Tun und Treiben der kleinen Leute

Ein Band zur "Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland" richtet den Blick auf die soziale Praxis vom 17. Jahrhundert bis 1945

Von Stefanie Schüler-Springorum

Sechs Jahre nach der großen, vom Leo Baeck Institut angeregten vierbändigen Gesamtdarstellung der Deutsch-jüdischen Geschichte in der Neuzeit liegt nun gewissermaßen dessen alltagsgeschichtliche Ergänzung vor, herausgegeben im Auftrag wiederum des Leo Baeck Instituts von der US-amerikanischen Historikerin Marion Kaplan. Und auch hier hat man auf die bewährte Form der internationalen Teamarbeit zurückgegriffen: Robert Liberles (Beer Sheva) zeichnet für den Abschnitt zur Frühen Neuzeit verantwortlich; Steven M. Lowenstein (Los Angeles) beschreibt die lange Phase der schrittweisen Integration und Verbürgerlichung zwischen 1780 und 1871; die Herausgeberin selbst schildert die Konsolidierung der jüdisch-bürgerlichen Existenz im Kaiserreich; und Trude Maurer (Göttingen) schließlich widmet sich in einer Gesamtschau dem Alltagsleben von Juden in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus.

Verklammert werden die vier Teile durch einen stringent durchgehaltenen Aufbau, der die jeweilige Epoche von innen nach außen erschließt: Alle vier Autoren beginnen mit der "materiellen Basis" jüdischer Existenz, den Siedlungsmustern und Wohnformen, schildern dann Familienleben und Kindererziehung, Arbeit und Religiosität, um schließlich das weitere Feld der sozialen Beziehungen, innerhalb der jüdischen Gemeinden und zur nichtjüdischen Umwelt, zu erkunden. Sie richten ihren Blick also auf die soziale Praxis, auf die vielen kleinen Geschichten hinter jenen großen historischen Prozessen, die die Historiker gemeinhin mit den Begriffen Emanzipation, Integration und Verbürgerlichung der deutschen Juden zu fassen versuchen, und an deren Ende die Verfolgung, Vertreibung und Ermordung einer aufs neue diskriminierten, segregierten und verarmten Minderheit steht.

Für dieses letzte Kapitel gelingt Trude Maurer durch die kühne Entscheidung, die Jahre vor und nach 1933 als Einheit zu analysieren, eine ungewöhnliche und um so bedrückendere Annäherung an die Alltagsperspektive der Verfolgten. Gleichzeitig jedoch rücken so ausgerechnet die Jahre der Weimarer Republik stark in den Hintergrund, in denen sich das jüdische Leben in Deutschland durch eine nie zuvor erreichte Vielfalt und Dynamik auszeichnete.

Der Weg dorthin, der dramatische soziale Wandel, den die jüdische Minderheit in den davor liegenden 200 Jahren durchlief, wird in den Kapiteln zuvor mit all seinen Ungleichzeitigkeiten und Verwerfungen, seinen regionalen Unterschieden und in seiner geschlechterspezifischen Differenz ausgebreitet. Gerade letzteres, die konsequente Einbeziehung der Geschlechterdimension, ist so bisher noch in keiner allgemeinen Darstellung zur jüdischen Geschichte gelungen. Dies ist mit Sicherheit nicht zuletzt dem wachsamen Auge der Herausgeberin Marion Kaplan zu verdanken, die immer noch die profundeste Kennerin dessen ist, was einmal "Frauengeschichte" genannt wurde und sich mittlerweile auch in der deutsch-jüdischen Geschichte zur Geschlechtergeschichte erweitert.

Das breite Panorama jüdischer Existenz, das so auf 470 Textseiten entfaltet wird, basiert auf einem Verständnis von Alltagsgeschichte als "Geschichte von unten", als Geschichte der "kleinen Leute", deren Lebenswelt, Erfahrungen und Wahrnehmungen im Zentrum stehen. Hier allerdings krankt das große Projekt an seinem eigenen Anspruch - nicht umsonst haben die meisten alltagsgeschichtlichen Studien das Objekt ihrer Wissbegierde so klein wie möglich gehalten: ein Dorf, eine Biografie, ein Betrieb. Denn nur so können die qualitativen Aspekte des täglichen Lebens, die Emotionen, Hoffnungen und Enttäuschungen wirklich in den Blick geraten. Eine Alltagsgeschichte, die 200 Jahre umfasst und so viele verschiedene Regionen und Settings in den Blick nimmt, tendiert aufgrund dieser Entgrenzung zu einer gewissen Beliebigkeit, und dies vor allem dann, wenn die Auswahl des Erzählten nicht hinreichend begründet wird.

Auch fällt die Analyse der Deutungen und Sinnstiftungen eben dieser "kleinen Leute" schnell hinter die Darstellung ihrer materiellen Lebenswelt zurück, wenn nicht wirklich aussagekräftige Quellen vorhanden sind beziehungsweise entsprechende Fragen aufgeworfen werden. Dies ist eben nicht nur ein Überlieferungsproblem: Die "klassischen" alltagsgeschichtlichen Zeugnisse, nämlich lebensgeschichtliche Interviews, standen natürlich nur für den letzten Zeitabschnitt zur Verfügung - und wurden hier auch ausgiebig genutzt.

Für die weiter zurückliegenden Zeiten hat man sich - neben den zahlreichen mittlerweile vorhandenen Lokal- und Regionalstudien - vor allem auf den reichhaltigen Bestand an Selbstzeugnissen im Leo Baeck Institut gestützt. Allerdings werden gerade die Autobiografien fast ausschließlich illustrativ verwendet, das heißt als zwar subjektive, aber dennoch valide Rekonstruktionen eines zurückliegenden Alltags gelesen, und nicht als Konstruktionen, die vor allem etwas über die Bedürfnisse, nachträglichen Deutungen und Sichtweisen der Autoren im Moment der Schreibens aussagen können. Dies aber würde letztlich eine enge Kontextualisierung und Begrenzung erfordern, wie sie eine Gesamtdarstellung kaum leisten kann.

Und so ist dieser Band tatsächlich das, was die Herausgeberin eingangs in Aussicht stellt, und was man zunächst angesichts des Umfangs mit Erstaunen zur Kenntnis genommen hatte: Keine Zusammenfassung, sondern "ein Vorwort und ein Anstoß", eine Ermunterung, auf diesem Weg weiterzugehen und sich der jüdischen Geschichte aus alltagshistorischer Sicht anzunähern, und dann vielleicht einmal ein Stadtviertel zu untersuchen oder einen Gerichtsbezirk, um so den vertrauten Quellen mit anderen Fragestellungen neue Antworten zu entlocken.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion