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In den späten Siebzigern waren die Bundesbürger schon geübt im Diäthalten. 1952 gab es erste Meldungen über dicke Deutsche, sechs Jahre später die erste Empfehlung zum Abnehmen im Frauenmagazin "Brigitte". Der Diät-Boom begann in den späten 60er Jahren.
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In den späten Siebzigern waren die Bundesbürger schon geübt im Diäthalten. 1952 gab es erste Meldungen über dicke Deutsche, sechs Jahre später die erste Empfehlung zum Abnehmen im Frauenmagazin "Brigitte". Der Diät-Boom begann in den späten 60er Jahren.

Der Traum vom täglichen Schnitzel

Auf die Hungerjahre der Nachkriegszeit und die Fresswelle des Wirtschaftswunders folgt: die erste Diät

Von PETRA MIES

Dicke Bäuche, Doppelkinn und dralle Hintern. Der Zweite Weltkrieg war gerade sieben Jahre vorüber, als die ersten Meldungen vom zu dicken Deutschen auftauchten. Bis zur ersten Brigitte-Diät war es dann zwar noch eine Weile hin. Doch die West-Deutschen schlemmten sich durchs Wirtschaftswunder.

Aber der Speisekarte nach.

Nach zwei Mangelwintern mit Hunger, Hunger, Hunger lechzten die Menschen nach bissfesten Alternativen zu Steckrüben, Kartoffeln, Mehlsuppe und Eichel-Kaffee. Die Kreativität der "sparsamen Hausfrau" war gefragt. Hatte sie zuvor noch als ein - im Dritten Reich propagandistisch missbrauchtes - Ideal umsichtigen Wirtschaftens gegolten, war nun schiere Not aller Ansporn ihrer Kreativität. Brennnessel tischte sie als Gemüse auf, backte Kuchen aus Kartoffeln, kochte Gerstengrütze, briet "falsche" Rouladen. Die Ersatz-Rezepte mussten mit Zutaten wie Dosenfleisch und Brühe so-schmecken-als-ob. Ein totes Pferd und erst recht ein totes Schwein waren so schnell zerteilt und schmorten im Ofen, wie ein Landwirt während einer Hamsterfahrt geplündert war.

Zwischen Care-Paketen, Lebensmittelkarten und immer schlechteren Zuteilungen blähten sich die leeren Bäuche, und die Hungernden phantasierten von Speck und Eiern. Gepanschte Milch, ranziges Brot, verfaulte Kartoffeln. Mangelernährung allenthalben. Falls überhaupt etwas in der Kochkiste der Notjahre zu finden war: Fetthaltig war es selten.

"Die Menschen sind nicht am Hunger gestorben, sondern an seinen Folgen", sagt Jürgen Teuteberg, emeritierter Professor für Kulturgeschichte der Universität Münster. "Nach dem Krieg brach die Ernährungsinfrastruktur der Zivilbevölkerung zusammen." Der 75-Jährige hat es selbst erlebt. Aber auch die "Revolution" an den Esstischen nach der Hunger-Krise hin zur Fresswelle in den Fünfziger Jahren: "Wer Fleisch auftischte, war angesehen, denn Fleisch war teurer und seltener als alles andere." Seine Schwiegermutter habe vom täglichen Schnitzel geträumt. Kein Sonntag ohne Braten.

Endlich Zucker, endlich Nudeln

Viel musste es sein nach dem Darben. Währungsreform und Wirtschaftswunder kochten nicht nur heiß, sondern auch proteinhaltig und fettig mit Schwarte. Endlich wieder Zucker, endlich Nudel-und-Reis-Optionen zur ewigen Kartoffel-Sättigungsbeilage.

Tradiertes Wissen der Hausfrauen über Jahreszeiten, regionale Erntezeiten und Einmach-Einkoch-Verfahren gingen insbesondere in Städten verloren. Dafür macht Teuteberg vor allem zwei Entwicklungen verantwortlich: Kühlschränke zogen in deutsche Haushalte ein und Supermärkte breiteten sich aus. "Spätestens um 1960 begann sich die Massen-Wohlstandsgesellschaft zu etablieren." Mit sattem Bäuerchen.

Eben zu jener Zeit war der Hawaii-Toast mit der Dosen-Ananas-Scheibe unter einer weichen und heißen Scheibletten-Käse-Decke der kulinarische Traum in der Bundesrepublik. Wer noch nicht nach Bella Italia reisen konnte, dem zweitliebsten Urlaubsziel nach Österreich, und schon gar nicht nach Hawaii, holte sich eben die Exotik in die Küche.

Der Kühlschrank, der zudem suggerierte, immer voll zu sein, etablierte sich als neues Warenlager. Während 1956 jeder West-Deutsche jährlich nur 150 Gramm Tiefgekühltes aß, war es ein Jahrzehnt später schon mehr als das Zehnfache. Bauknecht, Bosch und Co. wussten, "was Frauen wünschten": Der eigene Kühlschrank war das Status-Symbol schlechthin und rangierte 1955 auf dem ersten Platz für einen "angemessenen Lebensstandard". Männer beflügelte wohl der chromglänzende Griff des Kühlschranks, der an jenen des erträumten, aber noch nicht zu finanzierenden Autos erinnerte. Es war das Jahr, in dem Friedrich Jahn das erste "Wienerwald"-Restaurant in Deutschland eröffnete. Man ging sogar zum Essen aus: "Heute bleibt die Küche kalt ..."

