationale und internationale fossile Energiekonzerne in der Krise Rekordumsätze machten. Sie müssten „ihren Teil der Verantwortung übernehmen, entsprechend ihren öffentlichen Versprechen, die Klimaziele zu erreichen“, sagte er. Sie sollten ihre „Strategien überprüfen“.

In Deutschland stagnierte der Ausstoß an Treibhausgasen 2022 nach Berechnungen des Thinktanks Agora Energiewende bei 761 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, was einem Minus von 39 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 entspricht. Damit hat die Bundesrepublik ihr Einsparziel von 40 Prozent, das bereits für 2020 galt, zum dritten Mal in Folge gerissen. Die Klimaziele seien „aufgrund kurzfristiger Maßnahmen für die Energiesicherheit ins Hintertreffen geraten“, so die Bewertung der Fachleute.

Der Energieverbrauch sank nach den Agora-Zahlen 2022 zwar um 4,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, unter anderem wegen massiver Preissteigerungen bei Erdgas und Strom sowie milder Witterung. Der stärkere Einsatz von Kohle und Öl habe die Emissionsminderungen durch Energieeinsparungen jedoch zunichtegemacht. Der Deutschland-Direktor der Denkfabrik, Simon Müller, sprach mit Blick auf die deutschen Klimaziele von einem Alarmsignal. Bis 2030 soll der CO2-Ausstoß um 65 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken. Im laufenden Jahr müsse die Ampel-Regierung die Trendwende schaffen.

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