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„Alice Schwarzer agiert gegen einen modernen Feminismus“

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Von: Katja Thorwarth

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Alice Schwarzer gibt immer noch die „Emma“ heraus.
Alice Schwarzer gibt immer noch die „Emma“ heraus. © Oliver Berg/dpa

Die Übergriffe gegen trans Menschen häufen sich. Alfonso Pantisano über Hassverbrechen - und was sie mit der Debatte über trans Identität zu tun haben.

Herr Pantisano, der Tod des 25-jährigen trans Mannes Malte hat bundesweit Entsetzen ausgelöst. Ist die Gesellschaft doch nicht so fortschrittlich, wie es allenthalben scheint?
In den letzten Jahren hat sich viel getan, doch welchen Wert hat es unter dem Strich, wenn sich queere Menschen immer noch nicht sicher fühlen dürfen, weil sie in Deutschland am laufenden Band angegriffen werden? Welchen Wert hat es, wenn zwei Drittel aller queeren Arbeitnehmer:innen am Arbeitsplatz den Kolleg:innen immer noch etwas vormachen und sich nicht trauen, offen zu leben? Welchen Wert hat es, wenn wir auf fast jedem CSD in diesem Jahr Hassverbrechen zu vermelden hatten und jetzt sogar einen Toten zu beklagen haben? Das sagt viel über unsere ach so offene Gesellschaft aus. Die Frage, die ich allen eher jeden Tag aufs Neue stellen will, ist: „Warum lasst Ihr uns nicht endlich einfach in Ruhe unser Leben, unser Begehren, unsere Liebe leben?“

In letzter Zeit geisterte eine Debatte durch die Medien, die die Existenz von trans Menschen infrage stellt. Führen solche Diskussionen zu verstärkter Transfeindlichkeit?
Wer anderen Menschen ihre Selbstbestimmung verwehrt, wer anderen vorschreibt, wie sie zu sein und zu leben haben, wer sich konstant über andere stellt, bestellt einen Boden, auf dem die Saat der Ausgrenzung und des Hasses wachsen und gedeihen kann. Alice Schwarzer beispielsweise agiert meiner Meinung nach gegen einen modernen Feminismus - zumindest, wenn man beim Feminismus alle Frauen mitmeint und nicht trans Frauen ausgrenzt. Sahra Wagenknecht hat bei Markus Lanz über „skurrile Minderheiten“ gehetzt und präsentierte auf Kosten der queeren Community so ganz nebenbei ihr neues Buch „Die Selbstgerechten“. Markus Lanz hat dabei schön mitgemischt und für diesen Irrsinn auch noch seinen besten Sendeplatz hergegeben.

Alfonso Pantisano: SPD-Politiker Wolfgang Thierse - „meine größte politische Enttäuschung“

Wolfgang Thierse, meine größte politische Enttäuschung, hat irgendwann sogar herumposaunt, „Symbol“ für die „normalen“ Menschen in unserem Land zu sein, und ging damit fast schon Hand in Hand mit der AfD, die dann kurz darauf im Bundestagswahlkampf „Deutschland. Aber normal!“ als ihr oberstes Gebot predigte. Die Welt hat einigen Wissenschaftler:innen unter anderem für Computertechnik, Meeresbiologie und Tiermedizin viel Platz für einen Gastbeitrag eingeräumt, in dem schwadroniert wurde, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk anscheinend Kinder mit einer angeblichen „ideologisch motivierten Agenda“ über Gender und Sexualität „indoktriniere“.

Kann das nicht als Meinung Einzelner durchgehen? Stichwort Meinungsfreiheit ...
Nun ja, das Schlimme ist: Viele Leute glauben diesen Blödsinn auch noch! Das Streuen von falschen Informationen in Bezug auf trans Menschen hat mit Wissenschaft wirklich nichts zu und, ich werde nicht müde, es zu wiederholen: Homophobie und Transphobie, so wie übrigens jede andere gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auch, sind keine Meinung!

Auf Twitter reagieren sogenannte „Terfs“ teilweise auf den Tod des trans Mannes und bezeichnen die Tat „im Kern als Gewalt gegen Frauen“. Was haben die eigentlich für ein Problem mit trans Identitäten?
Die Lebensaufgabe von sogenannten Terfs scheint es zu sein, unter dem Deckmantel ihres radikalen Feminismus trans Männer und trans Frauen abzulehnen und ihnen ihre Existenz abzusprechen. Dass diese Leute den Tod von Malte für ihre Hetze missbrauchen, ekelt mich an. Da fällt mir auch einfach keine diplomatische Antwort ein. Was glauben diese Leute eigentlich, dass Malte nicht auch das Kind von Eltern, Bruder, Arbeitskollege, Freund und Kumpel war?