Der christsoziale Bundesfinanzminister Fritz Schäffer wollte Kühlschränke in den Fünfzigern noch mit einer Sondersteuer für Luxusgüter belegen. Eiskalt mischte sich jedoch der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard ein und forderte eine attraktivere Konsum-Finanzierung. Schon Anfang der Sechziger gehörte der Kühlschrank zum Standard in siebzig Prozent deutscher Haushalte und war als notwendiges Mobiliar nicht mehr pfändbar.

"Schlanke Linie mit Apfelsinie"

Ähnlich wichtig wie die Lagerung der Lebensmittel war deren Einkauf. Noch in Rabattmarken-Zeiten erledigten ihn die Kunden selbstverständlich im kleinen Laden an der Ecke. Dort händigten ihnen die Kaufleute hinter dem Tresen alle Waren persönlich aus. Wurst gab es beim Metzger und Milch im Molkerei-Fachgeschäft.

Das änderte sich in den modernen Selbstbedienungs-Supermärkten völlig. Mit ihrem Waren-Vollsortiment modernisierten Konsum und andere Ketten den Handel mit Essbaren radikal und verdrängten die Kleinen. Mitte der Sechziger lag der Umsatz der Selbstbedienungsläden erstmals über dem der traditionellen Geschäfte. Mit leicht auszumalenden Folgen für Verpackungen und Marken: Wurden zuvor bis auf wenige Produkte wie Maggi, Dr. Oetker-Backpulver und Leibniz-Kekse die meisten Waren namenlos und lose auf Märkten und in Läden verkauft, kamen nun massenhaft in Cellophan und andere neue Verpackungen gehüllte Massenartikel in die Einkaufskörbe.

Und selbst Vaters Bier, das er bisher von seinen Kinder frisch gezapft in der Kneipe im Krug holen ließ, stand plötzlich als Flaschenbier auf dem Wohnzimmertisch. Direkt aus dem Kühlschrank.

Weil es mehr als satt nicht gibt, ersetzte Vielfalt das Immer-mehr: Immer raffinierter die Häppchen, immer schärfer die Cocktails, immer phantasievoller die Luxus-Leckereien - weg vom tief verwurzelten Ein-großes-Fleisch-muss-sein. Die Fresswelle und so mancher Gürtel schwappten über. Lange, bevor mit Twiggy der erste "Hungerhaken" neue Schönheitsideale (nicht) nährte.

"Willst Du eine schlanke Linie, halt es mit der Apfelsinie": Der Werbespruch für die Südfrüchte, anfangs nur einmal im Jahr eine Delikatesse an Heiligabend, steht für die Wende hin zur Überfluss-Kultur. Die Wahl zu haben, ist wahrer Wohlstand: Auch wenn Susanne Gerlach erst 1969 als Geburtsjahr der erfolgreichsten deutschen Diät ausmacht, "hatten wir schon 1958 einen Beitrag mit dem Titel ,Befolgen Sie diesen Gymnastik- und Diätplan, dann werden Sie sieben Pfund leichter in sieben Tagen' - das waren natürlich fürchterliche Dinge, die seinerzeit empfohlen wurden". Susanne Gerlach arbeitet als Redakteurin für Ernährung und Diäten beim Frauenmagazin Brigitte, das es seit 51 Jahren gibt. Sie macht die Anfänge der Fertiggerichte und die Globalisierung in Kühlschränken mit für die neue Körperfülle verantwortlich - jenseits des Bewegungsmangels. "In dem Moment, da Nahrungsproduktion abgetreten wurde, statt selbst zu kochen und um die Herkunft aller Zutaten zu wissen, begann das. Keiner wusste mehr, was im Brotaufstrich aus dem Supermarkt drin ist." Die Deutschen arbeiteten weniger körperlich und Firmen produzierten servierfertige Lebensmittel, während die Menschen in Büros ihr Geld verdienten. Das förderte das neue deutsche Pölsterchen-Problem. Überzuckerter Dosen-Pfirsich und die Faszination von fertigen Ravioli: Die 50-jährige Susanne Gerlach erinnert sich auch an die Neugier der fetten Jahre auf Fremdes.

Hungerkuren gibt es nicht erst seit der Brigitte-Diät, sondern beschäftigten schon in der Antike die reiche Oberschicht. Über alle Epochen bestimmten stets auch Moden, ob gerade der Dicke oder der "Hungerleider" verpönt oder angesehen war.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert entwickelten sich neue körperliche und sportliche Ideale, die in der Not der Kriege jedoch keine Rolle spielten. Erst der Wirtschaftswunder-Wohlstand machte Übergewicht zum Massenphänomen und brachte schließlich das Diktat der Waage.

Fehlernährung, zu wenig Sport, Tütenkost und Schnell-Imbiss verhindern oft den knackigen Traumkörper. So gilt bis heute: Erst kommt das Fressen, dann die Diät.

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