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Eine Palästinenserin weint vor einem Bild des Palästinenserführers in Ramallah. Arafat starb am Donnerstag um 3.30 Uhr im Militärkrankenhaus Percy bei Paris.

Trauer um Arafat

Israel erhöht Alarmbereitschaft in Palästinensergebieten

Ramallah/Paris (dpa/ap). Zehntausende Palästinenser sind am Donnerstagmorgen im Gazastreifen auf die Straßen geströmt, um ihrer Trauer über den Tod des palästinensischen Präsidenten Yassir Arafat Ausdruck zu verleihen. Manche gaben Schüsse in die Luft ab, andere trugen palästinensische Flaggen. Lautsprecher verbreiteten einige von Arafats berühmtesten Zitaten. Menschenmengen blockierten im gesamten Gazastreifen Straßen von Flüchtlingslagern und Städten. Vor Arafats Hauptquartier in Ramallah fuhren am frühen Morgen Autos mit schwarzen Fahnen, während in den Radiosendern aus dem Koran gelesen wurde. Viele seiner Anhänger, von denen einige weinten, kamen zur "Mukata" Die Palästinenserführung rief 40 Tage Trauer aus.

Israel hat nach dem Tod Arafats Polizei und Armee am Donnerstag in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Die Sicherheitskräfte sollten zusätzliche Kontrollstellen im Westjordanland und dem Gazastreifen errichten, um auf mögliche Ausschreitungen vorbereitet zu sein, hieß es.

Am Freitag ist nach Angaben von PLO-Führungsmitglied Yassir Abed Rabbo in Kairo eine Trauerzeremonie geplant. Am selben Tag soll Arafat auf dem Gelände seines Hauptquartieres in Ramallah in heiliger Erde vom Gelände der Al-Aksa-Moschee bestattet werden. Zehn Säcke Erde sollen nach Angaben eines Fatah-Sprechers aus Jerusalem nach Ramallah gebracht werden. Arafat solle in einem Steinsarg beerdigt werden, um eine spätere Umbettung nach Jerusalem zu ermöglichen, hieß es. Israel hatte eine Bestattung in Jerusalem abgelehnt. Die Palästinenser haben jedoch erklärt, an ihrem Ziel der Grabstätte in Jerusalem festzuhalten. "Die letzte Ruhestätte wird die Al-Aksa-Moschee sein", sagte Kabinettsminister Sajeb Erakat.

Im Krankenhaus Percy bei Paris begannen die Vorbereitung für die Überführung Arafats. Auf Fernsehbildern war eine Wagenkolonne mit einem Leichenwagen zu sehen, die auf das Gelände des Hospitals fuhr.

Dort war Arafat am Morgen um 3.30 Uhr im Alter von 75 Jahren gestorben. Das teilte der französische General Christian Estripeau mit, der als einziger Mediziner des Militärkrankenhauses Percy bei Paris befugt ist, offiziell über Arafats Zustand zu berichten.

"Ein großes Herz hat aufgehört zu schlagen", sagte Arafats Sekretär Tajib Abdel Rachim am Morgen in Ramallah. Der Palästinenserführer war seit dem 29. Oktober in der Klinik bei Paris behandelt worden. Er litt nach Angaben der Palästinenser zuletzt an Gehirnblutung und Organversagen.

Regierungen in aller Welt würdigten Arafat. US-Präsident George W. Bush äußerte die Hoffnung, dass die Zukunft den Palästinensern "Frieden und die Erfüllung ihres Strebens nach einem unabhängigen, demokratischen Palästina" bringe, das in Frieden mit seinen Nachbarn lebe. Außenminister Joschka Fischer betonte, für einen geordneten Machtübergang seien vor allem Wahlen wichtig.

Zum amtierenden Nachfolger war nur Stunden vor Arafats Tod der bisherige Parlamentspräsident Rauhi Fattu ernannt worden. Der Präsident hatte seit Tagen in einem tiefen Koma gelegen, während sich sein Zustand weiter verschlechterte.

Arafats Sekretär rang beim Verlesen einer vorbereiteten Würdigung zum Teil mit den Tränen. Der Palästinenserführer habe eine "grenzenlose Liebe" für das palästinensische Volk gehabt, welches er dem Traum von einem palästinensischen Staat näher gebracht habe, sagte Rachim. Arafat habe immer dafür gekämpft, "dass sein Volk geeint bleibt", um eines Tages in einem unabhängigen Staat zu leben, "auf unserem von der Besatzung befreiten Land".

Als Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) prägte Arafat seit 35 Jahren die Politik im Nahen Osten mit. Bei den Palästinensern als Widerstandskämpfer verehrt, von den Israelis als Terrorist gehasst, starb er, ohne seinen Traum von einem unabhängigen Palästinenserstaat verwirklicht zu haben.

Bereits 1988 proklamierte Arafat in Algerien symbolisch einen Staat Palästina. Nach dem Durchbruch in den Autonomievereinbarungen mit Israel erhielt Arafat 1994 zusammen mit dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Yizchak Rabin und dem israelischen Außenminister Schimon Peres den Friedensnobelpreis. 1996 wurde er mit großer Mehrheit zum Präsidenten der Palästinenser gewählt.

In den letzten drei Jahren isolierte ihn die israelische Regierung in seinem Hauptquartier in Ramallah von der Welt. Ministerpräsident Ariel Scharon machte ihn für Terroranschläge auf Israelis verantwortlich und drohte ihm sogar die gezielte Tötung an. Die US-Regierung sah in seiner Person zuletzt ein Hauptproblem für den stockenden Friedensprozess. Auch europäische Politiker mieden Arafat, dem eine Blockade notwendiger Reformen in der palästinensischen Autonomiebehörde vorgeworfen worden war.

Bei den Palästinensern blieb er laut Umfragen aber bis zuletzt der beliebteste Politiker, obwohl eine Mehrheit Korruption in seinem Führungszirkel beklagte.

Als Rahman Abdel Rauf Arafat al-Kudwa al Husseini vermutlich in Kairo geboren, gab Arafat selbst seinen Geburtsort mit Jerusalem an. Im Nahostkrieg von 1956 kämpfte er als Offizier auf ägyptischer Seite gegen Israel, ging dann als Bauingenieur nach Kuwait. Zurück in Gaza gründete der 1959 die Fatah-Organisation, die sich Mitte der 60er Jahre den bewaffneten Kampf gegen Israel auf die Fahnen schrieb, und 1969 der PLO beitrat.

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