Tod von Malte wird von AfD und teils von „Terfs“ missbraucht

Auch die AfD springt auf den Zug auf, weil der mutmaßliche Täter einen Migrationshintergrund haben soll. Was macht das mit Ihnen?
Wenn wir schon bei sogenannten Hintergründen sind, erlaube ich mir auf die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch, also auf die Enkelin von Hitlers Reichsfinanzminister Graf Schwerin von Krosigk, zu verweisen. Frau von Storch hat nämlich vor ein paar Monaten im Deutschen Bundestag eine empörende Hassrede gegen die Abgeordnete Tessa Ganserer gehalten. Diese Rede war wie ein Messerstich nach dem anderen gegen die Würde und Existenz von Tessa Ganserer, aber eben auch gegen alle trans Menschen in unserem Land.

Alfonso Pantisano ist Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands LSVD.
Alfonso Pantisano ist Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands LSVD. © Christian Anderl

Ja, Maltes mutmaßlicher Täter hat eine Migrationsgeschichte. Doch was soll uns das jetzt sagen? Hass und Gewalt gegen queere Menschen hat die unterschiedlichsten Täter:innen mit den vielfältigsten Biografien und Hintergründen. Darüber kann die AfD nicht nur das eine oder andere Lied, sondern ganze Konzerte singen.

„Hass und Gewalt gegen queere Menschen hat die unterschiedlichsten Täter:innen“

Sie selbst sind seit Jahrzehnten in der queeren Community aktiv. Was heißt diese Entwicklung für den emanzipatorischen Kampf? Tritt die Szene nicht auf der Stelle?
Es ist ein anstrengender Weg, den wir gehen, aber die queere Community kommt mit ihren Forderungen voran. Das ist die gute Nachricht. Wer eher auf der Stelle tritt, sind genau diese Leute, die immer noch in dem reaktionären Glauben leben, dass sie ein Recht hätten, sich in das Leben der anderen einzumischen. Die queere Community hat heute ein immer
stärker werdendes Selbstbewusstsein und gerade die jüngere Generation lässt sich in ihrer Emanzipation nicht einschüchtern. Wir werden den Hass unserer Gegner und vor allem unserer Gegnerinnen überwinden. Davon bin ich fest überzeugt!

Sie sind auch SPD-Mitglied und Landesvorsitzender der SPDqueer Berlin. In Ihrer Partei wird beispielsweise das geplante Selbstbestimmungsgesetz kontrovers diskutiert. Was sagen Sie Ihren Genoss:innen?
Die SPD hat eine klare Haltung zum Selbstbestimmungsgesetz. Dass eine große Volkspartei vereinzelt immer auch Menschen um sich hat, die den Fortschritt und den Wandel zum Wohle aller ablehnen, ist per se nicht außergewöhnlich – und sogar demokratisch, wenn auch nicht sozialdemokratisch.

„Wir beklagen gefühlt täglich Angriffe gegen queere Menschen“

Geht es etwas genauer?
Auch wir in der SPD haben die eine oder andere Abgeordnete, die mit altmodischen Konzepten die Moderne gestalten will. Doch diese Leute erkennen, dass ihre Zeit langsam ausläuft, denn eine progressive und vielfältige, plurale Gesellschaft kann sich ein Festhalten am gefühlten Mittelalter nicht erlauben. Mit Blick auf die SPD-Bundestagsfraktion freue ich mich daher auf all diejenigen, die im Kampf gegen das unwürdige Transsexuellengesetz auf der richtigen Seite der Geschichte stehen werden. Und das ist die große Mehrheit.

Was muss passieren, dass Menschen wie Malte in unserer Gesellschaft geschützt werden?
Wir beklagen gefühlt täglich Angriffe gegen queere Menschen und viele in der Community fragen sich besorgt, wann dieser Hass sie womöglich auch treffen wird. Die Prävention, Erfassung und Bekämpfung von Hassgewalt gegen Lesben, Schwule, bisexuelle,
trans- und intergeschlechtliche Menschen muss verbessert werden - und zwar überall in unserem Land. Das ist im Wesentlichen Aufgabe der Bundesländer. Daher erwarten wir im Lesben- und Schwulenverband in Deutschland, wo ich ehrenamtlich als Bundesvorstand tätig bin, dass es ein effektives Bund-Länder-Programm gegen LSBTI-feindliche Gewalt geben wird.

Dazu gehört auch, die Beratungs- und Hilfseinrichtungen für Opfer von Gewalt zu stärken. Dieses Signal muss auch durch Ampelregierung unterstützt werden, daher freue ich mich, dass jetzt nach fast einem Jahr des Stillstands, Bundesinnenministerin Nancy Faeser endlich einen unabhängigen Arbeitskreis an Expert:innen einsetzt. Die Innenminister:innen und Innensenator:innen müssen jetzt beweisen, dass sie die Sicherheit und den Schutz der queeren Community wirklich ernst nehmen. (Interview: Katja Thorwarth)

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