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„Wird Hormontherapie geblockt, geraten trans* Jugendliche in Panik“

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Von: Katja Thorwarth

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Trans* Jugendliche
Petra Weitzel erklärt im Interview, mit welchen Problemen trans* Jugendliche zu kämpfen haben. (Symbolfoto) © Ute Grabowsky/ Photothek.de / Imago Images

Mit welchen Problemen haben trans Jugendliche zu kämpfen? Ein Interview mit Petra Weitzel, der Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Transidentität.

Frau Weitzel, Sie sind Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. Was ist Ihre Aufgabe?
Vor allem kümmere ich mich um Fortbildung bei Behörden, Bildungseinrichtungen, Unternehmen und Ausbildung unserer Peer Trans* Beratenden sowie um die Begleitung von Gesetzesvorhaben. Neu dazugekommen ist die Zertifizierung medizinischer Einrichtungen, zum Beispiel das Clementine Kinderhospital in Frankfurt.

Was heißt das?
Die zertifizierte Einrichtung muss zum Beispiel regelmäßige Fortbildung für alle an den Patient:innen arbeitenden Menschen vorweisen und über ein Qualitätsmanagement verfügen, dessen Auswertung uns vorzulegen ist. Weiterhin muss die gewünschte Ansprache durchgehend sichergestellt und ein Beschwerdemanagement eingerichtet sein. Der respektvolle Umgang mit trans* und nicht-binären Personen ist durch vereinbarte Maßnahmen sicherzustellen.

Transidentität bei Jugendlichen: Probleme mit Schulleitungen und Blockaden bei den Krankenkassen

Auch Jugendliche und ihre Eltern kommen zu Ihnen. Mit welchen Problemen?
Die Suche nach einem Therapieplatz und Austausch mit anderen Eltern stehen am Anfang, später sind es Probleme mit Schulleitungen - und häufige nervenzehrende Blockaden bei den Krankenkassen und durch den medizinischen Dienst: beispielsweise die Ansprache mit dem gewählten Namen, Übernachtungen bei Schulausflügen und Gutachter:innen, die sich beim medizinischen Dienst so verhalten, als wäre trans* immer noch eine psychische Störung, was sie nach der WHO seit 2018 nicht mehr ist.

Zur Person

Petra Weitzel, Jahrgang 1959, ist seit 2009 in der Peer Trans* Beratung tätig und seit 2014 Mitglied der dgti e.V. Seit 2017 ist sie hier 1. Vorsitzende der dgti e.V. Projektleitung von Reformation für Alle* - Transidentität, Transsexualität und Kirche 2017 (https://tur2017.de). Sie erhielt einen Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz 2019 für den Ausbau des Beratungsnetzwerks und Aufbau der Peer Beratungsausbildung. Maßgeblich ist sie beteiligt an der Aufnahme von geschlechtlicher Identität in das Gesetz gegen Konversionsversuche 2019.

Was machen die Hürden durch den medizinischen Dienst mit den Jugendlichen?
Die begleitenden Therapeut:innen stellen die medizinische Notwendigkeit einer Maßnahme fest, und die Gutacher:inen des medizinischen Dienstes stellen sie gleich wieder infrage. Gerade am Beginn der Pubertät verändert sich der Körper massiv und für die Jugendlichen in die falsche Richtung. Sie geraten in Panik, wenn die gerade ausgesprochene Zustimmung für eine Hormontherapie, zu der auch die Pubertätsblockade gehört, beim medizinischen Dienst geblockt wird.

Transidentität: Für manche Jugendliche verändert sich der Körper in die falsche Richtung

Wenn der Stimmbruch droht, ist nicht viel Zeit. Da kann in zehn Wochen von Antrag bis zum Abschluss eines Widerspruchsverfahrens eine Welt zusammenbrechen. Suizidversuche und behandlungsbedürftige Depressionen sind unter solchen Bedingungen stark erhöht. Da jede einzelne Maßnahme einzeln genehmigt werden muss, wiederholt sich dieser Spießrutenlauf immer wieder und macht viele trans* Jugendliche erst psychisch krank. Im Sozialsystem, bei den Spitzenorganisationen MDS und G-BA, ist Trans* eben immer noch eine psychische Störung. Wem man sie unterstellt hat, der muss von medizinischen Maßnahmen möglichst abgehalten werden: ein Teufelskreis. 

Petra Weitzel ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität dgti e.V.
Petra Weitzel ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität dgti e.V. © Privat

Die Ampel-Koalition will mit dem Selbstbestimmungsgesetz die Situation verbessern. Sind Sie mit den Plänen einverstanden?
Grundsätzlich ja, es bleibt jedoch beim Selbstbestimmungsgesetz die Frage der Altersgrenze, ab der man selbstständig eine Änderung des rechtlichen Geschlechts beantragen kann. Die Verankerung des Rechts auf geschlechtsangleichende Maßnahmen im Sozialgesetzbuch V wäre dringend nötig, um die medizinischen Dienste von einer „psychischen Begutachtung“ bei Leistungsanträgen abzuhalten. Schließlich gilt es auch das Abstammungsrecht zu überarbeiten. Jemand, der rechtlich Mann ist, kann verlangen, dass in der Geburtsurkunde seiner Kinder Vater steht, egal ob es ein trans* Mann ist oder nicht. Eine nicht-binäre Person soll Elternteil 1 oder 2 auswählen dürfen.

Selbstbestimmungsgesetz: Verankerung des Rechts auf geschlechtsangleichende Maßnahmen

Kritiker:innen des Selbstbestimmungsgesetzes sagen, Transidentität gäbe es nicht, vielmehr sei trans etwas rein Psychisches ...
Diese Leute sind nicht auf dem Stand. Die WHO sagt seit 2018: Es ist nicht psychisch, sondern ein Zustand geschlechtlicher/sexueller Gesundheit, wie Schwangerschaft oder Unfruchtbarkeit. Um 1870 hat man flüchtenden Sklaven in den USA „Fugitivismus“ als psychische Störung angedichtet. Manche beantworten das Streben nach Selbstbestimmung offensichtlich gerne mit unterstellter Unzurechnungsfähigkeit. Dass die Bundesbehörde BfArM diese neue WHO Klassifikation in Deutschland noch nicht umgesetzt hat, ist ein Skandal mit Signalwirkung für den medizinischen Dienst.

In Frankfurt war am Wochenende wieder CSD. Wie wichtig sind solche Veranstaltungen für die queere Szene? Hat das einen Einfluss auf die innergesellschaftliche Akzeptanz?
Sichtbarkeit ist das beste Mittel. Bei trans*, inter* und nicht-binären Personen ist da noch Luft nach oben. Demonstrieren und entspannt feiern zu können ist ja nicht selbstverständlich und wird vielen beim Blick nach Ungarn, Polen oder Russland wieder bewusst. Das stärkt die Community eher. Wir wünschen uns für die Akzeptanz etwas mehr Trennschärfe zwischen Drag und trans* bei den Bildern in den Medien.

Darstellung von trans* Menschen in den Medien häufig verzerrt

Haben Sie ein Beispiel?
Eine häufige Bildunterschrift zu einem Bericht über einen CSD sieht häufig etwa so aus: Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle demonstrieren für ihre Rechte. Glitzer und Drag, das erzeugt Aufmerksamkeit. Ein Symbolbild mit schrill bunten Menschen in der ersten Reihe einer CSD-Demoparade hat mit Trans* nichts zu tun, wird so aber unterschwellig damit in Verbindung gebracht. Welche Bilder damit in die Köpfe einer Personalstelle geraten, die dann eine Job suchende trans* Frau zum Bewerbungsgespräch z.B. bei einer Bank in Frankfurt einladen sollen, kann man sich denken.

Solche „Symbolbilder“ werden auch in trans*feindlichen Netzwerken gerne benutzt, wenn man wie im Fall einer transidenten evangelischen Pfarrerin bewusst ein Bild von Drag Queen Olivia Jones in einen hetzenden Beitrag einfügt. Menschen, die keinen persönlichen Kontakt zu trans* Personen haben, wird es damit leicht gemacht, sich ein Zerrbild zu malen.

Transidentität: Streben nach Selbstbestimmung wird gerne Unzurechnungsfähigkeit unterstellt

Wie sehen Sie die Präsenz der Polizei? Manche CSDs wollen keine uniformierten Polizist:innen auf ihren Demos ... 
Trans* Personen in der Polizei wie die bei Velspol e.V. haben in Zusammenarbeit mit uns erreicht, dass die Einstellungsvoraussetzungen angepasst und zusammen mit Lesben und Schwulen Ansprechstellen für queere Personen bei der Polizei eingerichtet wurden. An die kann man sich meist von intern und extern wenden. Gerade diese Arbeit ist extrem wertvoll und muss auch auf einem CSD sichtbar werden. Dort und auch sonst erwartet man, dass man von der Polizei geschützt wird. Ein Ausschluss führt zu weniger Sicherheit. Schlechte Erfahrungen müssen angesprochen werden, dürfen aber nicht zu einer Art Sippenhaft führen. (Interview: Katja Thorwarth)

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